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Johanna Elberskirchen

geboren am 11. April 1864 in Bonn
gestorben am 17. Mai 1943 in Rüdersdorf bei Berlin

deutsche, lesbische Feministin, Lebens- und Sexualreformerin, Sexualwissenschaftlerin, Schriftstellerin, Sozialdemokratin und Heilpraktikerin
145. Geburtstag am 11. April 2009


Johanna Elberskirchen war ein Freigeist und keineswegs eine Freundin von Haupt- und Nebenwidersprüchen. Auch bestimmten politischen Strömungen oder wissenschaftlichen Schulen fühlte sie sich nicht verpflichtet. Entsprechend war sie als Person unbequem; ihre querdenkerischen Analysen wurden ähnlich angesehen. Sie eckte an: beispielsweise als Feministin in der Sozialdemokratie und in der Homosexuellenbewegung, als offen lesbische Frau in der Frauenbewegung ebenso wie in der Sexualreformbewegung. Ihre soziale Herkunft und die erstrittene Bildung machten sie immer wieder zur Einzelkämpferin und Außenseiterin: Den GenossInnen war sie ›zu viel‹ akademisch, den SexualwissenschaftlerInnen ›zu wenig‹, der SPD war sie ›zu viel‹ bürgerlich, der Frauenbewegung hingegen ›zu wenig‹.

Elberskirchens Texte, gerade die sexualreformerischen, werden vor allem von Männern wahrgenommen – eine breite Anerkennung für ihre Arbeit blieb ihr weitgehend versagt; vor allem diejenigen, die ihr selbst wichtig gewesen sein dürften, wie andere Frauenrechtlerinnen, rezipierten sie öffentlich kaum. Durch ihre Aktivitäten bekommt sie europäische Aufmerksamkeit, auch amerikanische Rezeptionen und eine Rezension sind bekannt.

Johanna Elberskirchen wird von Julia Elberskirchen (frühere Hahn) in eine sogenannte kleine Kaufmannsfamilie geboren, die in der Bonner Innenstadt ein Gemischtwarengeschäft aufgebaut hatte. Die fünfköpfige Familie arbeitet in wechselnden Besetzungen in dem Laden mit. Elberskirchens Vater ist zudem später als Waren- und Immobilienagent tätig.

Selten für eine Frau ihres sozialen Hintergrunds, kommt Johanna Elberskirchen in den Genuss einer höheren Mädchenbildung und weiß diese zu nutzen. Schon im Alter von 23 Jahren schreibt sie ihren ersten (bekannten) Text, in dem sie sogleich eine radikale, gleichheitsfeministische Perspektive vertritt. Später wird sie sich zunehmend auch biologistischen Thesen zuwenden, die sie aber weiterhin sozial verknüpft.

Johanna Elberskirchen

1884 geht sie, wohl aus beruflichen Gründen, nach Rinteln in Westfalen und arbeitet dort sieben Jahre als Buchhalterin in einem Textilgeschäft. Nach dieser – von ihr als »Tretmühle« bezeichneten – Lebensphase zieht sie in die Schweiz, um dort ein Studium zu beginnen, denn auch in Deutschland sind Frauen von akademischer Bildung ausgeschlossen. Ihre erste Station ist 1891 Bern, ihr Studienfach die Medizin. Dann wechselt sie für ein Jurastudium nach Zürich und bleibt dort bis 1898 eingeschrieben. Aus ihrem Studienabschluss wird allerdings genau so wenig wie aus der von ihr geplanten Promotion. Fehlendes Geld dürfte dabei ebenso eine Rolle gespielt haben wie sich überstürzende Ereignisse in ihrem privaten Umfeld.
Spätestens in der Schweiz kommt sie mit der Sozialdemokratie in Kontakt und engagiert sich für Lohnarbeit von Frauen und den Schutz von Arbeiterinnen. Unbeliebt macht sie sich mit ihrer harschen Kritik am »System sexueller Ausbeutung« und sozialdemokratischer Doppelmoral, als ein bekannter Genosse, Karl Moor, eine junge Arbeiterin vergewaltigt und sich nicht wenige Männer, aber auch Frauen, hinter den Täter stellen oder schlicht schweigen. Elberskirchen wählt – wie so oft – die Öffentlichkeit und skandalisiert die Geschehnisse in einer Broschüre.

Um 1900 kehrt sie ins Rheinland zurück und lebt in Bonn, Mehlem und Alfter.
Ab etwa 1911 arbeitet sie als Vorsitzende des Jugendausschusses und als Schriftführerin des sozialdemokratischen Vereins Bonn-Rheinbach. Polizeilich gilt sie als eine der »Hauptagitatorinnen« der Stadt.

Aus der Partei schließt man sie 1913 aus: Ihr paralleles Engagement im Preußischen Landesverein für Frauenstimmrecht als Bonner Ortsvereinsvorsitzende etikettiert man als »bürgerlich« und behauptet, dies vertrage sich nicht mit der Sozialdemokratie. Ein besonders bitteres Urteil, ist sie doch eine aufrechte Streiterin für ein demokratisches Wahlrecht, tritt also für politische Partizipationsmöglichkeiten aller Frauen und Männer ein.

Während ihrer Tätigkeiten als Naturärztin in einem Sanatorium in Finkenwalde (Zdroje) bei Stettin (Szczecin) lernt sie 1914 ihre Lebensgefährtin Hildegard Moniac (1891-1967) kennen. Zusammen gehen sie nach Berlin, wo Elberskirchen in der Säuglingsfürsorge arbeitet, bis sie 1920 nach Rüdersdorf bei Berlin ziehen. In ihrem gemeinsamen Haus in der Luisenstraße 32 (heutige Rudolf-Breitscheid-Straße 57) eröffnet Elberskirchen eine Praxis für homöopathische Heilbehandlungen, die sie bis zu ihrem Tode führt. Zwei ihrer drei Schwestern wohnen viele Jahre mit unter ihrem Dach. Mit der Zeit wird das Verhältnis zunehmend konfliktbeladener, politische Hintergründe seit 1933 sind naheliegend.

Trotz ihres Bonner Rauswurfes aus der Sozialdemokratie engagiert sich Johanna Elberskirchen parteipolitisch im Rüdersdorfer Ortsverein der SPD und hält mit dem USPDler Emil Eichhorn – dem aus Revolutionszeiten bekannten Berliner Polizeipräsidenten – die Festrede zum 1. Mai 1920.

Schon 1914 hatte man Johanna Elberskirchen als eine der wenigen Frauen in das Amt eines sogenannten Obmannes des Wissenschaftlich humanitären Komitees (WhK) gewählt. Das 1897 gegründete WhK kämpfte vor allem für die Abschaffung des § 175 RSTGB und ist mit dem Namen des Berliner Arztes Magnus Hischfeld verknüpft; auch mit dessen Institut für Sexualwissenschaft in Berlin ist sie wohl eng verbunden. Offen lesbisch, ist Johanna Elberskirchen eine Grenzgängerin zwischen Frauen- und Homosexuellenbewegung.

In den zwanziger Jahren referiert sie für die Weltliga für Sexualreform in Kopenhagen und London, zuletzt in Wien 1930. Gerade an ihren sexualreformischen Arbeiten zeigen sich am deutlichsten die Bruchstellen und Widersprüche auch ihres emanzipatorischen politischen Lebens – vor allem weil sie seit der Jahrhundertwende beliebte »eugenische«/»rassenhygienische« Behauptungen und Argumente aufgreift und selbst zu deren Weiterverbreitung beiträgt. Rassistische und antisemitische Überlegungen stellt sie jedoch nicht an. In der Kaiserzeit entscheidet sie sich zudem, einige Jahre nationalistisch gefärbte Thesen im Kontext sozialer Wohlfahrt zu vertreten.

Buch Die Mutter als Kinderärztin

Viele der Themen, denen sich Johanna Elberskirchen widmet, sind für eine Frauenrechtlerin ihrer Zeit »klassisch«: Frauenbildung, Lohnarbeit von Frauen, Sozialisation, Sexualität/en u.a. Bedeutsam ist ihr Engagement vor allem, wenn sie Tabus bricht, etwa durch ihre Auseinandersetzung mit weiblicher Homosexualität oder auch mit ihrer frühen Kritik an (sexualisierter) Männergewalt gegen Mädchen und Frauen.

Außergewöhnlich ist Johanna Elberskirchens Bedeutung für die homosexuelle, speziell lesbische Emanzipationsgeschichte. Diese Teile ihrer Forschungsarbeiten sind herausragend und innovativ: Als einzige (bislang bekannte) Person kritisiert sie scharf die sexualwissenschaftliche »Mannweiber«-Theorie über weibliche Homosexuelle, denen man »Männlichkeit« unterstellt, diese gar in lesbische Frauen hineinprojiziert. Demgegenüber setzt sie in ihren Überlegungen die Subjekte lesbischer Liebe wieder als Frauen und spricht von einem »Zug« vom »Weiblichen« zum »Weiblichen«. Denn die Liebe zwischen Frauen ist für Johanna Elberskirchen keineswegs »männlich« – Begehren und Sexualität basieren für sie nicht auf einer grundlegenden Spannung zwischen polarem »männlich« und »weiblich«. Damit versucht sie etwas sehr Modernes zu denken, in einer Form, die in der damaligen Zeit eigentlich undenkbar war.

Johanna Elberskirchen stirbt am 17. Mai 1943 im Alter von 79 Jahren in Rüdersdorf bei Berlin.
Die Urne mit ihrer Asche wird 1975, also 30 Jahre nach ihrem Tod, von zwei Frauen gefunden und heimlich in der Grabstätte ihrer letzten Lebensgefährtin Hildegard Moniac beigesetzt. Ende des Jahres 2002 stellt die Gemeinde dieses Grab einstimmig unter Schutz und bemüht sich um Informationstafeln zu den beiden ehemaligen Bürgerinnen. Im Sommer 2003 nehmen an einer Gedenkveranstaltung auf dem Rüdersdorfer Friedhof Rudolf-Breitscheid-Straße rund 100 Personen teil.

Tafel am Geburtshaus von Johanna Elberskirchen

An Elberskirchens Bonner Geburtshaus in der Sternstraße 37 (frühere 195) in der Innenstadt erinnert seit Ende des Jahres 2005 eine (im Frühjahr 2006 eingeweihte) Gedenktafel an die couragierte wie streitbare Aktivistin, Schriftstellerin und Rednerin.

Christiane Leidinger

Elberskirchen, Johanna (1896): Die Prostitution des Mannes. Auch eine Bergpredigt – auch eine Frauenlektüre. Zürich. Verlag Magazin.
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Elberskirchen, Johanna (1897): Socialdemokratie und sexuelle Anarchie. Beginnende Selbstzersetzung der Socialdemokratie?. Zürich. Selbstverlag.
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Elberskirchen, Johanna (1898): Das Weib, die Klerikalen und die Christlichsocialen. Zürich. Verlag Magazin.
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Elberskirchen, Johanna (1903): Feminismus und Wissenschaft. Leipzig-Reudnitz. Hegner.
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Elberskirchen, Johanna (1903?): Die Sexualempfindung bei Weib und Mann. Betrachtet vom physiologisch-soziologischen Standpunkte. Leipzig. Magazin-Verlag.
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Elberskirchen, Johanna (1904): Die Liebe des dritten Geschlechts. Homosexualität, eine bisexuelle Varietät. Keine Entartung – keine Schuld. Leipzig. Spohr.
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Elberskirchen, Johanna (1904): Revolution und Erlösung des Weibes. Was hat der Mann aus Weib, Kind und sich gemacht? Eine Abrechnung mit dem Mann – ein Wegweiser in die Zukunft?. Leipzig. Magazin-Verlag.
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Elberskirchen, Johanna (1904): Was hat der Mann aus Weib, Kind und sich gemacht? Revolution und Erlösung des Weibes. Eine Abrechnung mit dem Mann – ein Wegweiser in die Zukunft!. Berlin. Magazin-Verlag.
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Elberskirchen, Johanna (1905): Die da am Manne leiden. Berlin. Magazin-Verlag.
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Elberskirchen, Johanna (1905): Die Mutterschaft in ihrer Bedeutung für die national-soziale Wohlfahrt. München. Seitz & Schauer.
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Elberskirchen, Johanna (1905): Geschlechtsleben und Geschlechtsenthaltsamkeit des Weibes. München. Seitz & Schauer.
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Elberskirchen, Johanna (1905): Mutter! 1 Schutz der Mutter. München. Seitz & Schauer.
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Elberskirchen, Johanna (1905): Mutter! 2 Geschlechtliche Aufklärung des Weibes. München. Seitz & Schauer.
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Elberskirchen, Johanna; Eysoldt, Anna (1907): Die Mutter als Kinderärztin. München. Seitz & Schauer.
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Leidinger 2008 – Keine Tochter aus gutem HauseLeidinger, Christiane (2008): Keine Tochter aus gutem Hause. Johanna Elberskirchen (1864 – 1943). Konstanz. UVK. ISBN 978-3-86764-064-0.
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Mak, Gertje (1999): Wo das Sprechen zum Schweigen wird. Zur historischen Beziehung zwischen ›Frauen‹ und ›Lesben‹. In: Röttger, Kati (Hg.): Differenzen in der Geschlechterdifferenz. Aktuelle Perspektiven der Geschlechterforschung. (= Differences within gender studies). Berlin. Erich Schmidt (Geschlechterdifferenz & Literatur, 10). ISBN 3-503-04929-0. S. 316–330.
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Oellers, Norbert (1992): Die Bonner Schriftstellerin Johanna Elberskirchen – von der Zeit verschluckt?. In: Rey, Manfred van; Schlossmacher, Norbert (Hg.): Bonn und das Rheinland. Beiträge zur Geschichte und Kultur einer Region. Festschrift zum 65. Geburtstag von Dietrich Höroldt. Bonn. Bouvier (Bonner Geschichtsblätter, 42). ISBN 3-416-80690-5. S. 527–544.
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Pataky, Sophie (Hg.) (1898): Lexikon deutscher Frauen der Feder. Eine Zusammenstellung der seit dem Jahre 1840 erschienenen Werke weiblicher Autoren, nebst Biographien der lebenden und einem Verzeichnis der Pseudonyme. S. 186f. Berlin. Pataky.
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