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Renée Vivien
geboren am 11. Juni 1877 in London
gestorben am 18. November 1909 in Paris
französisch-englische Dichterin
100. Todestag am 18. November 2009
Pauline Mary Tarn, geboren 1877 als Tochter einer amerikanischen Mutter und eines englischen Vaters in einer wohlhabenden, bürgerlichen Familie in London, hasste ihr Herkunftsland („Englische Sonntage, das sind Gebete und Roastbeef, zwei ... gleichermaßen unverdauliche Dinge“) und ihre Verwandtschaft („Ich wünschte, man könnte sich von seinen Eltern scheiden lassen!“). Glücklich war sie nur in den Jahren, die sie in vornehmen Pariser Mädchenpensionaten verbringen durfte, umgeben von der französischen Sprache und Dichtkunst. Mit 21 erlangte sie die Volljährigkeit und ließ sich – ausgestattet mit einem beträchtlichen Erbe – in Paris nieder, wo sie durch Vermittlung ihrer Jugendfreundin Violette Shillito bald eine andere, ebenso frankreich- und literaturbegeisterte Erbin kennen lernte: die Amerikanerin Natalie Barney.
Die beiden jungen Frauen gingen eine kurze, heftige Liebesbeziehung ein – für die introvertierte, romantische Pauline eine Erfahrung, die sie zutiefst erschütterte und ihrer poetischen Begabung Thema und Richtung gab. Bereits im folgenden Jahr, 1901, erschien unter dem abgekürzten Pseudonym „R.Vivien“ Pauline Tarns erster Gedichtband, in dem sie die unwiderstehliche Schönheit ihrer „blonden Sirene“ feierte, aber auch ihre Ängste, Schuldgefühle und Eifersucht zum Ausdruck brachte („Auf meinen stummen Lippen zitterten die Süße und das Entsetzen deines ersten Kusses“).
Vivien ertrug es nicht, die Geliebte mit anderen Frauen teilen zu müssen, sie erfuhr die Liebe als einen unausweichlichen „Abgrund“, in den sie sich stürzte, wohl wissend, dass er sie verschlingen würde, während Barney, selbstbewusst und unbekümmert, ihre Frauenbeziehungen als Quelle des Glücks empfand und sie in aller Öffentlichkeit auslebte. Die Unterschiede in Charakter und Lebensauffassung führten zu Zerwürfnissen und Trennungen, doch bis zu Viviens viel zu frühem Tod kamen die beiden Frauen auch nie ganz voneinander los – was sie verband, war v.a. der Traum von der Wiederbelebung des sapphischen Ideals, einer auf Schönheit, Erotik und Kunst basierenden Frauengemeinschaft.
Vivien hatte Sapphos Gedichte durch eine englische Übersetzung kennen gelernt. Sie nahm Unterricht in Altgriechisch und beschäftigte sich intensiv mit der Geschichte der großen Dichterin von Mytilene. 1904 veröffentlichte sie einen Band mit wortgetreuen Übersetzungen und freien Nachschöpfungen der sapphischen Texte. 1905 pilgerten sie und Barney nach Mytilene, und Vivien stellte in Les Kitharèdes acht andere, wenig bekannte griechische Dichterinnen der Antike vor. Ab jetzt veröffentlichte sie unter dem vollen Namen „Renée Vivien“, wodurch sie ihre weibliche Identität enthüllte und ihre Verse für das ahnungslose Publikum erst eine klar lesbische Bedeutung bekamen. In ihrem Roman Mir erschien eine Frau... und dem Erzählungsband Die Dame mit der Wölfin (beide 1904, dt. 1995 bzw. 1981) wurde sie noch radikaler: Bissig-ironisch deklarierte sie Heterosexualität zur „unnatürlichen Verirrung“ und beklagte die Verwüstungen zarter Frauenkörper durch „widerwärtige Mutterschaft“.
Nachdem ihre in geschliffenen Alexandrinern verfassten klassischen Verse noch als viel versprechende Werke eines großen, jungen Talents („ein neuer Baudelaire“) gelobt worden waren, wurde Vivien nun zur Zielscheibe beleidigender, persönlicher Kritik: „Hysterisch“ und „neurotisch“.
Tief getroffen von den öffentlichen Angriffen, fühlte sie sich unverstanden, an den Pranger gestellt. Dennoch schrieb sie wie besessen weiter, immer wieder überarbeitete sie ihre eigenen Texte, insgesamt erschienen zu ihren Lebzeiten 25 Lyrik- und Prosabände, die sie aber oft nur noch einem kleinen Kreis von FreundInnen zugänglich machte. Weder die Beziehung zu Hélène de Zuylen de Nyevelt, einer steinreichen belgischen Baronin aus dem Hause Rothschild, die sich mit treuer, aber auch erdrückender Liebe der fragilen Dichterin annahm, noch die schwärmerische Briefaffäre mit der türkischen Diplomatengattin Kérimé Turkhan-Pacha konnten sie von ihrer immer stärker werdenden Todessehnsucht befreien.
In depressiven Phasen zog sie sich in ihre abgedunkelte, mit orientalischem Dekor und zahlreichen Buddha-Figuren geschmückte Pariser Wohnung zurück, trank, verweigerte jede Nahrungsaufnahme. Zweimal versuchte sie, sich mit Tabletten das Leben zu nehmen. Dann wieder reiste sie wie auf der Flucht durch zahlreiche europäische Länder, nach Konstantinopel, China, Japan, Hawaii. 1909 starb sie, erst 32 Jahre alt, an den Folgen ihrer Mager- und Alkoholsucht.
Lange Zeit war Renée Vivien völlig vergessen, erst in den 1980er Jahren wurden ihre Texte wieder aufgelegt und es erschienen ernsthafte biografische und literaturtheoretische Untersuchungen über die Dichterin, die als erste 2500 Jahre nach Sappho die Liebe zwischen Frauen zum Hauptthema ihrer Dichtung machte und sich dabei explizit an ein weibliches Publikum wandte: „Oh Frauen! In der Hoffnung, euch zu gefallen, habe ich gesungen!“
Andrea Schweers
Goujon, Jean-Paul. 1986. Tes blessures sont plus douces que leurs caresses: Vie de Renée Vivien. Paris. Régine Deforges.
Chalon, Jean. 1980. (1976) Porträt einer Verführerin: Die Biographie der Natalie Barney. (Portrait d’une séductrice). Aus d. Frz. von Helmut Kossodo. Reinbek bei Hamburg. Rowohlt Taschenbuch.
Vivien, Renée. 1981 (1904). Die Dame mit der Wölfin. (La Dame à la louve). Aus d. Frz. und mit einem Nachwort von Micheline Poli und Bettina Schäfer. Berlin. Verlag Micheline Poli.
Vivien, Renée. 1995. (1904). Mir erschien eine Frau. (Une femme m’apparut). Aus d. Frz. und mit einem Vorwort von Claudia Kalscheuer. Göttingen. Daphne Verlag.
Sanders, Virginie. (1991). „Vertigineusement, j’allais vers les Etoiles ...“: La poésie de Renée Vivien. Amsterdam. Editions Rodopi.
