02.01.2010
Alte Männer, neues Jahr: Das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker
Jedes Jahr am Neujahrsmorgen spielen die Wiener Philharmoniker im Goldenen Saal des Musikvereins ihr Neujahrskonzert, überwiegend mit Wälzern und Polken der Strauß-Dynastie. Die Eintrittskarten sind sündhaft teuer und obendrein auf Jahre ausverkauft, aber auf dem Bildschirm gibt’s das Ganze kostenlos, und so schauen jedes Mal viele Millionen Menschen “aus aller Herren Ländern” zu, diesmal sollen es 72 Herrenländer gewesen sein.
Das Konzert wird auch überwiegend von Herren bestritten, aber heuer konnte Kulturmoderatorin Barbara Rett vom ORF melden: “Man sieht viele junge Gesichter, ein richtiger Generationswechsel hat da im Orchester stattgefunden. Auch einige Damen sind hinzugekommen, sehr erfreulich.”
Ich habe insgesamt zwei Damen ausgemacht, junge natürlich, vielleicht waren es auch drei.
Ab einem gewissen Alter feiern die Leute ihren Geburtstag nicht mehr so ausgiebig, sie lassen ihn lieber sang- und klanglos verstreichen - schon wieder ein Jahr älter. Nicht so bei Neujahr - das begrüßen wir alle, Alt und Jung, gerne mit Getöse. So auch die Wiener Philharmoniker. Ich ließ mich von der schwungvollen Musik und den schönen Blumen verzaubern, wie Millionen andere auch. In der Pause bekamen wir einen 15-minütigen Film namens “Inside” gezeigt, sozusagen ein “Making of” des Neujahrskonzerts. Da waren dann mehr Frauen zu sehen - wie sie den Musikvereinssaal reinigten, wie sie Tausende von Blumen anschleppten und hübsch arrangierten, und wie sie in den Schneiderinnenateliers nach den Vorgaben des “Modezars” Valentino die Kostüme für die Balletteinlagen fertigten. 250 Frauen-Arbeitsstunden hatte allein das Kostüm der Ballerina in “Valentino-Rot” gefordert! (Valentino, O-Ton: “Valentino is well known for red, of course I put the first ballerina in red.) Für sich selbst bevorzugt der Modezar dagegen klassisch-dezentes Grau, Beige und Weiß.
Er und sein Lebensgefährte Giametti traten damit im Partnerlook auf, passend zu den im Privatjet mitgeführten fünf Möpsen und zu Giamettis weißem und Valentinos aschblondem Haar.
Wir bekamen also optisch und musikalisch was geboten, es war ein Fest für Auge und Ohr.
Zum Nachdenken bekamen wir auch was geboten. Warum, fragte ich mich, wird der rüstige Dirigent Prêtre dauernd für seine 85 Jahre gelobt, der ebenso rüstige Modeschöpfer Valentino aber überhaupt nicht? Immerhin wird er auch bald 85, sind nur noch 7 Jahre hin. Auch er macht weiterhin Furore in seinem Beruf, hat sich schön liften und bräunen lassen und schreitet jugendlich federnd dahin. Das wäre doch auch mal ein kleines Lob wert gewesen. Oder wenigstens eine Erwähnung. Aber nichts, rein gar nichts erfuhren wir über Valentinos vorgerücktes Alter.
Altern, so scheint es, ist in Valentinos Branche die Peinlichkeit schlechthin, am besten verliert man darüber kein Wort. Der Chef ist seiner eigenen Botschaft zum Opfer gefallen und macht mit in seinem eigenen Zirkus. Faltige Haut hat er an seine Möpse delegiert.

Chronologie: Frauen bei den Wiener Philharmonikern 1997-2006 (dank an Anne Beck für den Hinweis)
Luise F. Pusch am 02.01.2010 um 09:06 PM
