28.05.2011

Der Büchnerpreis der Deutschen Akademie für Männersprache und Männerdichtung

Schreiben Männer hierzulande wirklich neunmal besser als Frauen? In England samt ehemaligen Kolonien schreiben sie anscheinend nur doppelt so gut wie Frauen: Sie bekamen seit 1969 “nur” doppelt so häufig den Man Booker Preis (15:30). In den USA schreiben Männer seit Bestehen des Pulitzerpreises für Fiction (1948) nur knapp zweieinhalbmal besser als Frauen (17:41). In Frankreich seit Bestehen des Prix Goncourt (1903) dafür sogar elfmal besser (9:99). Ob das an der Gleichsetzung von “égalité” mit “fraternité” liegt? Wie auch immer, Französinnen haben es in Sachen männlicher Anmaßung nicht nur mit DSK zu tun.

Dieser Tage lasen wir in der Presse, dass der Büchnerpreis - wichtigster Preis für deutschsprachige Literatur - an F. C. Delius geht. Freut mich für ihn, ich mag ihn schon seines Namens wegen, war meine ehrwürdige Urgroßmutter doch eine Delius aus Bielefeld. Aber eigentlich war ja Ilse Aichinger endlich mal dran, schließlich wird sie im November 90, allzu viel Zeit bleibt da nicht mehr. Ihr Mann, Günter Eich, bekam den Preis schon vor 52 Jahren, 1959, mit 52 Jahren. Also nun mal los, meine Herren, worauf warten Sie denn noch? Delius ist erst 68, er schätzt Aichingers Werk und hätte ihr bestimmt gern den Vortritt gelassen.

Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt, die den Preis jährlich vergibt, lässt in den Jurys kaum mal eine Frau zu (überzeugen Sie sich selbst) und hat infolgedessen in den vergangenen 60 Jahren kaum mal eine Frau ausgezeichnet. Nur sieben an der Zahl fand sie des Büchnerpreises würdig:

1955 Marie Luise Kaschnitz mit 54

folgen 9 Jahre Männerpreise

1964 Ingeborg Bachmann mit 38

folgen 16 Jahre Männerpreise

1980 Christa Wolf mit 51

folgen 16 Jahre Männerpreise

Mitte der neunziger Jahre scheint die Frauenbewegung auch in der Darmstadter Akademie angekommen zu sein (ähnlich wie seit 1991 in der Stockholmer Nobel-Akademie, die zwischen 1991 und 2009 genau so viele Frauen auszeichnete wie in den 90 Jahren davor, nämlich sechs, macht zusammen zwölf). 1996 erhält Sarah Kirsch den Büchnerpreis mit 61 Jahren, und von da an werden die Pausen kürzer:

1998 Elfriede Jelinek mit 52
2001 Friederike Mayröcker mit 77; ihr Gefährte Ernst Jandl bekam den Preis schon 17 Jahre vor ihr mit 59 Jahren.
2005 Brigitte Kronauer mit 65.

Aber nun scheint es nach dem kurzen Frauenfrühling schon wieder männlich-herbstlich zu werden. Seit 2005 kein einziger Büchnerpreis mehr für eine Frau, nichtmal an Nobelpreisträgerin Herta Müller! Böswillig verpasst hat die Akademie auch Hilde Domin; sie starb 2006 mit 96 Jahren, da wäre vorher ja wohl genug Zeit gewesen.

Die beiden neben Kafka berühmtesten deutschsprachigen Schriftsteller, Thomas Mann und Bert Brecht, bekamen den Büchnerpreis nicht. Sie starben vielleicht zu früh; die „geistige Führungsschicht“ Deutschlands schmollte in den fünfziger Jahren noch gegen die Emigranten. Aber die drei männlichen deutschsprachigen Nachkriegs-Nobelpreisträger für Literatur, Böll, Canetti und Grass, sind selbstverständlich auch Büchnerpreisträger. Von den drei Nobelpreisträgerinnen, Nelly Sachs, Elfriede Jelinek und Herta Müller, bekam nur Jelinek den Büchnerpreis.

Drewitz und (unverzeihlich!) Haushofer haben sie verpasst, desgleichen Fleißer und Reinig. Das ist nicht schön von ihnen. Sie könnten einen Teil der Schande abwaschen, indem sie Ilse Aichinger und Gabriele Wohmann ehren, solange sie noch unter uns sind. Wohmann wird nächstes Jahr 80 und hätte den Preis längst bekommen müssen. Gebürtige Darmstädterin, Mitglied der Akademie und wohnhaft in Darmstadt, muss sie Jahr um Jahr erdulden, dass der Preis vor ihren Augen an andere verliehen wird. Frau darf gespannt sein und sollte die Akademie schon mal vorsorglich mit Pro-Wohmann- und Pro-Aichinger-Emails eindecken (.(Javascript muss aktiviert sein, um diese Mail-Adresse zu sehen)), mit Spruchbändern vor der Akademie aufmarschieren und in Sprechchören skandieren: „Wir wollen Aichinger, wir wollen Wohmann, wir wollen Frauen!”

Der Büchnerpreis ist die Eintrittskarte für ein besseres Schriftstellerleben: Weitere lukrative Preise, höhere Auflagen, mehr Einladungen zu Lesungen mit höheren Honoraren, Gastprofessuren, Auslandsstipendien, undsoweiter. Schriftstellerinnen gebührt auch ein Stück von diesem Kuchen, und zwar genau jene Hälfte, die die Männer bisher brüderlich unter sich aufteilten. Leserinnen und Leser würden auch profitieren von einer weniger männerlastigen Literaturlandschaft.

Da unser angesehenster und höchstdotierter Literaturpreis ein Männerpreis ist, obwohl er zur Hälfte von weiblichen Steuergeldern finanziert wird, sollten wir nicht nur eine geschlechtergerechte Besetzung der Jury, sondern überdies die Preisvergabe nach dem Reißverschlussprinzip fordern. Rückwirkend! Bei insgesamt bisher 60 verliehenen Preisen hätten 30 an Frauen gehen müssen, es waren aber nur 7, die restlichen 53 gingen an Männer. Fehlen also noch 46 Frauen, bevor wieder ein Mann dran ist. Zunächst mal kommen Ilse Aichinger, Ruth Rehmann, Angelika Schrobsdorff und Gabriele Wohmann, dann Herta Müller, Monika Maron, Ulla Hahn, Marlene Streeruwitz, Julia Franck, Waltraud Anna Mitgutsch, Kathrin Schmidt, Terézia Mora, Katja Lange-Müller, Birgit Vanderbeke, Sigrid Damm. Postume Preise sollten gehen an die ErbInnen von Nelly Sachs, Irmgard Keun, Marieluise Fleißer, Ingeborg Drewitz, Brigitte Reimann, Maxie Wander, Irmtraud Morgner, Anja Lundholm, Caroline Muhr, Christa Reinig, Marlen Haushofer, Christine Lavant, Christine Busta, Angelika Mechtel, Libuse Monikova. Undsoweiter, wir kriegen die Liste im Handumdrehen voll.

Luise F. Pusch am 28.05.2011 um 07:27 PM