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Maxie Wander
geboren am 3. Januar 1933 in Wien
gestorben am 21. November 1977 in Potsdam
österreichische Schriftstellerin in der DDR
“Nun haben wir, zu unserem Glück, ihr Buch. Wir sehen es, manchmal ganz zerlesen, in den Händen ihrer Leser, besonders ihrer Leserinnen.” So beantwortete Christa Wolf die Frage “Was bleibt?” in dem Nachruf für die 44jährige Freundin, die wenige Monate nach dem Erscheinen von Guten Morgen, du Schöne an Krebs gestorben war.
Maxie Wander hat ahnen, aber nicht mehr erleben können, welche Wellen diese “Protokolle nach Tonband” schlagen würden. Das Buch wurde nicht nur gelesen und zerlesen, es wurde zum Modell für eine DDR-spezifische Gattung. Für die Bühne adaptiert, haben diese Geschichten von Frauen mit über 400 Theatervorstellungen in der DDR zu wichtigen öffentlichen Diskussionen geführt. Das Buch erzeugte auch Renonanz in der BRD. Um zwei Protokolle gekürzt, und mit einem Vorwort von Christa Wolf, erreichte die Lizenzausgabe eine erstaunlich hohe Auflage. Wander kämpfte noch im Oktober 1977 darum, dass die besondere Form, die sie dem Werk gegeben hatte, im Westen nicht “zerrissen” würde.
Bescheiden meinte Wander in ihrer eigenen Vorbemerkung: “Vielleicht ist dieses Buch nur zustande gekommen, weil ich zuhören wollte.” Sie hörte nicht nur zu, sie wählte aus, bearbeitete, schliff, fügte hinzu, ohne die Authentizität zu beeinträchtigen. Sie hatte nach vielen Jahren der Unsicherheit in ihren schriftstellerischen Versuchen mit der Protokollform ihr eigentliches Talent entdeckt. “Berührung” nennt Wolf die besondere Art, die Wander hatte, Vertrauen in den verschiedensten GesprächspartnerInnen zu erwecken, so dass etwas Utopisches entstand, “ein Vorgefühl von einer Gemeinschaft, deren Gesetze Anteilnahme, Selbstachtung, Vertrauen und Freundlichkeit wären. Merkmale von Schwesterlichkeit.”
In Wien als Tochter einer armen, kommunistisch gesinnten Familie geboren, siedelte Maxie Wander 1957 mit ihrem Mann, dem kommunistischen Schriftsteller Fred Wander, in die DDR um. Erst in der Ferne entwickelte sich der Bezug zur heimatlichen Landschaft. Sie liebte die Natur: Bäume, Wolken. Sie war Arbeiterkind; ohne Abitur verließ sie die Schule. Sie hatte sich jahrelang als Fabrikarbeiterin, Sekretärin, Drehbuchautorin durchgeschlagen. Das Stottern hinderte sie daran, die Karriere als Journalistin auszubauen. Sie wollte schreiben, fand aber erst spät ihr Thema: “die kleinen, zu kurz gekommenen, zugegeben, ein wenig spleenigen Leute. Warum darf man darüber nicht schreiben? Müssen es immer Kraftmeier mit der Schippe in der Hand sein? ... Es gibt diese Leute, und ich hab sie alle gern. Es ist mein Leben!”
Sie kannte eben selber als Frau und Mutter die alltäglichen Reibereien in einer nicht immer harmonischen Ehe. Als Freundin und Schriftstellerin kannte sie die Bedrückheit, Trauer und Melancholie in der realexistierenden sozialistischen Gesellschaft, weil sie von sich und den anderen sehr viel an Veränderung verlangte. Sie kannte auch die großen Verluste und das Gefühl der Ohnmacht. Die Tochter Kitty war 1968 vor dem eigenen Haus verunglückt, und Wander gab sich die Schuld; sie habe das geliebte Kind nicht behütet und daher verloren. Wir können Fred Wander dankbar sein, dass er bereit war, uns einiges von Maxie Wanders tiefsinnigen Tagebuchaufzeichnungen und Briefen mitzuteilen.
1976-77 war keine günstige Zeit in der DDR für eine, die sich mit den Dingen nicht zufriedengab, die von ihren Gesprächspartnerinnen vor allem Ehrlichkeit und Offenheit verlangte. Wander kämpfte um ihr Buch, und schließlich erklärte sich der Buchverlag Der Morgen zur Veröffentlichung bereit. Die Korrekturbögen erreichten sie in der Klinik nach einer unerwarteten, radikalen Mastektomie. Sie war fast zu schwach, sie zu überprüfen. In den 14 Monaten, die ihr noch blieben, machte sie sich immer wieder Mut: “Schöpferisch werden! So tun, als wär ich entkommen!” Sie plante schon zwei weitere Bände, sammelte schon Tonbandgespräche mit Männern, und Kindergeschichten. Sie schwur sich: “Jeden Tropfen Leben werde ich auskosten.” Das tat sie.
Margaret Ward
Kaufmann, Eva, “Women Writers in the GDR, 1945-1989” in: Post-War Women’s Writing in German: Feminist Critical Approaches. Hg. Chris Weedon. 1997. Providence, RI. Berghahn.
Lennox, Sara. 1983. “‘Nun ja! Das nächste Leben geht aber heute an,’ Prosa von Frauen und Frauenbefreiung in der DDR”, in: Literatur der DDR in den siebziger Jahren. Hg. P.U. Hohendahl und P. Herminghouse. Frankfurt a. M. Suhrkamp. es 1174.
Wander, Fred. 1999 [1996]. Das gute Leben: Erinnerungen. Frankfurt/M. Fischer TB 14142.
Wolf, Christa. “Berührung. Maxie Wander” und “Zum Tod von Maxie Wander”, in: Die Dimension des Autors. 1987. Darmstadt & Neuwied. Luchterhand.
