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Hedwig Hintze

geboren am 6. Februar 1884 in München
gestorben am 19. Juli 1942 in Utrecht, Niederlande

deutsche Historikerin
130. Geburtstag am 6. Februar 2014


Ihr Lebensweg zeigt sie als Opfer dreifacher Diskriminierung.

Als Wissenschaftlerin stößt sie in der Männergesellschaft der deutschen Universitäten auf allergrößten Widerstand.

Als liberale Republikanerin gehört sie zu einer kleinen Minderheit in einer Republik, die eben dabei ist, sich selbst den faschistischen Banden Hitlers auszuliefern und damit die liberalen Traditionen Deutschlands zu verraten.

Als Jüdin ist sie Angehörige einer Gruppe, deren integraler Anteil an der Entstehung der bürgerlichen Kultur Deutschlands von den meisten Deutschen nicht anerkannt wird, deren soziale Assimilierung, wie Auschwitz endgültig belegt, letztlich fehlschlägt.

Geboren wird Hedwig Guggenheimer 1884 in München als Tochter einer Bankiersfamilie. Sie wird evangelisch getauft und unterhält niemals gefühlsmäßige Bindungen an das Judentum - bis sie von außen auf ihre jüdische Abstammung gestoßen wird.

Anfang des Jahrhunderts öffnen sich die ersten deutschen Universitäten den Frauen. Hedwig Guggenheimer nutzt diese Entwicklung sofort und beginnt in Berlin, Geschichte zu studieren.

Dort begegnet sie dem Professor für Wirtschafts- und Verwaltungsgeschichte Otto Hintze, einem der renommiertesten Historiker seiner Zeit.
Sie heiraten 1912 nach zweijähriger Bekanntschaft, trotz des Altersunterschieds von 23 Jahren.

Hedwig Hintze zieht sich die Abneigung des Kreises um Otto Hintze zu, sobald sichtbar wird, daß sie weiter wissenschaftlich arbeiten will und keineswegs daran denkt, als - ungenannt bleibende - wissenschaftliche Zuarbeiterin ihres Mannes zu dienen.

Hintze selbst äußert privat seine Enttäuschung, kritisiert sie aber öffentlich niemals. Seine Verwandten und Freunde verzeihen Hedwig Hintze diese “unweibliche Haltung” auch über ihren Tod hinaus nicht. Zwar promoviert sie 1923 und habilitiert sich 1928. Aber gelungen ist ihr das nur als Frau des geachteten Kollegen Hintze. Dabei sind ihre Arbeiten, wie selbst ihre wissenschaftlichen Gegner anmerken, von höchstem wissenschaftlichen Niveau.

Der traurig stimmende Satz, daß eine Frau mindestens doppelt so gut sein muß wie ein Mann, um eine gleichwertige Position zu erlangen, trifft im Fall Hintze noch nicht einmal zu. Nur die familiäre Bindung hat es ihr letzten Endes ermöglicht, sich als eine der ersten Frauen an einer deutschen Universität zu habilitieren.

Nach dem Machtantritt der Nazis ist Hedwig Hintze als Jüdin akut gefährdet. Bis 1939 pendelt sie beruflich zwischen Frankreich und Deutschland hin und her, ständig in Sorge um ihren inzwischen schwerkranken Mann. 1939 gelingt ihr im letzten Moment die Flucht in die Niederlande. Dort lebt sie, nach dem Tod Hintzes im April 1940 völlig mittellos, zunächst als Haushaltshilfe. Am 19. Juli 1942 nimmt sie sich das Leben.
Ein Wunder, daß sie überhaupt so lange durchgehalten hat, und ein Beweis, wie stark ihr Intellekt und ihre Durchsetzungskraft gewesen sind.

(Text von 1991)

Marianne Goch

Hintze, Hedwig. 1989 (1928). Staatseinheit und Föderalismus im alten Frankreich und in der Revolution. Mit einer neuen Einleitung von Rolf Reichardt. Frankfurt/M. Suhrkamp.

Homepage des Hedwig-Hintze-Instituts Bremen

Schleier, Hans. 1975. Die bürgerliche deutsche Geschichtsschreibung der Weimarer Republik. Berlin. Akademieverlag. S. 272-302.

Schottlaender, Rudolf. 1988. Verfolgte Berliner Wissenschaft. Stätten der Geschichte Berlins Bd. 23. Berlin. Edition Hentrich.

Stephan, Inge. 1989. Das Schicksal der begabten Frau: Im Schatten berühmter Männer. Stuttgart. Kreuz.