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Marianne Werefkin
geboren am 11. September 1860 in Tula, Russland
gestorben am 6. Februar 1938 in Ascona, Schweiz
russische Malerin, Kunsttheoretikerin und Mäzenin
150. Geburtstagam 11. September 2010
Das kühne Selbstporträt der 50jährigen Marianne Werefkin mit den leidenschaftlich rotglühenden Augen, dem stolzen Blick, den »nicht naturgetreuen Farben … und wirbelnden Pinselstrichen« wird gern als Titelbild für Sammelbände über Malerinnen ausgewählt. Erst spät haben Malerinnen sich die Zulassung zu ihrem Beruf erkämpfen können, und die Revolutionärin Werefkin verkörpert und gestaltet diesen Durchbruch so triumphal und überzeugend wie kaum eine andere. Das Porträt entspricht »dem persönlichen dramatischen Selbstbild der Werefkin« (Manigold) und so gar nicht dem, was sich damals für eine Dame schickte. Werefkin war nicht nur als Malerin und Kunsttheoretikerin ihrer Zeit weit voraus, sondern auch als Frau – aber erst, nachdem sie die »weibliche« Entsagung und Aufopferung auf eine uns heute kaum nachvollziehbare Spitze getrieben – und überwunden hatte.

Werefkin wuchs in einer gebildeten und begüterten Adelsfamilie auf; ihre Mutter war Malerin, ihr Vater General – für seine Verdienste im Krimkrieg schenkte ihm Zar Alexander II. das Gut Blagodat in Litauen, beliebte Sommerfrische der Familie. Werefkin hatte dort ihr eigenes Atelierhaus. Nachdem die Eltern 1874 das außergewöhnliche Talent ihrer Tochter entdeckt hatten, bekam sie sofort professionellen Zeichenunterricht. 1880 wird Ilja Repin, der bedeutendste Maler des russische Realismus, ihr Privatlehrer.
1888 hatte Werefkin einen Jagdunfall und durchschoss ihre rechte, die Malhand. Werefkin wäre nicht Werefkin gewesen, wenn ein fehlender Mittelfinger sie bei der Verfolgung ihrer Ziele behindert hätte. Weit hinderlicher wurde ihre 27 Jahre währende Beziehung zu Jawlensky. 1892 lernte sie den vier Jahre jüngeren, mittellosen Offizier kennen, der gerade mit dem Malen begonnen hat, während sie bereits durch Ausstellungen als »russischer Rembrandt« anerkannt war. Werefkin wusste, dass Jawlensky ein Schürzenjäger war: »Die Liebe ist eine gefährliche Sache, besonders in den Händen Jawlenskys«. Sie lehnte eine Heirat ab, nicht zuletzt wegen der großzügigen Rente des Zaren, die sie als verheiratete Frau verloren hätte. Aber sie hatte es sich in den Kopf gesetzt, ihn als Künstler in jeder Hinsicht zu fördern. Er sollte an ihrer Stelle künstlerisch all das erreichen und verwirklichen, was einem »schwachen Weibe« ja ohnehin verwehrt war.
»Drei Jahre vergingen in unermüdlicher Pflege seines Verstandes und seines Herzens. Alles, alles, was er von mir erhielt, gab ich vor zu nehmen – alles, was ich in ihn hineinlegte, gab ich vor, als Geschenk zu empfangen … damit er nicht als Künstler eifersüchtig sein sollte, verbarg ich vor ihm meine Kunst.« (Werefkin, zitiert nach Fäthke 1980:17)

Jawlensky dankte es ihr, indem er sich an der neunjährigen Helene Nesnakomoff verging, der Gehilfin von Werefkins Zofe, mit der er schon ein Verhältnis hatte. 1902 gebar Helene einen Sohn. Im selben Jahr begann Werefkin mit ihrem Tagebuch »Lettres à un Inconnu«. Jawlensky hatte mit seinem Hang zum Küchenpersonal als Partner dermaßen versagt, dass sie sich einen »Unbekannten« als Gesprächspartner erfand. 20 Jahre später geruhte Jawlensky, die Mutter seines Sohnes zu heiraten, als es ihm passend schien, sich gänzlich von der inzwischen verarmten Werefkin zu distanzieren.
1896, nach dem Tod des Vaters, war Werefkin mit ihrer Entourage nach München-Schwabing gezogen, wo sie bald einen berühmten Salon unterhielt, in dem sich die Kunstwelt traf und die neusten Entwicklungen diskutierte. Werefkin war die große Theoretikerin und Anregerin. 1906 hatte sie ihre zehnjährige Jawlensky-Krise überwunden, griff wieder selbst zum Pinsel und schuf in der Zeit bis zum Beginn des ersten Weltkriegs bahnbrechende, weit in die Zukunft weisende Werke, so auch ihr berühmtes Selbstporträt.

Im Sommer 1908 wurde Murnau zur Geburtsstätte der abstrakten Malerei, als die Paare Münter und Kandinsky sowie Werefkin und Jawlensky dort miteinander lebten, malten und debattierten. Als führender theoretischer Kopf des Quartetts gilt Kandinsky mit seiner Schrift Über das Geistige in der Kunst (1911/12). Dass er viele seiner Ideen von Werefkin übernahm (ohne die Urheberin zu erwähnen), konnte inzwischen nachgewiesen werden. (Fäthke 1 und 2) 1909 wurde die Neue Künstlervereinigung München (N.K.V.M) gegründet. Nach einer unschönen Intrige, initiiert von Kandinsky, Marc und Macke, spaltete sich 1911/12 von der N.K.V.M der »Blaue Reiter« ab. Werefkin verließ 1912 ebenfalls die N.K.V.M. und wurde zu »des blauen Reiterreiterin«, wie ihre Freundin Else Lasker-Schüler sie nannte.
Mit Ausbruch des ersten Weltkriegs ging Werefkin mit Jawlensky in die neutrale Schweiz. Durch die russische Revolution verlor sie ihre zaristische Rente. Völlig verarmt, aber ungebrochen schöpferisch und unterstützt von guten FreundInnen und BewunderInnen ihres Werks, verbrachte sie das letzte Viertel ihres langen Lebens in Ascona. Sie schenkte der Stadt, die heute den reichsten Bestand an Werefkin-Werken besitzt, viele ihrer Bilder. Sie sind zu bewundern im Museo comunale di Ascona, dem Sitz der Fondazione Marianne Werefkin.
Luise F. Pusch
Hinweis: Dies sind keine Literaturempfehlungen, sondern die zum Thema erschienenen Titel – ohne Wertung unsererseits.
Behling, Katja; Manigold, Anke (2009): Die Malweiber. Unerschrockene Künstlerinnen um 1900. München. Sandmann. ISBN 978-3-938045-37-4.
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Aus dem Englischen von Anne Steeb und Bernd Müller Oxford. Phaidon. ISBN 0-7148-9005-7.
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Fäthke, Bernd (2001): Marianne Werefkin. München. Hirmer. ISBN 3-7774-9040-7.
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Mit Beiträgen von Bernd Fäthke, Annegret Hoberg und Brigitte Salmen Murnau. Schloßmuseum. ISBN 978-3-932276-29-3.
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Werefkin, Marianne (1960): Briefe an einen Unbekannten. 1901 – 1905. (=Lettres à un inconnu)
Herausgegeben von Clemens Weiler. Köln. Du Mont Schauberg.
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Werefkin, Marianne (1999): Lettres à un inconnu.
Présentation par Gabrielle Dufour-Kowalska Paris. Klincksieck. (L’esprit et les formes) ISBN 2252032855.
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