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Nadeschda Mandelstam
geboren am 31. Oktober 1899 in Saratow (UdSSR)
gestorben am 29. Dezember 1980 in Moskau
russische Biographin und Schriftstellerin
30. Todestag am 29. Dezember 2010
Nadeschda Jakowlewna Chasin entstammt einer gebildeten Familie in Kiew, wo sie an der Kunstschule studierte. Am 1. Mai 1919 lernt sie den jungen jüdischen Dichter Ossip Mandelstam kennen. Beide verbindet eine tiefe Liebe – weit hinaus über die 18 Jahre der Zusammenarbeit und der Gemeinsamkeit: Durch alle Phasen der bitteren Trennung, der Armut, der Verzweiflung, Angst und Krankheit, der Unterdrückung, Verfolgung und Haft, der Arbeitslosigkeit, des Hungers und der Verleumdung, der langen Fluchten und des Getriebenwerdens kreuz und quer durch Russland. Sie lebten in einer Zeit, in der echte Dichtung zumeist nur im Gedächtnis bewahrt und mündlich weitergegeben werden konnte.
1956 wird ihr Mann teilweise rehabilitiert (in dieser Zeit promoviert sie, 57Jährig, noch in Anglistik), und Nadeschda erhält endlich eine kleine Witwenrente, darf aber weiterhin, als »politisch verdächtige Ehefrau«, nicht in Moskau wohnen, auch wenn sie 1957 (u.a. mit der berühmten Lyrikerin und treuen Freundin Anna Achmatowa) als Nachlassverwalterin ihres Mannes eingesetzt wird. Sie arbeitet als schlecht bezahlte Dozentin für Englisch in der Provinz, veröffentlicht zwei Kurzgeschichten und kehrt 1964 endlich in die Hauptstadt zurück, wo sie einige Jahre vor ihrem Tod noch die erste Veröffentlichung einer Gedichtsammlung ihres Mannes erlebt.
Nadeschda Mandelstam – Ossip redet sie in seinen rührenden Briefen oft mit »Kindchen« oder »Vögelchen« an; sich selbst nannte er, so angewiesen er immer auf sie war, ihren Hüter (engl. nanny) — war die unerschütterlich treue Hüterin seines Andenkens und seiner Werke, die bis in die fünfziger Jahre in der Öffentlichkeit fast unbekannt waren. Sie bestand darauf, dass er seine Texte aufschrieb, sammelte seine Manuskripte, versteckte sie oder gab sie ihrem Bruder und Freunden in Verwahrung, rettete anderes vor der deutschen Wehrmacht und wagte es schließlich, alles Erinnerte aufzuschreiben und weiter vor dem Vergessen zu bewahren, bis es zum Druck ins Ausland gelangte. Doch noch die ersten New Yorker Herausgeber wussten nichts von der Existenz dieser Frau, die im literarischen Werk ihres Mannes nur zarte Spuren hinterlassen hatte.
Spätestens aber seit dem Erscheinen ihrer zwei Erinnerungsbände wissen wir von einer Dichterin. Mit einem durch alle Zeiten des allgemeinen Ich-Verlustes bewahrten tiefen Glauben an die Kraft der Humanität und der Dichtung legt sie ein bewegendes persönliches Zeugnis ab von ihrem Leben in menschlicher Würde in einer Welt entwürdigender und unmenschlicher Zustände.
Swantje Koch-Kanz
Hinweis: Dies sind keine Literaturempfehlungen, sondern die zum Thema erschienenen Titel – ohne Wertung unsererseits.
Brown, Clarence (1973): Mandelstam. Cambridge. Cambridge University Press. ISBN 0-521-20142-X.
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Gerstein, Emma (2004): Moscow memoirs. Memories of Anna Akhmatova, Osip Mandelstam, and literary Russia under Stalin.
Translated and edited by John Crowfoot Woodstock. Overlook Press. ISBN 1-58567-595-4.
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Grabmüller, Uta (Hg.) (1993): Zwischen Anpassung und Widerspruch. Beiträge zur Frauenforschung am Osteuropa-Institut der Freien Universität Berlin. Wiesbaden. Harrassowitz. (Multidisziplinäre Veröffentlichungen / Osteuropa-Institut der Freien Universität Berlin, 3) ISBN 3-447-03375-4.
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Holmgren, Beth (1993): Women’s works in Stalin’s time. On Lidiia Chukovskaia and Nadezhda Mandelstam. Bloomington. Indiana University Press. ISBN 0253208297.
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Mandelstam, Nadeschda (1975): Generation ohne Tränen. Erinnerungen. (=Vtoraya kniga (gekürzt))
Aus dem Russischen von Godehard Schramm Frankfurt (am Main). S. Fischer. ISBN 3-10-047703-0.
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Mandelstam, Ossip (1979): The complete critical prose and letters. Herausgegeben von Jane Gary Harris. Ann Arbor. Ardis. ISBN 0-88233-163-9.
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Mandelstam, Ossip (1989): Briefe an Nadeshda.
Ausgewählt und übertragen von Johanne PetersHerausgegeben von Siegfried Heinrichs. Berlin. Oberbaum. ISBN 3-926409-56-8.
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Mandelstam, Nadeschda (1971): Das Jahrhundert der Wölfe. Eine Autobiographie. (=Vospominanija)
Aus dem Russischen von Elisabeth Mahler Frankfurt am Main. Fischer-Taschenbuch-Verlag. 1991. (Fischer-Taschenbücher, 5684) ISBN 3-596-25684-4.
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Rylkova, Galina (1999): No Room of Her Own. The Case of L. D. Blok vis-à-vis Anna Achmatova, Nadeschda Mandelschtam and Lidija Tschukovskaja. Chicago.
Schultz, Hans Jürgen (Hg.) (1989): Liebespaare. Geschichte und Geschichten.
Buch nach einer Sendereihe des Süddeutschen Rundfunks München. Deutscher Taschenbuchverlag. 1993. (dtv, 30356 : dtv-Sachbuch) ISBN 3-423-30356-5.
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Terras, Victor (Hg.) (1985): Handbook of Russian literature. New Haven. Yale University Press. ISBN 0-300-03155-6.
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