13.06.2009

Das Hemdchen

Eine Neuheit aus dem Bereich Damenunterwäsche ist anzukündigen. Regelmäßig schickt mir die Firma Tchibo ihre aufregenden Infos; vor kurzem bekam ich diese Mitteilung:

Die Sprache der Verführung

Liebe Frau Pusch,
diese neue Wäsche-Kollektion spricht für sich! Tolle Basics, transparente Wäsche, wilde Animal Prints, Bodyforming- und Seamless-Wäsche in drei klassischen Farben zeigen ihre ganze Schönheit in all ihren atemberaubenden Facetten.
Ihr Tchibo.de-Team >zum Shop

Ich hätte erwartet, dass die “tollen Basics” etc. MEINE Schönheit in all ihren atemberaubenden Facetten zeigen sollten, aber die Unhöflinge von Tchibo hatten das “ihre” klein geschrieben. Also meinten sie wohl nur die atemberaubende Schönheit ihrer Tchibo-Dessous.
Dennoch konnte ich der Sprache der Verführung nicht widerstehen und klickte mich in den Shop.

Dort sah ich sie: Die HEMDCHEN! Erst ein “Hemdchen, schwarz”:
Frauenbild

Darunter, liegend, eine schöne Dame im “Hemdchen, weiß”. Ich klickte auf den Text “Hemdchen, weiß” und fand neben allerlei Infos in der schon oben vorgeführten heißen Tchibo-Sprache den nüchternen Hinweis: Ähnliche Produkte finden Sie unter folgenden Begriffen: “Unterhemd” “Top”.   

“Unterhemd” - wie prosaisch! Trotzdem klickte ich auf “Unterhemd” - und fand sie -  die ganze glorreiche Parade der Hemdchen. Ein Klick, und Sie können sie auch bewundern.

Meine vergleichenden Studien ergaben: Ein “Unterhemd” reicht bis zum Beinansatz, ein “Hemdchen” nur knapp über den Bauchnabel. Ein Hemdchen lässt das ganze Höschen sehen, möglichst ein ganz heißes Höschen natürlich.

Das, was wir früher “Hemdchen” nannten, nämlich ein Unterhemd für Babys und Kinder, heißt hier “Kinder-Unterhemd”.

Ein Hemdchen macht die Frau zum Baby, zur Kindfrau. “Kindmann”? Gibt es nicht. Stattdessen haben wir den Sohnemann. “Tochterfrau?” Gibt es nicht.

Die Lücken in unserem Wortschatz zeigen froh die Richtung an: Der Sohnemann soll sich schon als Hemdenmatz stark fühlen wie ein Mann, das Töchterchen aber soll am besten ewig Kind bleiben und noch als erwachsene Frau im “Hemdchen” ihre “atemberaubende Schönheit” zu Markte tragen.

Luise F. Pusch am 13.06.2009 um 01:01 PM