10.01.2011

Der Schoß, die Schoß und das Schößchen

Aus Wir machen uns unsere Sprache selber: Ein Feminar. Zweiundfünfzigste Lektion.

Meine Glosse „Er kommt aus seines Vaters Schoß“ brachte letzte Woche 18 Kommentare und dazu noch etliche Emails. Das Thema bewegt und beschäftigt offenbar viele - mich auch. Deshalb möchte ich heute noch einige Ergänzungen nachliefern.

Zuerst bekam ich von Monika und Joe den Hinweis, „seines Vaters Schoß“ bedeute hier wohl „Geborgenheit im weiteren Sinn“, vgl. die Redewendung „wie in Abrahams Schoß“ (übrigens ist „Abrahams Schoß“ auf Englisch „Abraham’s bosom“).

FrauenbildGertrud und Anna schrieben, sie kennten „Schoß“ auch als Kleidungsteil, es gebe da „die Schoß“ und „das Schößchen“: “Anna musste als 6-jährige schon ihre Schoß (beachte: die Schoß) über die Knie ziehen, denn Damen zeigen niemals ihre Knie…”, und von den “Schößchen”, die auch ich aus meiner Jugend kannte, schickten sie gleich Bilder mit. Dann noch eine Mail von ihnen: “Wir haben uns weitergebildet und herausgefunden, dass die Herren sogar zwei Schöße haben können! Fancy that!!!”

Bridge schließlich erzählt von einem beunruhigenden Erlebnis im Schwimmbad:

2. jänner war badesonntag, ich fuhr mit meiner enkelin ins thermalbad, das überfüllt war. während die kleine sich im becken delektierte, beobachtete ich einen (vermuteten) jungen vater, der ebenso wie ich auch, die beine hoch gelagert, im liegestuhl lag. auf seinem schoß saß ein etwa sechsjähriges mädchen, spielte mit ihm sehr nett wechselseitiges händeklatschen, sie bewegte sich dabei lebhaft. plötzlich fiel mir auf, dass er das kind zurechtrückte. sie war vorher auf seinem unterbauch gesessen, er setzte sie sich nun tiefer, ich sah es von der seite, er setzte sie sich direkt auf’s geschlecht, fuhr mit dem bewegten spiel fort. ich fragte mich selbstkritisch, was ich nun da schon wieder unterstellte, war angewidert, leider wie gelähmt und weit davon entfernt zu reagieren.  (wie viele katastrophen brachte nicht der schoß des vaters?) :-(

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Ich habe dann ziemlich lange den ziemlich langen Eintrag über „Schosz“ im Grimmschen Wörterbuch studiert und kann nun folgendes berichten:

A) Die textile Bedeutung von “Schoß” bis “Schößchen” ist anscheinend die ursprüngliche. “Schoß” bezeichnet demnach ein von der Taille vorn oder hinten herabhängendes Stück Stoff. Diese Bedeutung ist bis heute lebendig in den Frackschößen der Dirigenten, die ihre Schöße halt hinten tragen. Die seitlich geschlitzten, bis über die Knie reichenden Hemden (Kurtas), die die Männer in Südasien tragen, haben ebenfalls „Schöße“, vorne und hinten.

B) Von dieser Bedeutung leitet sich die Bedeutung „Schoß“ (engl. lap) wie in „auf dem Schoß sitzen“ her, vgl. auch „Schoßhund“ oder „das ist ihr nicht in den Schoß gefallen“. Da das Kind sich, umarmt auf dem Schoß sitzend, geborgen fühlen soll, symbolisiert “Schoß” auch Geborgenheit.

C) „Schoß“ im Sinne von „womb“ bzw. „Mutterschoß“  bezeichnet schließlich den Körperteil selbst, den der Schoß, das Kleidungsstück, ursprünglich nur bedeckte. “Schoß“ in diesem Sinne ist meist beschränkt auf den weiblichen Schoß, Mutterleib, „womb“. Diese Bedeutung vermischt sich metaphorisch oft mit der der Geborgenheit, besonders fragwürdig in der Redewendung „in den Schoß der Kirche zurückkehren“.
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Na schön, und was hat das alles mit feministischer Sprachkritik zu tun, die doch das Thema dieses Blogs ist?

Zweierlei ist da auffällig und einschlägig:

Erstens: Früher, etwa bis zum Ende des 18. Jahrhunderts, wurde statt “der Schoß” meistens “die Schoß” gesagt:

der hohe himmel liebt die tieffe schosz der erden. (Fleming)

sie setzten sich an einen grünen hügel, dem mosz und rohr die schosz, ein wald den rücken, deckte. (Brockes)

(der mensch) steigt eyffers voll empor und dringt sich in die schosz und gründe der natur. (Opitz)

Zweitens: Auch den Schoß des Mannes als Ort der Geborgenheit zu verharmlosen, kann böse Folgen haben, wie Bridge in ihrem Kommentar sehr anschaulich beschreibt. Im Schoß des Mannes lauert der Penis, und wenn der Mann ein Kind darauf setzt, ist das oft nicht so harmlos, wie es aussehen mag.

Die einschlägige klassische Szene steht in Nabokovs „Lolita“: Humbert Humbert setzt Lolita auf seinen Schoß (genauer gesagt auf seinen Penis, “the gagged beast”) - nach außen sieht das ganz lieb aus, der Vater spielt mit seiner Stieftochter, aber “jede ihrer Bewegungen, jedes Rücken und Rutschen, half mir, das geheime System des Kontakts zwischen Ungeheuer und Schönheit zu verbergen und zugleich zu optimieren, mein geknebeltes, berstendes Untier der Schönheit ihres kindlichen Körpers in seinem unschuldigen Baumwollkleidchen immer näher zu bringen” (Übersetzung von LFP).

Lolita erschien 1959 - in den seither vergangenen 50 Jahren wurde die Technik, die Nabokov sich für seinen Pädoverbrecher Humbert ausdachte, von der Sexindustrie weiter “optimiert” und kommerzialisiert. Wozu der männliche Schoß heutzutage aufgelegt und imstande ist, wird am ekligsten sichtbar in der Praxis des lap dancing, zu der sich der Striptease seit den 90-er Jahren „weiter entwickelt“ hat:

Beim heutigen lap dancing sitzt die Frau in der Regel in einer Kabine [eines Sexclubs] nackt auf dem Schoß des bekleideten Mannes und massiert mit ihren Genitalien seinen Penis.  (Jeffreys, Sheila. 2008. The Industrial Vagina: The Political Economy of the Global Sex Trade, S. 87. Übersetzung von LFP)

Kanadische Striptänzerinnen haben sich gegen die Entwicklung des lap dancing in den Clubs organisiert. In einer Untersuchung beschwerten sich Interviewte besonders darüber, dass sie mit dem „Ejakulat des Kunden“ in Kontakt kämen, was vorkommen könne, „wenn das Ejakulat des Mannes während des lap dancing seine Kleidung durchnässe.“ (Jeffreys, Vagina, S. 96)

Der männliche Schoß ist also vom weiblichen sehr verschieden. Oft ist er für Kinder und Frauen eher ein Hort der Gefahr als der Geborgenheit.

Deshalb wäre es sinnvoll, wieder „die Schoß“ und „der Schoß“ zu sagen und die weibliche Schoß grundsätzlich vom männlichen Schoß zu unterscheiden.

Luise F. Pusch am 10.01.2011 um 06:07 PM