04.07.2010
BP und der Dschender-Dschungel
An zwei Tagen im Juni erlebten wir den sprachlichen Ausnahmezustand. Die Medien zeigten, dass sie doch geschlechtergerecht formulieren können.
Nie habe ich so oft das Wort “Staatsoberhaupt” gehört wie an den ersten beiden Junitagen, an denen Ursula von der Leyen als Nachfolgerin von Horst Köhler noch im Gespräch war.
“Suche nach dem Staatsoberhaupt” - so wurde vielfach getitelt. Das “Staatsoberhaupt”, grammatisch neutral, machte sich einfach besser, solange eine Frau, noch dazu eine mächtige, als Favoritin für das Bundespräsidialamt galt - das sonst nur das “Bundespräsidentenamt” oder “Amt des Bundespräsidenten” genannt wird.
Wörter wie “Person” und erst recht “Persönlichkeit” hatten Hochkonjunktur. Auch wurde andauernd gewissenhaft die Doppelform eingesetzt.
Hier ein paar Kostproben:
Für Angela Merkel (CDU) und Guido Westerwelle (FDP) gilt: Anders als Köhler soll der Nachfolger oder die Nachfolgerin parteipolitisch erfahren sein und möglichst auf breite Zustimmung stoßen.
....wollen CDU/CSU und FDP auf jeden Fall einen eigenen Personalvorschlag machen [statt: “Kandidatenvorschlag machen” oder “einen eigenen Kandidaten vorschlagen”].(dpa newsticker 1.6.2010)
“Wir glauben, dass wir jemanden [immerhin besser als “einen Mann”] mit politischer Erfahrung brauchen”, sagte Unionsfraktionschef Volker Kauder (CDU). “Wir werden in den nächsten Tagen eine qualifizierte Persönlichkeit suchen.” Die Koalition stehe nicht unter Zeitdruck, wolle aber “relativ rasch” die Personalfrage [nicht: “die Kandidatenfrage”] klären.”
n-tv konnte sich noch nicht so recht an die neue Wirklichkeit gewöhnen und verhaspelte sich im Dschender-Dschungel:
Die Opposition fordert eine Persönlichkeit, der von allen unterstützt werden könnte.
Wenn ich noch an der Uni feministische Linguistik unterrichten würde, würde ich sofort eine sprachliche Analyse der Zeitungsartikel und TV-Sendungen des 1. und 2. Juni 2010 zum Thema “Neues Staatsoberhaupt gesucht” als Seminar- oder Abschlussarbeit vergeben.
Am 3. Juni war der schöne Spuk vorbei, war das geschlechtsneutrale “Staatsoberhaupt” schon wieder aus dem allgemeinen Diskurs verschwunden. Zwei Männer kämpften nun um das Amt (ab 3. Juni), Luc Jochimsen wurde von der Linken erst eine Woche später als Kandidatin aufgestellt. Und eine chancenlose Frau gegen zwei Männer, da braucht mann nun wirklich keine sprachliche Rücksicht mehr zu nehmen, wie schon ein Jahr zuvor bei der Wahl zwischen Horst Köhler und Gesine Schwan, die in Wahrheit keineswegs chancenlos war; Köhler siegte mit nur einer Stimme Mehrheit. Aber die Kandidatin hatte keine Macht. Wie auch die Sprache dazu beitrug, habe ich in der Glosse “Bundespräsident oder Bundespräsent” analysiert.
So etwas wie sprachliche Gerechtigkeit ergab sich dann erst am 30. Juni wieder, und zwar als Nebenprodukt der Twittersprache, die wie das Simsen von Abkürzungen lebt. Da ich am Wahltag in Boston war, wo sich natürlich kein Aas für die deutsche Staatsoberhaupt-Wahl interessiert, verfolgte ich den Wahl-Dreiteiler per Twitter-Live-Ticker auf Spiegel-Online. Unsäglicher Flachsinn wurde da am laufenden Band dargeboten. Ein interessantes Phänomen konnte ich trotzdem ausmachen:
Aus der “Wahl zum Bundespräsidenten” oder “Bundespräsidentenwahl” wurde die “BP-Wahl”. Ob Bundespräsidentin, Bundespräsident oder Bundespräsent - alles BP, one size fits all, kurz, bündig und garantiert geschlechtsneutral.
Und das, obwohl BP ja weiterhin vor allem für die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko steht. Aber die ölige Assoziation störte niemanden, gefiel vielleicht sogar den meisten. Die Twitternden waren überwiegend Wulff-GegnerInnen.
Was lernen wir daraus?
Erstens: Es geht. Anscheinend sogar mühelos.
Zweitens: Es geht nur, wenn eine real existierende Frau mit erheblichem Einfluss reale Chancen auf ein hohes Amt hat oder es bereits innehat, wie die Bundeskanzlerin, die seit ihrem Amtsantritt sprachlich meistens als Frau behandelt wird und damit unsere Sprache bereits sehr positiv beeinflusst hat.
Die real existierende Ärztin oder Apothekerin, die uns aus dem Blickfeld gerät, weil wir immerfort nur unseren Arzt oder Apotheker fragen sollen - solche Personen werden dagegen weiterhin folgenlos missachtet.
Was folgt daraus? Die bis dato frech ignorierte Ärztin oder Apothekerin muss ein wahrnehmbarer Machtfaktor werden, indem sie sich mit Frauen zusammentut, die gegen ihre sprachliche Ausmerzung protestieren.
Luise F. Pusch am 04.07.2010 um 09:32 PM
