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Elfriede Jelinek

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geboren am 20. Okt. 1946 in Mürzzuschlag, Steiermark

österreichische Schriftstellerin, Literatur-Nobelpreis 2004
65. Geburtstag am 20. Oktober 2011


elfriede jelinekElfriede Jelinek wuchs als Tochter der Personalchefin eines Großunternehmens (Olga, geb. Buchner) und eines aus proletarischen Verhältnissen stammenden Chemikers (Dr. Friedrich Jelinek) in Wien auf. Ihre Zeit in einem katholischen Kindergarten und in einer Klosterschule beschreibt sie später als sehr einengend. Schon während der Schulzeit erhielt sie Orgel- und Klavierunterricht am Wiener Konservatorium. Sie studierte Kunstgeschichte und Theaterwissenschaft an der Universität Wien und schloß 1971 ihr Orgelstudium ab.

Seit 1966 lebt Jelinek als freie Schriftstellerin abwechselnd in Wien und München. 1974 heiratet sie Gottfried Hüngsberg, der damals Filmmusik für Rainer Werner Fassbinder schreibt, seit Mitte der 70er jedoch als Informatiker in München tätig ist.

elfriede-jelinekJelineks Werk läßt sich drei Phasen zuordnen. In ihren ersten Arbeiten kritisiert sie den Kapitalismus und die Konsumgesellschaft. In den 80er Jahren übt sie ätzende Kritik an der patriarchalen Gesellschaft. “In den Romanen Oh Wildnis, oh Schutz vor ihr (1985), Die Klavierspielerin (1988), Lust (1989), Die Kinder der Toten, den Dramen Was geschah, nachdem Nora ihren Mann verlassen hatte oder Stützen der Gesellschaft (1979), Clara S. (1982) und Krankheit oder Moderne Frauen (1984) beschreibt sie die tödlichen Fallen, in die weibliche Figuren verstrickt sind” (Dagmar von Hoff) – allerdings ohne ihre Heldinnen positiv zu gestalten. Seit Ende der 80er Jahre attackiert sie die faschistische Vergangenheit und antisemitische Gegenwart Österreichs und Deutschlands. 1998 erhielt Jelinek den Büchnerpreis.

elfriede jelinek2004 erhält Elfriede Jelinek den Nobelpreis für Literatur. In der am 7. Oktober veröffentlichten Begründung nennt das Komitee “den musikalischen Fluß von Stimmen und Gegenstimmen” in ihrem Werk, “die mit einzigartiger sprachlicher Leidenschaft die Absurdität und zwingende Macht der sozialen Klischees enthüllen”

Elfriede Jelinek ist die zehnte Frau, die den Literaturnobelpreis bekommt. Ihre Vorgängerinnen in der 90prozentigen Männerriege sind:

1909 Selma Lagerlöf, Schweden (1858-1940)
1926 Grazia Deledda, Italien (1871-1936)
1928 Sigrid Undset, Norwegen (1882-1949)
1938 Pearl S. Buck, USA (1892-1973)
1945 Gabriela Mistral, Chile (1889-1957)
1966 Nelly Sachs, Schweden/Deutschland (1891-1970)
1991 Nadine Gordimer, Südafrika (*1923)
1993 Toni Morrison, USA (*1931)
1996 Wislawa Szymborska, Polen (*1923)


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Zitate über Jelinek

Das Land braucht oben viel Platz, damit seine seligen Geister über den Wassern ordentlich schweben können. An manchen Stellen gehts über dreitausend Meter weit hinauf. Soviel Natur ist auf dieses Land verwendet worden, daß es seinerseits, vielleicht um seine Schuld an die Natur zurückzuzahlen, mit seinen Menschen immer recht freigiebig umgegangen ist und sie, kaum angebissen, auch schon wieder weggeworfen hat.” (Die Kinder der Toten, 1995) – 50 Jahre nach Kriegsende erzählt Jelinek in ihrem Anti-Heimatroman von der verdrängten Nazi-Vergangenheit und wie die neue Republik auf dem unsicheren Fundament von Millionen verleugneter Ermordeter errichtet worden ist. Gräßlicher sei Österreich (so die Literaturkritikerin Sigrid Löffler) als Toten- und Töterreich nie dargestellt worden. (Dagmar von Hoff)

Leider ist die ästhetische Kraft ihres Werkes oft unterschätzt und die Autorin pathologisiert worden, wofür Jelineks Interview-Strategie, nämlich dem Fragenden seinen Horizont zurückzuspiegeln, selbst sorgt. (Dagmar von Hoff)

Ich will Frau Jelinek nicht hindern, eine gewisse Zeit in sich zu gehen. Wenn sie wieder rauskommt, gefällt’s ihr bestimmt überall besser. (Thomas Gottschalk, zitiert nach Emma, Sept./Okt 1997, S. 55)

Ihre Literatur sei Lesefolter, sei Pornographie, findet die Kritik, und ihr Leserpublikum neigt dazu, von der Bösartigkeit des Geschriebenen auf die Bösartigkeit der Schreiberin kurzzuschließen: Man verfällt oft dem Irrtum, die Autorin für unmenschlich, lieblos und zynisch zu halten, weil sie die Unmenschlichkeit und Lieblosigkeit so zynisch beschreiben kann. (Sigrid Löffler in Emma 10/1985)

Das Besondere an Jelineks Werk ist die politische Brisanz ihrer Themen und die ästhetische Sprengkraft ihrer Texte. … Als eine der bekanntesten und umstrittensten Autorinnen im deutschsprachigen Raum schreibt sie Prosa und Dramen, die keine zentrale Interpretation, die das Herz ihrer Texte träfe, zulassen. Vielmehr entwickelt sie eine Struktur, die dezentriert. Für diese Struktur weidet sie verschiedene Textkörper aus, zerlegt sie und fusioniert Partikel neu. Die Worte der anderen, Trivialpartikel, Literatur und Theoriediskurse, zerlegt sie und montiert sie zu einem Textgewebe, das zersetzt, aber auch konstruiert. (D. von Hoff)

Zitate von Jelinek

Elfriede Jelinek im Gespräch mit Marlene Streeruwitz, aufgezeichnet in der Emma, Sept./Okt 1997:

Ich war bei den Männern nie so beliebt wie die Bachmann.

Natürlich ist es auch so, daß ich mit meiner Art, mich zu schminken und zu kleiden, versuche auszugleichen, daß ich die Frauenrolle nicht rechtzeitig und nicht wirklich gut gelernt habe.

Nachdem man die Frau jahrhundertelang auf ihre biologische Funktion festgelegt hat, kann man sie jetzt ganz abschaffen.

Wir finden Worte für das, was los ist, aber es bleibt folgenlos.

Man gesteht uns nicht zu, Ich zu sagen. Und im Grunde können wir es auch nicht. … Deswegen schreibe ich so exemplarisch, ich beschreibe keine Einzelschicksale. Ich beschreibe ein weibliches Es und habe tatsächlich das Gefühl, daß ich für alle Frauen mitschreibe.

Als Frau machst du dann auch noch die Erfahrung, daß Intellekt den erotischen Wert einer Frau schmälert. Das schmerzt.

Es ist ausschließlich die Frauenforschung, die sich mit meiner Arbeit beschäftigt. … Die einzigen, die mich und meine Arbeit ernstnehmen, sind weibliche Dissertanten.

Ständig wird gesagt, der Feminismus sei überflüssig, weil die Frauen ja schon alles erreicht hätten, dabei braucht man sich nur anzuschauen, wieviel Prozent des Vermögens der Welt in weiblicher Hand ist. Nämlich genau 1 Prozent. Das ist ein Witz. Und dann muß man sich auch noch dafür rechtfertigen daß man eine Emanze ist. Als ob man überhaupt etwas anderes sein könnte!

Luise F. Pusch

von Hoff, Dagmar. 1998. “Elfriede Jelinek”, in: Metzler Autorinnen Lexikon. Hg. Hechtfischer, Ute, Renate Hof, Inge Stephan & Flora Veit-Wild. Stuttgart; Weimar 1998. Metzler.

Jelinek, Elfriede. 1980. Die Ausgesperrten. Rowohlt TB.

Jelinek, Elfriede. 1989. Lust. Rowohlt TB.

Jelinek, Elfriede. 1989. Die Liebhaberinnen. Rowohlt TB.

Jelinek, Elfriede. 1992. Die Theaterstücke. Rowohlt TB.

Jelinek, Elfriede. 1997. Die Klavierspielerin. Rowohlt TB.

Jelinek, Elfriede. 2002. Gier Rowohlt TB.

Mayer, Verena & Roland Koberg. 2005. Elfriede Jelinek. Ein Porträt. Reinbek bei Hamburg. Rowohlt.