Ausdruck von: http://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/irmtraud-morgner

Irmtraud Morgner

geboren am 22. August 1933 in Chemnitz
gestorben am 6. Mai 1990 in Berlin Ost

deutsche Schriftstellerin
75. Geburtstag am 22. August 2008


“In diesen Weltzuständen ist Humor für mich . . . eine Widerstands-kraft gegen die Lähmung durch Angst. ... Der Humor kann unseren aktiven Widerstand gegen die Bedrohung stützen.” Mittels Komik, Phantasie und genauer Beobachtung der Realität bemühte sich Irmtraud Morgner in ihren großangelegten, montageartigen Romanen, ihr Grundthema, den “Eintritt der Frau in die Historie”, literarisch zu bewältigen. Ihre formal wie inhaltlich kühnen Bücher, vor allem Leben und Abenteuer der Trobadora Beatriz nach Zeugnissen ihrer Spielfrau Laura (1974) und Amanda. Ein Hexenroman (1983), machten den Geschlechterkampf und die uneingelöste Gleichberechtigung der Frau in der DDR zum Thema. Sie wurden wegweisend sowohl für die darauffolgende Flut der Bearbeitungen dieses Problemkreises durch jüngere Schriftstellerinnen ihres eigenen Landes wie auch für Diskussionen innerhalb der westlichen Frauenbewegung.

Als Kind wollte Morgner wie ihr Vater LokführerIn werden: “Vielleicht zeigte dieser Wunsch das Körnchen natürliche Widerspenstigkeit an, das ein konventionell erzogener weiblicher Mensch braucht, um eine Chance zu nutzen, sich gegen die Strömung der Sitten irgendwann freizuschwimmen.”

Ihre ersten, noch in der Tradition des sozialistischen Realismus stehenden Schriften verwarf sie selbst, als sie Mitte der sechziger Jahre begann, eine eigene Schreibweise zu entwickeln, in der sie ihre Gesellschaft kritisch musterte, vor allem was die Möglichkeit der Subjektwerdung von Frauen (oder Männern) betraf. Im Roman läßt sie die legendäre Trobadora Beatriz de Dia nach einem Schlaf von 800 Jahren zurückkommen und in der DDR nach einem frauenfreundlicheren Klima, als es das Mittelalter bot, suchen. Aber das erhoffte “Paradies” bleibt auch dort unvollkommen. In der Fortsetzung Amanda ist die Welt noch düsterer. Die Hexe Amanda versucht, die anderen Hexen anzustiften, das destruktive männliche Sinnsystem umzustürzen.

Obwohl ihre Bücher den herrschenden DDR-Instanzen höchst unbequem waren, bekam Morgner viele Ehrungen (1975 Heinrich-Mann-Preis, 1977 Nationalpreis, Mitgliedschaft der Akademie der Künste der DDR, Wahl ins Präsidium des DDR-SchriftstellerInnenverbandes). Auch im Westen hatte sie großen Erfolg (1985 Roswitha-Gedenkmedaille, 1989 Literaturpreis für grotesken Humor der Stadt Kassel); sie wurde zu zahlreichen Lesungen eingeladen und besuchte auch die USA als Ehrengästin (mit Helga Schütz) zu einer Jahres-tagung der Unifrauen-Vereinigung Women in German.

Nach vier Operationen und langem Leiden starb Morgner an Krebs, als ihr Land gerade die alten Schranken umstieß. Sie hoffte, daß die Frauen sich in dem Umbruch solidarisieren und für ihre Sache kämpfen würden: “Die Freude über den Aufbruch in meinem Land überwältigte mich fast. Die Freude, aber auch der Schmerz, gerade jetzt ans Bett gefesselt zu sein, nicht dabei sein zu können. . .”

Für FemBio aktualisiert von Luise F. Pusch.

Joey Horsley

Irmtraud Morgner Irmtraud Morgner. Texte, Daten, Bilder.
Hrsg. Marlis Gerhardt. Frankfurt: Luchterhand, April, 1990. SL 825.
(Enthält autobiographische und literaturphilosophische Texte von
Morgner, Interviews, Rezensionen und Aufsätze zum Werk sowie Bilder,
eine Chronik und eine Bibliographie.)

Morgner, Irmtraud. 1983. Amanda: Ein Hexenroman. Wiederabdruck 1995. Leipzig. Faber & Faber.

Morgner, Irmtraud. 1990. “Jetzt oder nie! Die Frauen
sind die Hälfte des Volkes!” Interview mit Alice Schwarzer. Emma 1990/2 (Februar): 32-39.

Morgner, Irmtraud 2000 (1974). The
Life and Adventures of Trobadora Beatrice as Chronicled by Her Minstrel
Laura: A Novel in Thirteen Books and Seven Intermezzos
(European
Women Writers Series). Einleitung: Silke von Erde. Übersetzung:
Jeanette Clausen. Lincoln, NE. University of Nebraska Press.

Obermüller, Klara. 1980. “Irmtraud Morgner.” In: Heinz Puknus, Hrsg. Neue Literatur der Frauen. Deutschsprachige Autorinnen der Gegenwart. München. Beck. 178-185.

Schwarzer, Alice. 1990. “Irmtraud Morgner ist tot,” Nachruf. (Rede am Grabe gehalten). Emma 1990/6 (Juni): 32-3.

Slessarev, Helga. 1988. “Irmtraud Morgner.” In Dictionary of Literary Biography, Bd. 75. Contemporary German Fiction Writers, 2. Folge. Hrsg.: Wolfgang D. Elfe und James Hardin. Detroit. Broccoli Clark.

Waberski, Birgit. 1997. Die großen Veränderungen beginnen leise. Lesbenliteratur in der DDR und in den neuen Bundesländern. Dortmund. Edition Ebersbach.