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Jeanne Proust

geboren am 21. April 1849 in Paris
gestorben am 26. September 1905 in Paris

Mutter von Marcel Proust
165. Geburtstag am 21. April 2014


Jeanne Weil war zwanzig, als sie sich mit dem Arzt Dr. Adrien Proust verlobte.Humorvoll war sie und schön, sprach mehrere Sprachen, spielte Klavier, las viel und liebte die Malerei. Eine lebenslange innige Beziehung verband sie mit ihrer Mutter, vergleichbar mit der Mutter-Tochterbindung in den Briefen der Mme de Sévigné.

Zwei sehr unterschiedliche Söhne wurden geboren. Robert, der jüngere, geboren 1873, war lebenszugewandt und tüchtig und wurde ein bekannter Arzt, wie sein Vater. Marcel, der ältere, geboren 1871, zeigte von klein auf eine beängstigend hohe Sensibilität und schließlich eine Neigung zu Erstickungsanfällen.

Jeanne Proust hat das auf die Belastungen in der Schwangerschaft zurückgeführt, die sie während der Zeit der Commune und der deutschen Belagerung in Paris erlebte. Schließlich floh sie zu ihrer Familie nach Auteuil, wo Marcel geboren wurde. Es war eine schwierige, langwierige Geburt.

Zeitlebens blieb ihr dieser Sohn eine große Sorge. Beide verband eine zärtliche Liebe. Berühmt ist jene Szene, in der das Kind den Gutenachtkuß der Mutter einfordert, der, weil Besuch da ist, verweigert wird. Der Vater, sonst ungehalten über die Zärtlichkeiten zwischen Mutter und Sohn, lenkt schließlich ein, weil er zum ersten Mal die tiefe Verstörung des Kindes begreift. “So wurde zum ersten Mal meine Traurigkeit nicht mehr als etwas Strafbares angesehen, sondern als ein unverschuldetes Übel, das man offiziell als einen nervösen Zustand anerkannte.”

Das Kind muß früh gespürt haben, daß diese sanfte, ungewöhnlich einfühlsame Mutter ihm Brücken baute, ihm half, in dieser Welt am Leben zu bleiben. Marcel Proust lebte auch nach dem Tod des Vaters im Elternhaus, bis die Mutter starb.

Briefe aus dieser Zeit belegen, wie sehr Jeanne Proust sich bemühte, den Sohn lebenstüchtig zu machen, und wie er gelegentlich hilflos versuchte, dem zu entsprechen: “Ich würde so gerne und will es ganz und gar, bald mit Dir zur gleichen Zeit aufstehn und in Deiner Nähe meinen Milchkaffee trinken. In dem Gefühl, daß unser Schlaf und unser Wachen sich auf dieselbe Zeit erstreckt, läge, wird für mich soviel Zauber liegen.”

Frauenbild

Auch wenn es Spannungen zwischen ihnen gab (“Die Wahrheit ist, daß du, sobald ich mich wohlbefinde, alles zerstörst, bis es mir abermals schlecht geht.”), blieben immer die zärtliche Anrede (“Allerliebste Mama”) und der liebevolle Briefschluß (“Sei tausendmal geküßt”).

Jeanne Proust führte Marcel in die Literatur ein und ermutigte den Sohn zu arbeiten. Sie half ihm bei der Übersetzung der Bücher von Ruskin, begleitete ihn auf Reisen, immer wieder ans Meer, des Asthmas wegen. Nach Venedig. Sie war seine geduldige Zuhörerin, der er ausführlich von seinen Erschöpfungen, Beklemmungen, Asthma- und Fieberanfällen berichten konnte. Nie aber thematisierte er seine Homosexualität.

Sie war ihm Ratgeberin auch in den alltäglichsten Dingen und schenkte diesem egozentrisch ihre Liebe einfordernden Sohn lebenslang ihre Liebe.
Noch als sie starb, suchte sie ihn zu schonen und verbarg vor ihm die unerträglichen Schmerzen einer Nierenkolik.

Marcel Proust wußte, wie lebensrettend die Liebe seiner Mutter für ihn war: “... dieser köstliche Sonnenschein hat mich so begeistert und getröstet, daß ich auf einer Bank sitzend auf den Knien schreibe, ganz durchdrungen und strahlend von dieser wohltuenden Wärme, die ich fast mütterlich nennen möchte, würde mir die Abwesenheit meiner Mama den Unterschied und die Unangemessenheit des Ausdrucks nicht so stark zum Bewußtsein bringen.”

Nach dem Tod seiner Mutter verstummte Marcel Proust für ein Jahr, zog sich in ein Sanatorium zurück und begann dann den Roman zu schreiben, der ihm Weltruhm bringen sollte “Auf der Suche nach der verlorenen Zeit”.

Birgit E. Rühe-Freist

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