25.06.2006
Der Kaiser sagt Ja
Ein Kernsatz der feministischen Sprach- und Gesprächsanalyse besagt, daß Herrschaft nicht einfach vom Himmel fällt, sondern hergestellt wird und immer wieder, durch zahllose kleine Einzelhandlungen, hergestellt werden muß, um sich zu halten.
In dem unten abgebildeten Artikel aus der Neuen Westfälischen vom 23. Juni 2006 wird vorgeführt, wie es gemacht wird. Ein Lehrstück, hervorragend geeignet zu Demonstrations- und Studienzwecken in Schule und Universität, denn der Text versammelt auf kleinstem Raum fast alle sprachlichen Mittel, mit denen männliche Dominanz etabliert wird.
Es geht um eine Heirat. Für diesen Vorgang hält die deutsche Sprache verschiedene Ausdrucksformeln bereit:
1. Franz heiratet Heidi oder
2. Heidi heiratet Franz oder
3a) Heidi und Franz heiraten oder
3b) Franz und Heidi heiraten
Die dritte Formulierung ist sprachlich gerecht, durch Erstnennung kann mann der Dame sogar sogar galant den Vortritt lassen.
Keine dieser Möglichkeiten wählt der Text für die Überschrift, sondern: “Der Kaiser sagt Ja” - eine eigentümliche Abwandlung der etwas altbackenen Formel “Sie gab ihm ihr Jawort”. Hier gab er also ihr sein Jawort, so als habe sie, in Umkehrung der Tradition, um seine Hand anhalten, ja geradezu darum betteln müssen, und als habe der begehrte Preisbulle schließlich ihrem Drängen nachgegeben. Von Heidi Burmester ist in der Überschrift schon gar nicht die Rede, der Kaiser tritt alleine auf und sagt alleine Ja. Ob sie Ja oder Nein oder überhapt was zu sagen hatte, erfahren wir nicht.
Auch in der Unterzeile erfahren wir nur, daß Franz Beckenbauer, der mit vollem Namen auftreten darf, “seine Heidi”, die hier nur per Vornamen vorgeführt wird wie eine Kuh (die haben auch keine Nachnamen) geheiratet hat.
Heidi Burmester wird ja in ihrem Leben vielleicht auch etwas anderes getan haben als um die Hand des Kaisers zu betteln, aber wir erfahren es nicht. Er dagegen wird uns vorgestellt - als ob wir es nicht wüßten - als “der Kaiser” und “Chef des Organisationskomitees”. Höher gehts nimmer.
Das Bild unterstreicht diese Verhältnisse noch einmal nachdrücklich: Wer hier oben und wer unten ist, wird niemandem verborgen bleiben.
Luise F. Pusch am 25.06.2006 um 01:58 PM
