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Kathleen Ferrier

geboren am 22. April 1912 in Higher Walton, Lancashire
gestorben am 8. Oktober 1953 in London
englische Altistin
90. Geburtstag am 22. April 2002


Die Schul- und Kinderzeit der Lehrerstochter aus Lancashire dauerte vierzehn Jahre. Es folgten vierzehn Jahre im “krisensicheren” Beruf als Telefonistin, endlich zwei Jahre ernsthafter Gesangsunterricht und schon die erste Matthäuspassion von Bach. Nur ein Jahr später, seit Händels Messias 1943 in Londons Westminster Abbey, kennt man Kathleen Ferrier bereits als die Oratorien-Altistin Englands. Es bleiben ihr noch dreizehn Jahre, ein letztes Drittel ihres Lebens.

Mitten im Krieg zog Kathleen mit ihrer treuen Schwester und Freundin Win und ihrem alten Vater zur, neunjährigen!, Weiterbildung bei Roy Henderson nach London. Erste Plattenaufnahmen entstehen. Vor allem die Altpartien im Elias und der h-moll-Messe, von Brahms die Alt-Rhapsodie und die Vier ernsten Gesänge sowie der Engel im Traum des Gerontius von Elgar gehören bald zu Kathleens festem und stetig erweitertem Repertoire. Die unzähligen Reisen und Liederabende beanspruchen sie, und bei den Glyndebourne Festivals faßt sie auch in der Oper Fuß: ab 1945 mit der von Benjamin Britten für sie komponierten Lucretia und seit 1947 als Glucks Orfeo. Ihn singt sie, schwer an Brustkrebs und dessen Folgen leidend, bei ihrem letzten Auftritt im Februar 1953.

Selbstdisziplin als Hüterin der Sensibilität, ernsthafte musikalische Arbeit, viel Erfahrung als Begleiterin und Chorsängerin, dazu ihr großes, ungewöhnlich ansprechendes Stimmmaterial (ein wirklicher Alt) und die stilbildende, immer beide Seiten beglückende, förderliche und zu echter Freundschaft führende Zusammenarbeit mit großen Musikern wie u.a. Fritz Busch, Bruno Walter (er zeigt ihr die Welt des deutschen Liedes und Gustav Mahlers, dessen internationale Anerkennung wiederum weitgehend ihr zu verdanken ist), Gerald Moore, Karajan, dem Komponisten Britten und nicht zuletzt Barbirolli (der sie zuletzt noch mit der Musik Chaussons bekannt macht und ihr eine weitere stimmliche und musikalische Dimension öffnet): Voraussetzungen – aber keineswegs ausreichend – für ihr Wachsen. Ein großer Teil der Musik, der sie am meisten inspirierte, war religiös, doch sprach sie selten, wenn überhaupt über Religion. “Sie ließ niemanden in sich hineinschauen; nur wenige sahen mehr als das Gesicht, das sie der Welt präsentierte, und wohl keiner sah wirklich tiefer in ihre Seele.” Doch: Viele Tonträger bewahren die auch heute noch oft beschworene Substanz ihres Singens vor allem in Live-Aufnahmen. Nur im Gesang vermittelte Kathleen ganz unmittelbar ihren ganzen Gefühlsreichtum, ihren Humor, ihre Fähigkeit zu Freundschaft, Dankbarkeit und Freude, ihre humane Empathie; Musik konnte sie zu Tränen rühren, ihre Selbstbeherrschung entkräften: nie Sentimentalität, sondern integrer Ausdruck der Stärke.

Original der gekürzten Fassung aus Pusch/Gretter, Berühmte Frauen: 300 Portraits,
Bd 3 (in Vorbereitung)

Swantje Koch-Kanz

Carus, Neville. Hg.  1954. Kathleen Ferrier: a memoir.
With contributions by Neville Cardus, Roy Henderson, Gerald Moore,
Benjamin Britten, Sir John Barbirolli, Dr. Bruno Walter. London. Hamish
Hamilton.

Ferrier, Winifred. 1955. The life of Kathleen Ferrier. London. Hamilton. [dt. in:  Ferrier 1988]

Ferrier, Winifred. Hg. 1988 [1986]. Kathleen Ferrier: das Wunder einer Stimme. Übs.
Catherine Keppel & Karen Böhm. Stuttgart. Verlag Freies
Geistesleben. 2. Auflage. Enthält Ferrier 1955, S. 13-174; ausserdem
u.a. Carus 1954 [außer dessen Beitrag zu diesem von ihm edierten Band],
S. 179-245, d.h.: Sir John Barbirolli: “Kathleen … Die letzten Jahre”,
S. 179-91; Benjamin Britten: “Drei Premieren”, S. 192-8; Roy Henderson:
“Per Ardua …”, S. 199-219; Gerald Moore: “Die strahlende Gefährtin”, S.
220-40; Bruno Walter: “Abschied”, S. 241-4.

Fischer, Jens Malte. 1995. “Kathleen Ferrier”, in: Jens Malte Fischer. Große Stimmen, von Enrico Caruso bis Jessye Norman. Frankfurt.Suhrkamp TB 2484.  1995. S. 315-21.

Kesting, Jürgen. 1993.  “Stimme des Leids: Kathleen Ferrier”, in: Jürgen Kesting. Die großen Sänger unseres Jahrhunderts. Düsseldorf etc. Econ. 1993. S. 814-8.

Leonard, Maurice. 1988. Kathleen. The life of Kathleen Ferrier. Foreword by Elisabeth Schwarzkopf. Reprint. London. Hutchinson.

Lethbridge, Peter. 1959. Kathleen Mary Ferrier. Red Lion Lives 3. London. Cassell.

Mailliet LePenven, Benoît. 1997. La voix de Kathleen Ferrier; essai. Paris. Ed. Balland.

Rigby, Charles. [1955] Kathleen Ferrier; a biography. London. Hale.

Spycket, Jérôme. 1990. Kathleen Ferrier. Lausanne. Payot.