14.03.2010

Brauchen wir Opfer?

Ostern ist nahe und damit die Zeit des Osterlamms, das manche zur Erinnerung an Christus, das Lamm Gottes, zu Ostern verspeisen. Das Lamm, traditionell ein beliebtes Opfertier der HirtInnenvölker, symbolisiert dabei sowohl die Unschuld Christi (“Unschuldslamm”) als auch seinen Opfertod (“Opferlamm”).

An Opfer denken wir alle angesichts der nicht abreißenden Enthüllungen der Missbrauchs-Opfer mehr als uns lieb ist. - Allerdings ist “Opfer” ein kompliziertes, vieldeutiges Wort, wie der Vergleich mit anderen Sprachen klarmacht:
Das “Musikalische Opfer” von Johann Sebastian Bach heißt auf Englisch “The Musical Offering”, auf Französisch “L’Offrande Musical” und auf Italienisch “L’Offerta Musicale” - nicht etwa “The Musical Victim”, “La victime Musical” oder “La vittima musicale”.

Sicher gibt es zahllose “musikalische Opfer” im Sinne Wilhelm Buschs, der feststellte: “Musik wird störend oft empfunden, dieweil sie mit Geräusch verbunden” -  aber das lassen wir jetzt mal beiseite. Was mich interessiert, ist zum einen die Doppelbödigkeit des Wortes “Opfer”, zum anderen die denkwürdige Tatsache, dass die lateinische Bezeichnung für “unfreiwilliges Opfer” mitsamt ihren romanischen Abkömmlingen ein Femininum ist: victima / la victime / la vittima / la victima / la vítima.

Das Duden-Synonymenwörterbuch gliedert die Bedeutungen von “Opfer” wie folgt:

1. a) Opferung.
    b) Opfergabe.
2. Einsatz, Hingabe, Preisgabe, Verzicht; (gehoben): Aufopferung, Darangabe.
3. Geschädigter, Geschädigte, Leidtragender, Leidtragende, Toter, Tote; (gehoben): Beute.

Als feministische Linguistin stelle ich mit Befriedigung fest, dass neben den Maskulina der Bedeutung (3) (“Geschädigter” usw.) immer auch das Femininum genannt wird, wenngleich an zweiter Stelle, was der alphabetischen Anordnung - und wohl auch der faktischen Besetzung der Opferrolle - widerspricht.

Das Schillern des Opferbegriffs liegt daran, dass auch Menschen zur “Opfergabe” werden können, freiwillig oder gegen ihren Willen.

Wir ehren das freiwillige Opfer: es ist in der christlichen Ethik einer der höchsten Begriffe: Christus, der Schuldlose, opferte sein Leben für uns, die Schuldigen, und wir sind aufgerufen, ihm nachzueifern, so gut es eben geht. Viele Nazi-Opfer opferten ihr Leben im Widerstand, auch im christlichen, und gehören deshalb zu unseren NationalheldInnen, wie etwa die Geschwister Scholl.
Wir trauern um die unfreiwilligen Opfer (victims) - von Erdbeben, Unfällen, von Gewalttaten, um die Opfer von Kriegen, Krankheiten, Todesopfer ganz allgemein. Die meisten Nazi-Opfer wurden einfach kollektiv abgeschlachtet oder vergast, für sie gibt es keine Denkmäler, sondern Mahnmale.
Wir verabscheuen die Opfer, die zugleich Täter sind und als Selbstmordattentäter oder Amokläufer andere mit in den Tod reißen.

Die Frage ist natürlich, weshalb Opfer überhaupt notwendig sind. Am Ursprung der rituellen Opferungen steht ja die archaische Idee zorniger Götter, die durch Opfergaben besänftigt werden müssen, und wenn es der eigene Sohn ist, der dafür herhalten muss. Die Götter sind also sadistisch bis korrupt, der alttestamentarische etwa erfreute sich an der Angst Abrahams und Isaaks, die Götter der Maya verlangten Unmengen grausam gemordeter Menschen als Opfer, andere lassen sich durch Geschenke bestechen wie unsere korrupten Politiker.

Opfer müssen - wie jede Bestechung - kostbar sein, um zu wirken, und am kostbarsten sind Menschenleben. Bei Tieropfern sind natürlich die weiblichen Tiere in der Regel kostbarer als die männlichen:  “Unter zwei huntert kalben soll man nicht uber zwei stierlein behalten”  heißt es im Grimmschen Wörterbuch.
Dieser Sachverhalt erklärt vielleicht die Weiblichkeit von lat. victima. Bevorzugt als Tieropfer - weil eben das größere Opfer - waren die weiblichen Exemplare der Gattung.

Der Opferbegriff spaltet sich auf ins Heroische auf der einen und Schreckliche auf der anderen Seite. Wenn ich mich selbst opfere, bin ich eine Heldin, wenn ich andere gegen ihren Willen opfere, mache ich mich schuldig, mache ich sie zum Opfer, viktimisiere ich sie.

Eine Möglichkeit, das eigene Leben zum Opfer zu bringen ist, es einem “höheren Zweck” zu weihen, z. B. der katholischen Kirche (“Priesterweihe”). Priester und Nonnen weihen ihr Leben der Kirche, sind Opfernde und Opfer zugleich, und während sie als Opfernde heroisch sein mögen, vergehen sie sich an sich selbst, indem sie sich einer überholten und moralisch fragwürdigen Institution “weihen”, d.h. ausliefern.

Die Wörter “Weihe” und “victima” gehen auf dieselbe indogermanische Wurzel *wig zurück. Von hier zu der bekannten verhängnisvollen Karriere des Opfers, das zum Täter wird, ist es nur ein kleiner Schritt. Die männlichen zu Tätern mutierten Opfer vergehen sich eher an anderen, die weiblichen eher an sich selbst. Aber auch Frauen sind zu allem fähig, wie die Geschichte der irischen Magdalen Asylums für “gefallene Mädchen”gezeigt hat, über die Peter Mullan den erschütternden Film “Die unbarmherzigen Schwestern” (2002) gedreht hat.

Aber schuld, so scheint mir, ist die schädliche Idee des Opfers selbst, insbesondere die Idee des heroischen Selbstopfers. Sie bedarf im Zeitalter der Selbstmordattentäter und Missbrauchspriester einer gründlichen Revision.

 

Luise F. Pusch am 14.03.2010 um 11:23 PM