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Libuše Moníková
geboren am 30. August 1945 in Prag
gestorben am 12. Januar 1998 in Berlin
deutsch schreibende Schriftstellerin tschechischer Herkunft
65. Geburtstag am 30. August 2010
Libuše Moníková, in Prag geboren und aufgewachsen, bleibt dieser Stadt zeitlebens verbunden und hätte sie nach eigener Aussage auch niemals freiwillig verlassen. Sie hat eine Schwester und zwei Brüder. Gemeinsam mit Freundinnen streift sie durch die Hinterhöfe der Stadt und ist oft in Kinos zu finden. Bücher und Filme erscheinen Moníková realistischer als das „wirkliche Leben“, sie liest alles, was ihr in die Hände gerät.
In ihrer Rede zur Verleihung des Kafka-Preises teilt Moníková später ihr Leben in drei literarische Dekaden ein: Im Alter von 13 bis 23 Jahren entsteht und wächst ihr literarisches Interesse, sie beschäftigt sich in erster Linie mit der russischen Literatur, besonders mit Dostojewski. Die zweite Dekade, 23 bis 33 Jahre, ist vor allem von Kafka geprägt und die dritte, 33 bis 43 Jahre, steht im Zeichen Arno Schmidts. Kafka und Schmidt bezeichnet sie in einem ihrer Werke als ihre „Widersacher und Stützen“, die sprachliche und inhaltliche Nähe besonders zu Kafka ist ihrem Werk deutlich anzumerken. -
Moníková studiert Anglistik und Germanistik an der Philosophischen Fakultät der Karlsuniversität in Prag. Nach dem Studienabschluss kommt es zum ersten Bruch in Monikovas Leben. Ihre Freundin Eda Kriseová berichtet:
„Nach der feierlichen Exmatrikulation bekam Libuše ein Jahresstipendium ins Nansen-Haus in Göttingen. Bevor sie wegfuhr, erlebte sie in Prag zwei Begebenheiten, die ihr ganzes weiteres Leben beeinflusst und bestimmt haben. Den grausamen und vorzeitigen Tod ihrer Mutter, deren Sterben*, und die sowjetische Invasion. Ich denke, dass niemand aus unserer Generation die sowjetische Okkupation im August 1968 überwunden hat, es ist ein Trauma, das in uns bleibt. Marie und Libuše lasen bis zu dieser Zeit russische Klassiker im Original, aber nach diesem Schock haben sie, genauso wie ich, Russisch vergessen.“
(*Anmerkung von Dr. Michael Herzog: Moníkovás Mutter starb mit 49 Jahren an Lungenkrebs)
Am 28. September 1970 heiratet Libuše Moníková den deutschen Studenten Michael Herzog, sie hat zeitweilig ein Besuchsvisum für die Bundesrepublik Deutschland. 1970 promoviert Moníková bei Eduard Goldstücker über den „Coriolan“ im Vergleich bei Brecht und Shakespeare und zieht 1971 endgültig zu ihrem Mann in die BRD, auch wegen der politischen und militärischen Unterdrückung, die die Hoffnungen des Prager Frühlings (1968) gewaltsam beendet hatte.
Sie erhält einen Lehrauftrag für Deutsche Literatur und Komparatistik an der Gesamthochschule Kassel, lehrt anschließend ein Jahr lang an der Universität Bremen (1977) und ist von 1978 bis 1981 als Referendarin und Lehrerin in Bremen tätig, bevor sie freie Schriftstellerin wird.

Ihr erstes Werk, die Erzählung „Eine Schädigung“, beginnt sie auf Tschechisch, entscheidet sich aber noch während der Arbeit für die deutsche Sprache: Erst diese gibt ihr die Möglichkeit, genau und in Distanz zum Inhalt zu schreiben, weil ihr die Automatismen und Klischees des Deutschen nicht geläufig sind. „Eine Schädigung“ ist die Geschichte einer Vergewaltigung einer Frau und zugleich Metapher für die physische und geistige Liquidierung ihres Landes.
Ihre tschechische Herkunft bestimmt die Inhalte und Motive ihrer Bücher. Häufige Themen sind z. B. das Münchener Abkommen 1938, der Prager Frühling 1968 und die sowjetische Okkupation und später die Samtene Revolution 1989 sowie ihre Heimatstadt Prag und ihre Exilerfahrungen. Sie verwendet häufig tschechische Mythen und schafft neue. Das Verhältnis zu ihrem Geburtsland ist jedoch problematisch, es gibt lange Zeit nur wenige Übersetzungen in ihre Muttersprache, und ihre Bücher besitzen in Tschechien nie größere Bedeutung auf dem Markt. Erst seit einigen Jahren beschäftigt man sich auch in Tschechien intensiver mit ihrem Werk.
Libuše Moníkovás literarisches Prinzip ist das Nebeneinander kleiner, in sich geschlossener Geschichten, sie schreibt sehr vielschichtig, immer ist ein politischer Unterton vorhanden. Mit ihrem kühnen Schreibstil tun sich die Verleger lange schwer – ihre Sprachschöpfungen werden oft als Unkenntnis der deutschen Sprache abqualifiziert. Libuše Moníková empfindet Sprache auch als äußerst wirksames Mittel der Diskriminierung von Frauen und wehrt sich mit Neologismen gegen sprachliche Unterdrückung.

Der literarische Durchbruch gelingt Libuše Moníková mit ihrem zweiten Roman „Die Fassade“, für den sie mit dem Alfred-Döblin-Preis ausgezeichnet wird. Der Roman wird von vielen Rezensenten enthusiastisch gepriesen, von anderen der eigenwilligen, knappen Sprache wegen verrissen, als Schelmen-, Künstler-, Heimat-, politischer, Reise- oder Gelehrtenroman eingeordnet, Moníkovás kühler Humor wird gelobt und die Nähe zur Sprache Kafkas bemerkt.
Libuše Moníková versteht sich als Mittlerin zwischen Deutschen und Tschechen, sie versucht, Fremd- und Feindbilder auf beiden Seiten aufzudecken und Gemeinsamkeiten zu suchen. Dabei ist ihr bewusst, dass sie sich ihrem deutschen Publikum nicht im Letzten verständlich machen kann, weil der kulturelle Hintergrund ihres Schreibens tschechisch ist. Dass sie in Deutschland lebt, begründet sie unter anderem damit, dass sich die Deutschen mehr mit ihrer Vergangenheit beschäftigen als andere europäische Völker. Gerade das ist ihr wichtig: die Erinnerung an entscheidende historische Ereignisse wach zu halten. Das zeigt sich auch in ihren Essays und den weiteren Romanen.
Libuše Moníková beginnt mit der Niederschrift ihres letzten, Fragment gebliebenen Romans „Der Taumel” nach einer lebensgefährlichen Kopfoperation, bei der ein Tumor nahe des Sprachzentrums entfernt wird. Ein Jahr später, am 12. Januar 1998, erliegt sie im Alter von nur 52 Jahren dieser Krebserkrankung in Berlin. Der unvollendete Roman erscheint nach ihrem Tode im Jahre 2000.
(korrigierte Fassung, Stand: Sept. 2007)
Almut Nitzsche
Bibliografie
Eine Schädigung (1981, Erzählung)
Pavane für eine verstorbene Infantin (1983, Roman)
Unter Menschenfressern. Ein dramatisches Menü in vier Gängen (1990, Stücke)
Schloß, Aleph und Wunschtorte (1990, Essays)
Der Taumel (2000, Romanfragment aus dem Nachlass)
Quellen
Herzog, Michael: Brief vom 6. Sept. 2007 (Herzlichen Dank für Ihre Hinweise! AN)
Kliems, Alfrun: Im Stummland : Zum Exilwerk von Libuše Moníková, Jiří Gruša und Ota Filip. – Frankfurt am Main : Lang, 2002
Kotas, Ondrej: Zwischen zwei Kulturen : Die Migrantenliteratur in Deutschland und die Exilerfahrung tschechischer Schriftsteller, aufgezeigt besonders am Beispiel der tschechischen Schriftstellerin Libuse Moníková. – Eichstätt : Kath. Universität, 1998. – (Magisterarbeit)
Webseite zur Monikova-Tagung 2003

