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Suzanne Farrell
geboren am 16. August 1945 in Cincinnati, Ohio
US-amerikanische Tänzerin, Tanzpädagogin und Choreographin
65. Geburtstag am 16. August 2010
Die Tanzkritikerin des New Yorker, Joan Acocella, bezeichnete das 45 Jahre alte Amateurvideo als “eines der außerordentlichsten Tanzdokumente, das ich je gesehen habe.” Es zeigt eine junge Frau “... die mit fließender Grazie und zugleich wütender, fast dämonischer Energie tanzte. Angesichts der vertrackten Schrittfolgen, ausgeführt in halsbrecherischem Tempo, fragt man sich, wie eine gewöhnliche Sterbliche sich so bewegen konnte.” (Gewertz 2004)
Die Rede ist von Suzanne Farrell, damals 19 Jahre alt - laut Acocella “die einflußreichste Tänzerin, die Amerika hervorgebracht hat.”
Farrells Mutter zog nach ihrer Scheidung 1959 mit ihren begabten Töchtern von Cincinnati nach New York, um sie zur Pianistin bzw. Tänzerin ausbilden zu lassen. Die Drei bewohnten ein winziges Apartment, das von dem Flügel fast vollständig eingenommen wurde. Nachts schliefen die Töchter in dem einzigen Bett, tagsüber die Mutter. Farrell bekam mit 15 ein Stipendium an der Schule des New York City Ballet (NYCB), das von dem Exilrussen George Balanchine geleitet wurde, dem (laut Farrell) “Ballettgenie des Jahrhunderts”.
Mit 16 wurde Farrell Mitglied des NYCB, und sie war noch nicht 18, als Balanchine sie für Hauptpartien einsetzte. “Während seiner gesamten Laufbahn war Balanchines Arbeitsmethode wie folgt: Er verliebte sich in eine junge Tänzerin, kreierte wundervolle Ballette für sie, manchmal heiratete er sie sogar, und dann wechselte er über zur nächsten jungen Tänzerin.” (Acocella) Farrell beschloß, den 41 Jahre älteren “Mr. B” weder zu heiraten noch mit ihm zu schlafen. Sie hatten eine platonische und daher vielleicht umso intensivere Beziehung. In den 60ern, den sogenannten “Farrell-Jahren” des NYCB, bekam Farrell fast jede Hauptrolle, Balanchine schuf für sie pro Jahr ein neues Ballett, manchmal drei oder vier. Als sie ihren Kollegen Paul Mejia heiratete, wurde Mr. B so unausstehlich, daß sie für vier Jahre zu Maurice Béjart nach Brüssel auswich. Danach vertrug man sich wieder, und von 1975 bis zu Balanchines Tod 1983 waren die beiden wieder das Dream Team des amerikanischen Balletts.
Ende 1989 verabschiedete sich Farrell von der Bühne und ist seither eine weltweit gefragte Expertin für Balanchine-Einstudierungen. Seit 1995 hat sie ihr eigenes “Suzanne-Farrell-Ballet” am Kennedy Center in Washington, DC. Aus der besessenen Tänzerin von einst, die unter ihren KollegInnen am NYCB wegen ihrer Distanziertheit und ihrer Vorzugsstellung verhasst war, ist eine begnadete Lehrerin geworden, die ihre für die Aufführungen immer wieder neu zusammengestellte Truppe zu Höhen führt, die niemand von ihnen erwartet hätte – wie einst Balanchine. Und das alles, ohne mit ihnen zu schlafen.
Luise F. Pusch
Acocella, Joan. 2003. “Second Act: Suzanne Farrell’s Ballet Company”, The New Yorker 2003.01.06, 48-61.
Dickson, Deborah & Anne Belle. 2001. Suzanne Farrell: Elusive Muse. Video/DVD. Winstar Home Entertainment.
Farrell, Suzanne with Toni Bentley. 1990. Holding on to the Air: An Autobiography. New York. Summit.
Gewertz, Ken. 2004. “The grace and wisdom of Suzanne Farrell”, The Harvard Gazette 22.4.04 (Online unter: http://www.news.harvard.edu/gazette/2004/04.22/14-farrell.html (15.08.2010))
