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Margarete Steffin

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geboren am 21. März 1908 in Rummelsberg bei Berlin
gestorben am 4. Juni 1941 in Moskau

deutsche Schriftstellerin, Schauspielerin, Mitarbeiterin von Bertolt Brecht

100. Geburtstag am 21. März 2008


BiografieZitateLinksLiteratur


Biografie

Die vielseitig begabte Grete Steffin, lange einfach als eine von vielen Mitarbeiterinnen und Geliebten Brechts bekannt, war selber Schriftstellerin, Übersetzerin und Schauspielerin, deren eigene Leistungen aber meist im Schatten des Meisters untergingen. Ihr immenser Anteil an Brechts Werk wird erst seit den 90er Jahren annähernd richtig wahrgenommen (Hauck, Häntzschel 216). Darüber hinaus machte ihr unermüdliches Agieren als Sekretärin, kritische Lektorin, Literatur-Agentin, allgemeine Organisatorin und Dolmetscherin (sie konnte Russisch, Englisch, Französisch, Dänisch und Schwedisch und besaß mehr als Grundkenntnisse in Norwegisch und Finnisch) das autodidaktische ProletarierInnenkind zur unentbehrlichen Begleiterin Brechts im europäischen Exil. Mit dem Aufkommen des Stalinismus in Russlands hatte sie die Emigration der Brechtschen »Großfamilie« in die USA schon früh vorgeschlagen und emsig vorangetrieben, musste aber selbst in Moskau zurückbleiben, wo sie, schon seit Jahren tuberkulosekrank, am 4. Juni 1941 starb.

Margarete war die älteste Tochter von Johanna Steffin und August Steffin, einem Kutscher, später Fabrik- und Bauarbeiter. Im 1. Weltkrieg wurde August in die kaiserliche Armee eingezogen, und die Mutter musste in einer Munitionsfabrik Geld verdienen. Mit der jüngeren Schwester Herta wurde Margarete in den städtischen Hort gegeben, wo sie protestantische-pietistische Wertvorstellungen vermittelt bekam. Anders als der Vater und trotz belastender Arbeit las Mutter Johanna gern und ging regelmäßig ins Theater, wenn politische Stücke auf dem Programm standen. In der Schule zeigte sich bald die ungewöhnliche Intelligenz der Tochter: Sie bekam einen Preis für eine Erzählung, und ihr einstündiges Theaterstück in Versen wurde in drei Schulen aufgeführt. Als die Lehrer dringend rieten, Margarete aufs Lyzeum zu schicken, erhob der Vater Einspruch: Sie sollte ihrer Klasse nicht als Intellektuelle »entfremdet« werden.

Margarete verließ die Schule mit 14 und wurde Laufmädchen bei den Deutschen Telefonwerken. 1924 begann sie eine Lehre als Kontoristin beim Globus-Verlag und gehörte »damit zum Heer der 1,2 Millionen weiblichen Angestellten in Deutschland…« (Hauck 12).

In klarer Opposition zu ihrem Vater bildete sich Steffin durch Abendkurse, Vorlesungen und fast besessene Lektüre trotzdem weiter. Die Arbeiterkulturbewegung wurde zu ihrer »höheren Schule« (Häntzschel). Sie schloss sich dem KPD-nahen ArbeiterInnensportverein »Fichte« an, lernte Russisch und wurde Mitglied des Fichte-Sprechchors. Bald trat sie als Rezitatorin in Sonntagsmatineen auf. 1931 spielte sie in den Roten Revuen mit und nahm in der Marxistischen Arbeiterschule Unterricht in Sprechtechnik bei Helene Weigel.

Mit 18 hatte sie auch ihren ersten festen Freund, Herbert Dymke, einen Büroangestellten aus der Fichte-Gruppe. Die beiden verdienten nicht genug, um zu heiraten, doch die Beziehung kriselte auch wegen Herberts Untreue. Steffin musste zweimal abtreiben, später beschrieb sie ihre erste qualvolle, von einem Apotheker vorgenommene Abtreibung in Gedicht und Prosa.

Im Frühjahr 1931 trennte sie sich von Dymke; ein paar Monate später lernte sie Brecht näher kennen. Bei der Uraufführung von Die Mutter am 17.1.1932 im Berliner Theater am Schiffbauerdamm mit Weigel in der Titelrolle trat Steffin als Dienstmädchen auf. Sie arbeitete in der Theaterwerkstatt auch als Sekretärin. Bald wurde aus der Arbeits- eine intensive Liebesbeziehung.

Reiber 2008 – Grüß den Brecht

Brecht war von Steffins Belesenheit, Kenntnissen in Literatur, Theaterpraxis und marxistischer Theorie beeindruckt, und als echtes ArbeiterInnenkind brachte sie ihm viel über den Klassenkampf bei, was er für seine Schriften und Stücke nutzen konnte. Sie wurde ihm auch bald in praktischen Dingen unersetzlich – auf diesem Gebiet war sie unermüdlich und sehr geschickt. Steffin fühlte sich von Brecht anerkannt und ernstgenommen, hoffte sogar zuerst auf eine ausschließliche, permanente Beziehung. (Er gab ihr einen Ring und bestand darauf, dass sie ihn trug.) Die beiden verbrachten 1932-33 viel Zeit miteinander; Berlin, Moskau, Ammersee, Tessin, Paris, Côte d’Azur (Sanary-sur-Mer) sind die Stationen ihrer Arbeits- und Liebeszusammenkünfte. Es war für Steffin eine Zeit intensivster körperlicher und emotionaler Beglückung: »Ich begann, mit ihm auch mich zu lieben« (K 202). Helene Weigel, zuerst resigniert, erwog im Frühjahr 1933 die Scheidung. Aber der polygame Brecht entschied sich für Weigel und seine Kinder und zog Ende Juni 1933 zu ihnen nach Dänemark, ohne Steffin aber loszulassen. Als er 1935 noch dazu die Dänin Ruth Berlau zur bevorzugten Geliebten machte, fühlte sich Steffin zutiefst verraten: »Ich liebe ihn so sehr, dass ich daran sterben werde.« (H 207).

Die Tuberkulose war bei Steffin lange zuvor diagnostiziert worden, und ab 1931 musste sie sich immer wieder in Kliniken aufhalten und operieren lassen. Brecht und Hanns Eisler besorgten ihr im Mai-Juni 1932 einen Sanatoriumsaufenthalt auf der Krim; im Frühjahr 1933 hatte sie in Tessin einen Sanatoriumsplatz. Immerhin hatte Brechts sonst mit Arbeiten überhäufte Mitarbeiterin während solcher Aufenthalte Zeit, eigene Gedichte, Prosa und Artikel zu schreiben.

Margarete Steffin 2008

Steffins Gedichte, autobiographisch geprägte Schilderungen aus der ArbeiterInnenwelt und vor allem die Sonette an »bidi«, wie sie Brecht nannte, zeugen von großer Begabung. Ihre Kurzprosa handelt hauptsächlich von der proletarischen Kindheit und Jugend und anderen eigenen Erlebnissen, wie der Sanatoriumswelt oder dem dänischen Exil. Sie hat auch zwei Dramen für Kinder geschrieben. Das Sprachgenie übersetzte auch Werke russischer, dänischer (u. a. von Andersen-Nexø), norwegischer, und schwedischer AutorInnen. Im finnischen Exil erarbeitet sie mit Hella Wuolijoki ein Theaterstück, aus dem schließlich Brechts Puntila wird. Von alledem ist fast nichts zu ihren Lebzeiten erschienen.

Es ist bei Werken aus der »Firma Brecht« schwierig, Steffins Anteil zu erkennen, da kollektiv gearbeitet wurde und Brecht und vor allem spätere Verleger ihren Namen oft nicht mehr erwähnten. Bei dem Dreigroschenroman allerdings ist es aus Briefen und anderen Materialien klar, dass sie Entscheidendes beigetragen, korrigiert und stilistische Veränderungen vorgenommen hat. Brecht: »Im allgemeinen scheinst Du eben doch ein Meisterwerk verfasst zu haben, alter Muck. Besonders gerühmt wird Deine reine Sprache.« (Häntzschel 217).

Die Jahre mit Margarete Steffin sind Brechts produktivste Zeit; nach ihrem Tod klagt er: »zum erstenmal seit 10 Jahren arbeite ich nichts ordentliches…« (Journal, Eintrag vom 21.4.1942, zit. in Hauck 26). In den neuneinhalb Jahren ihrer Zusammenarbeit haben die beiden zehn Dramen vollendet, darunter Galilei, Der gute Mensch von Sezuan, Puntila und Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui. Die »kleine Lehrerin« hat auch wesentlich beigetragen zur Mutter Courage und war an der Bearbeitung der Gedichtsammlungen im Exil beteiligt, etwa der »Steffinschen Sammlung« (1942), für die sie die erste Auswahl traf.

Joey Horsley

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Zitate

Ich selbst möchte so gern auch produktiv sein, aber […] immer wenn ich etwas beginne, habe ich Angst, dass die Leute sagen werden, ich hätte es nicht selbst gemacht. Und deshalb höre ich wieder auf. Oder ich glaube, dass es nichts taugt.
(Margarete Steffin in einem Brief an Knut Rasmussen vom 5.6.1940, zit. in Hauck 36, N92).



Mein General ist gefallen
Mein Soldat ist gefallen

Mein Lehrer ist weggegangen
Mein Schüler ist weggegangen

Mein Pfleger ist weg
Mein Pflegling ist weg.

(Brecht nach Steffins Tod)



Grete Steffin – also ein Prachtkerl! Arbeitermädel aus Berlin … ungeheuer begabt – ganz erstaunliche Begabung, von einem glänzenden Geschmack in verfeinertsten literarischen Fragen, obwohl sie Autodidaktin war. Leider schwer tuberkulös; sie ist daran gestorben. Sie war die wertvollste Mitarbeiterin von Brecht. Ich muss sagen, dass Furcht und Elend des Dritten Reiches – diese Arbeitermilieus – ohne Steffin nicht hätten geschrieben werden können. Steffin vermittelte gewissermaßen durch ihre Mitarbeit dem Brecht die Kenntnisse von der Berliner Arbeiterschaft, in der Wohnküche. Das brauchte Brecht dingend.

(Hanns Eisler, gefunden hier)



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Links

Agra: ein Fotoalbum in Flickr


1 Agra: ein Fotoalbum in Flickr. Bilder vom verlassenen Sanatorium bei Agra (Collina d’Oro/Tessin/Schweiz), in dem auch Steffin Patientin war.

Böthig – Kleine Lehrerin aus der Arbeiterschaft


2 Böthig, Peter: Kleine Lehrerin aus der Arbeiterschaft “Von der Liebe. Und vom Krieg”: Margarete Steffin, eine von B. B.s Frauen, hat bemerkenswerte poetische Texte geschrieben. Rezension. In: Frankfurter Rundschau vom 2. August 2001. lyrikwelt.de.

El-Akramy – Transit Moskau


3 El-Akramy, Ursula: Transit Moskau. Margarete Steffin und Maria Osten. Kapitel 4: Dänische Prosa und sowjetischer Realismus. artcoop.de.

Güde – Erinnerung an Grete Steffin


4 Güde, Fritz: Erinnerung an Grete Steffin zum hundertsten und ein Vorschlag (Materialien). In: stattweb-News Ausgabe 08.

Internet Movie Database – Margarete Steffin


5 Internet Movie Database: Margarete Steffin.

Katalog der Deutschen Nationalbibliothek – Steffin, Margarete


6 Katalog der Deutschen Nationalbibliothek: Steffin, Margarete, 1908-1941.

Kebir – Sexuell vernetzte Singles


7 Kebir, Sabine: Sexuell vernetzte Singles. Bert Brechts Briefe an Frauen geben Aufschluß über die Lebensweise einer Künstlergemeinschaft. In: Freitag Nr. 7 vom 12. Februar 1999.

Luhr – Lieber Doktor Benjamin


8 Luhr, Geret von: Lieber Doktor Benjamin. Stefan Hauck ediert Margarete Steffins Briefe an Walter Benjamin und andere berühmte Männer. Rezension. In: literaturkritik.de Nr. 12, Dezember 2000.

Spönemann – Wer war Margarete Steffin


9 Spönemann, Nancy: Wer war Margarete Steffin? Berlin.de.

Vachnadze – Margarete Steffin-Chronik


10 Vachnadze, Lavrenti: Margarete Steffin-Chronik. Detaillierter tabellarischer Lebenslauf (engl.).

Wikipedia – Margarete Steffin


11 Wikipedia: Margarete Steffin.



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Literatur


Quellen

El-Akramy 1998 – Transit Moskau

Fuegi 1997 – Brecht & Co

Häntzschel 2003 – Brechts Frauen



El-Akramy, Ursula (1998): Transit Moskau. Margarete Steffin und Maria Osten. Hamburg. Europäische Verlagsanstalt. ISBN 3-434-50446-X.
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Fuegi, John (1997): Brecht & Co. Biographie. Autorisierte erweiterte und berichtigte deutsche Fassung von Sebastian Wohlfeil. Hamburg. Europäische Verlagsanstalt. ISBN 3-434-50067-7.
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Häntzschel, Hiltrud (2002): Brechts Frauen. Reinbek. Rowohlt, 2003 (rororo, 23534). ISBN 3-499-23534-X.
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Kebir 1989 – Ein akzeptabler Mann

Steffin 1999 – Briefe an berühmte Männer

Steffin, Töteberg 2001 – Von der Liebe



Kebir, Sabine (1987): Ein akzeptabler Mann? Streit um Bertolt Brechts Partnerbeziehungen. Berlin. Buchverlag Der Morgen, 1989. ISBN 3-371-00091-5.
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Silberman, Marc (Hg.) (1994): Focus Margarete Steffin. Beiträge teils deutsch, teils englisch. Madison. University of Wisconsin Press (The Brecht yearbook, 19). ISBN 0-9623206-6-8.
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Steffin, Margarete (1991): Konfutse versteht nichts von Frauen. Nachgelassene Texte. Herausgegeben von Inge Gellert. Mit einem Nachwort von Simone Barck und einem dokumentarischen Anhang. Berlin. Rowohlt. ISBN 3-87134-032-4.
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Steffin, Margarete (1999): Briefe an berühmte Männer. Walter Benjamin, Bertolt Brecht, Arnold Zweig. Herausgegeben, mit einem Vorwort und mit Anmerkungen versehen von Stefan Hauck. Hamburg. Europäische Verlagsanstalt. ISBN 3-434-50437-0.
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Steffin, Margarete; Töteberg, Michael (2001): Von der Liebe und dem Krieg. Hamburg. Europäische Verlagsanstalt. ISBN 3-434-50461-3.
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Weitere Literatur

Brecht 1998 – Briefe 1. Briefe 1913

Brecht 1998 – Briefe 2. Briefe 1937

Margarete Steffin 2008



Brecht, Bertolt (1998): Briefe 1. Briefe 1913 – 1936. Bearbeitet von Günter Glaeser. Unter Mitarbeit von Wolfgang Jeske und Paul-Gerhard Wenzlaff. Berlin; Frankfurt am Main. Aufbau; Suhrkamp (Grosse kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe, herausgegeben von Werner Hecht, Band 28). ISBN 3-518-40028-2.
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Brecht, Bertolt (1998): Briefe 2. Briefe 1937 – 1949. Bearbeitet von Günter Glaeser. Unter Mitarbeit von Wolfgang Jeske und Paul-Gerhard Wenzlaff. Berlin; Frankfurt am Main. Aufbau; Suhrkamp (Grosse kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe, herausgegeben von Werner Hecht, Band 29). ISBN 3-518-40029-0.
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Margarete Steffin – Prosa Gedichte Briefe (2008). Mit Ute Kaiser (Stimme) und Achim Tang (Kontrabass). Köln. Nemu Records. Audio-CD.
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Reiber 2008 – Grüß den Brecht



Reiber, Hartmut (2008): Grüß den Brecht. Das Leben der Margarete Steffin. Berlin. Eulenspiegel. ISBN 978-3-359-02202-2.
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