15.02.2009

„Andrea Ypsilanti tritt zurück!“

Gästinglosse von Ursula Müller

„Andrea Ypsilanti tritt zurück!“ - Wie gerne hätte ich diese Schlagzeile gelesen! So viele Tritte, so viele davon unter die Gürtellinie, hat Frau Ypsilanti einstecken müssen. Meine Wut darüber schwoll täglich an und ist noch lange nicht verebbt. Natürlich ist es sehr ehrenwert, dass Andrea Ypsilanti nicht Gleiches mit Gleichem vergilt und nun ihrerseits zum Tritt ausholt. Und klug ist es vielleicht auch, so kann sie eventuell noch eine andere Karriere machen. Das halten Sie für ausgeschlossen? Kann sein. Ich setze aber durchaus Hoffnung darauf, dass Andrea Ypsilantis Partei, die sich ja dem Gender Mainstreaming verschrieben hat, die Parteipolitik des letzten Jahres in Hessen unter geschlechtsspezifischen Gesichtspunkten aufarbeiten wird.

Das möchte ich aber nicht einfach dem Lauf der Geschichte überlassen, sondern biete hier meine Hilfe an.

Vor Jahren haben Feministinnen einmal durchgespielt, wie es einer Schwester von William Shakespeare ergangen wäre. - Sie wäre in der Gosse gelandet. Ich möchte nun den Spieß umdrehen und phantasieren, wie es einem Andreas Ypsilanti ergangen wäre:

• Zuerst wäre man und frau innerhalb der SPD des Lobes über ihn voll gewesen, war es ihm doch – wider alle Erwartungen – gelungen, für seine Partei so viele Stimmen zu holen, dass erstmals nach Jahren eine SPD-geführte hessische Landesregierung möglich erschien. Jubel allerorten! Glückwünsche aus der Parteispitze. Man drängt sich danach, neben Andreas Ypsilanti abgelichtet zu werden und in die Presse zu kommen. „Der Sieger von Hessen!“ verkünden die Medien.

• Seine Bemühungen um eine Ampelkoalition wären sehr gewürdigt worden. Dagegen hätte man die FDP dafür gescholten, dass sie nicht bereit war, ihr Wahlversprechen zu brechen und mit SPD und Grünen zu koalieren. Vasallen von Roland Koch hätte man die Liberalen genannt, ihnen Nibelungentreue vorgeworfen, bis diese keine Schnitte mehr hätten machen können. Guido Westerwelle wäre angesichts von so viel Empörung kleinlaut geworden.

• Wenn das alles nichts genutzt hätte und die FDP bei ihrem Nein geblieben wäre, hätte die Partei umgesteuert. Klaus Wowereit hätte man nach vorne geschickt. Er hätte seine Erfahrungen mit den Linken positiv dargestellt, andere Genossinnen und Genossen aus dem Osten wären gefolgt. Man hätte groß in der Presse zusammengetragen, wo die CDU (!) im Osten mit der Linkspartei koaliert. Kurz, man hätte die Linken hoffähig geredet.

• Daneben hätte man lautstark betont, dass es schließlich um die Sache ginge und darum, den Wählerwillen umzusetzen. „Die Wählerinnen und Wähler haben Roland Koch abgewählt!“ hätte es geheißen. „Wir hören die Signale. Uns geht es um die Sache. Wir werden prüfen, welche Schnittmengen es für eine Rot-Rot-Grüne Koalition geben könnte.“

• Begleitet hätte man diese Kehrtwendung mit einer Unterstützung des Kandidaten Andreas Ypsilanti. „Vorwärts, Andreas!“ hätte es geheißen. „AY, AY, AY“-Rufe wären ertönt. Lauthals hätte man die Schandtaten und Lügen von Roland Koch in den Vordergrund gestellt, hätte den brutalstmöglichen Aufklärer an die Parteispendenaffäre erinnert, an das „jüdische Erbe“. Hätte sich der so Angegriffene dann doch noch getraut, den Schritt von Andreas Ypsilanti hin zur Linkspartei als Wortbruch zu kritisieren, hätte es geheißen: „Wer im Glashaus sitzt, soll nicht mit Steinen werfen!“

• Und falls sich auch gegen Herrn Ypsilanti vier Abtrünnige gefunden hätten, hätte die Partei dem Genossen Andreas einen Sitz im Bundestag in Aussicht gestellt, wenn nicht gar eine noch höhere Position in der Partei: „Andreas hat uns gezeigt, in welche Richtung wir gehen müssen! Männer wie ihn braucht die SPD.“

Aber so? Ich muss an Al Gore denken, den Beinahe-US-Präsidenten, der seine Anliegen so konsequent in die Öffentlichkeit trägt und nun sogar einen Oscar in seinem Regal stehen hat. Andrea Ypsilanti, die Beinahe-Ministerpräsidentin von Hessen, als mutige Kämpferin für eine alternative Wirtschaft, so wie sie sie in Hessen hat realisieren wollen? Nicht nur, dass ihr dafür sicher das Geld fehlt. Auch als Umweltkämpferin und ökologische Wirtschaftstheoretikerin hat sie das falsche Geschlecht. Ich überlasse es Ihnen, verehrte Leserinnen und Leser, durchzuspielen, wie es einer Schwester von Al Gore, Ann Gore, ergangen wäre.

7.2.09
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FrauenbildDr. Ursula G.T. Müller, Jahrgang 44, Soziologin und Frauenpolitikerin, kam Ende der 1960er/Anfang der 1970er in die US-amerikanische Frauenbewegung und hörte mit Feminismus nicht mehr auf. Von 1986 bis 1996 war sie Frauenbeauftragte der Stadt Hannover, von 1996 bis 1998 Staatssekretärin im Frauen-, Jugend-, Wohnungs- und Städtebauministerium von Schleswig-Holstein. Ihre Erfahrungen hat sie aufgezeichnet in dem Buch “Die Wahrheit über die Lila Latzhosen: Höhen und Tiefen in 15 Jahren Frauenbewegung”, Gießen: Psychosozial-Verlag 2004, 390 S.

Luise F. Pusch am 15.02.2009 um 05:11 PM