24.01.2012
“But Mom, the girls LOVE it!”
Vorgestern trafen wir uns mit sieben anderen Professorinnen unserer Bostoner WIG-Gruppe (Women in German) zum monatlichen Netzwerken. Wie üblich diskutierten wir erst über einen wissenschaftlichen Text, den eine von uns verfasst hatte, dann erzählten wir uns die neusten Geschichten aus unserem Leben. Sabine erzählte von ihrem 18jährigen Sohn und seiner Band AER. Neulich hätten sie im Gramercy Theater in New York ein Konzert gegeben, zu dem 600 Fans erschienen seien. 2 Millionen Hits hätte die Band schon bei YouTube, und bei iTunes machten sie mit ihren Songs ein Schweinegeld.
“Oh ja”, sagte ich, “du hattest doch neulich diese Band auch auf Deiner Facebook-Seite ‘geliked’, jetzt werde ich diesen Hinweisen endlich mal nachgehen.”
Sabine warnte, dass uns die Texte ihres Sohnes wahrscheinlich nicht gefallen würden, sie wären oft aggressiv und frauenfeindlich, wie bei Rappern eben so üblich. Und wenn sie ihren David ernsthaft daraufhin anspräche, käme er mit einem Argument, dem wenig entgegenzusetzen sei: „But Mom, the girls LOVE it“. Und sie hätte es selbst erlebt bei jenem Auftritt in New York. Die Girls außer Rand und Band vor Begeisterung, das übliche verzückte Kreischen - allerdings seien die meisten auch vom Alkohol und wer weiß was sonst noch schon ziemlich hinüber gewesen, das Komasaufen griffe ja immer mehr um sich an den High Schools und Colleges.
Wir kamen bald auf anderes zu sprechen. Erst nach dem Treffen fiel mir die Parallele ein zwischen Davids „But the girls LOVE it!“ und dem, was ich morgens in der Einleitung zu „The History of Woman Suffrage“ gelesen hatte, dem monumentalen Geschichtswerk über die erste Frauenbewegung in den USA, verfasst von den Hauptakteurinnen dieser Bewegung: Elizabeth Cady Stanton, Susan B. Anthony, Matilda Joslyn Gage und Ida Husted Harper. [Sie können sich alle 6 Bände bei Amazon/Kindle kostenlos herunterladen.]
Wie oft hören wir nicht dieses Argument, wenn wir irgendeinen patriarchalen Missstand kritisieren, sei es sexistische Sprache, sexistische Filme oder sonst irgendwas aus dem endlosen Vorrat der frauenfeindlichen Kulturproduktion. Nehmen wir das Wort „Fräulein“. Als die feministische Linguistik vor 40 Jahren das Wort als sexistisch ablehnte, hielt mann uns vor, erstens wären wir verbissen und zweitens sähen die meisten Frauen das nicht so verbissen. Überdies gefiele den meisten „Fräuleins“ diese Bezeichnung, und auf gar keinen Fall wollten sie durch die Anrede „Frau“ in der Blüte ihrer Jugend mit alten Frauen gleichgesetzt werden.
Nun, das ist inzwischen ausgestanden - die Anrede Fräulein ist weitgehend ausgestorben und keine weint ihr hinterher, nichtmal die Schweiz, wo sie sich am längsten gehalten hat.
Die besagte Einleitung zu „The History of Woman Suffrage“ nun zeigt uns, dass schon unsere feministischen Vormütter sich mit dem „Argument“ herumschlagen mussten, dass doch die meisten Frauen die Kritik und die Forderungen der Feministinnen ablehnten und ganz mit den Männern übereinstimmten, die den Kampf um Stimmrecht und Gleichberechtigung für Frauen völlig überflüssig fanden.
Es wird gesagt: „Die Frauen, die diese [frauenrechtlerischen] Forderungen stellen, sind nur wenige, und ihre Gefühle und Ansichten sind unnormal und haben kein Gewicht bei der Gesamtbeurteilung der Frage.“ Die Zahl ist größer als es scheint, denn die Angst vor öffentlichem Spott und dem Verlust privater Vergünstigungen seitens derer, die ihnen Unterkunft, Nahrung und Kleidung geben, hält viele davon zurück, ihre Meinung zu sagen und ihre Rechte einzufordern. Die Ignoranz und Gleichgültigkeit der Mehrheit der Frauen in Bezug auf ihren Status als Bürgerinnen einer Republik ist nicht verwunderlich, denn die Geschichte zeigt, dass die Massen aller unterdrückten Klassen, die in äußerstem Elend lebten, stumpf und apathisch blieben, bis die Zuversicht und Begeisterung einiger weniger durch Teilerfolge belohnt wurden.
Die Aufstände auf den Plantagen des Südens scheiterten immer an den Zweifeln und der Zwiespältigkeit der SklavInnen selbst. [...]. Die Apathie der Frau gegenüber dem Unrecht gegen ihr Geschlecht spricht nicht für den Verbleib in ihrer gegenwärtigen Lage, sondern ist das stärkste Argument dagegen. (Introduction S.17-18, übs. LFP)
Das Buch erschien 1881, und gestern, 131 Jahre später, fiel mir noch immer nicht die passende Antwort ein auf das uralte „But the girls love it!“
Wenn es mir, wie schon so oft geschehen, bei einer Veranstaltung wieder begegnet, werde ich wissen, was ich zu sagen habe:
Erstens: „Wahrscheinlich sind es in Wirklichkeit viel weniger, als Sie glauben.“
Zweitens: „Dass die Frauen so denken angesichts schreiender Ungerechtigkeit/Anpöbelungen/Demütigungen, ist nur der Beweis dafür, dass ihre Lage erbärmlich ist und sich ändern muss.”
Die Einleitung zu „The History of Woman Suffrage“ ist eine Punkt-für-Punkt-Anleitung für den schlagfertigen Umgang mit den üblichen Abfertigungen feministischer Kritik. Ich werde sie gleich weiter studieren, um sie immer parat zu haben.
Aber auch die erste deutsche Frauenbewegung wusste schon damals genau, was los war. Auguste Schmidt erkannte schon auf der ersten deutschen Frauenkonferenz im Jahre 1865: „Das Problem der Frauen liegt vor allem im Nichterkennen der eigenen Situation.“
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Luise F. Pusch am 24.01.2012 um 10:33 PM



