02.01.2012

Der Star, die Diva und das Top-Model

Vor ein paar Wochen war in der Tagesschau von einem Stararchitekten die Rede, den Namen habe ich vergessen. Kurze Zeit, noch in derselben Tagesschau, redeten sie wieder von einem Stararchitekten, diesmal einem anderen. Den Namen habe ich auch vergessen.

Gibt es denn heutzutage nur noch Stararchitekten? Warum musste die Tagesschau, immerhin eine Sendung, die seriös sein will, diese beiden Architekten sprachlich so hochjubeln, als wären wir im Privatfernsehen und sähen „Deutschland sucht den Superstar“?

Ich dachte dann über die Berufe nach, die manchmal mit dem Etikett „Star“ beklebt werden: Da haben wir den Stardirigenten, den Starverteidiger und den Startenor. Starbässe und Starrichter gibt es hingegen nicht. Auch keine Starschriftsteller, wohl aber Star-Autoren. Unter den Köchen gibt es immer mehr Stars, aber die heißen ulkigerweise Sterneköche. Starabgeordneter oder Starmaler? Fehlanzeige. Ziemlich willkürlich zusammengewürfelter Haufen, diese Stars, scheint mir.

Starfußballer gibt es auch nicht, stattdessen haben wir in der Sparte Showbusiness Fußballstars, Filmstars, Opernstars, Musicalstars und vor allem Popstars. Im Oktober wurde Liszts 200. Geburtstag gefeiert, und immer wieder hieß es dazu, Liszt sei ein echter Popstar des 19. Jahrhunderts gewesen. Auch über Margot Käßmann sagten die Medien gerne, sie hätte Starqualitäten und sei eine Art Popstar der evangelischen Kirche. Und die katholische Kirche hatte mit Johannes Paul II. ihren eigenen Popstar oder Superstar, fast so populär wie Jesus Christ Superstar.

Auch kennen wir Politstars wie einst Joschka Fischer und Karl Theodor zu Guttenplag und heute etwa Klaus Wowereit. Von Obama hieß es auch durchgehend, er fülle riesige Stadien wie ein Popstar. Angela Merkel mag die mächtigste Frau der Welt sein, aber ein Star ist sie nicht, und sie scheint alles zu tun, um den Verdacht von Starqualitäten gar nicht erst aufkommen zu lassen. Wie denn überhaupt unter den Stardirigenten, Stararchitekten, Starverteidigern etc. etc. die Frauen rar sind. Wenn Frauen einen hohen Grad von Popularität erreichen und ein Starkult um sie betrieben wird, so nennt man sie eher Top-Models oder Diven: Operndiven wie Callas und Netrebko oder Popdiven wie Madonna und Lady Gaga. Ein Divo hingegen war nicht einmal Jesus, ansonsten gab es Divi nur im 18. Jahrhundert zur Zeit der Kastraten.

Und wo soll das alles hinaus? Nun, wir haben gerade Weihnachten hinter uns mit dem Star bzw. Stern von Bethlehem, der den drei Weisen bzw. Königen aus dem Morgenland den rechten Weg wies. Und am 6. Januar ist Dreikönigstag.

Jedenfalls durchleben wir gerade eine Jahreszeit, in der Sterne Hochkonjunktur haben und fast so prominent sind wie Stars oder Promis.

Dass so wenige Frauen als Stars deklariert werden, sollte uns heiter und zufrieden stimmen. Denn welche sparsame Hausfrau erinnert sich nicht noch an die Starfighter, deren Spezialität es war, massenweise abzustürzen und unsere Steuergelder milliardenweise in den Sand zu setzen. Außerdem weiß doch jedefrau: Sterne gibt es wie Sand am Meer. Genauer: etwa 70 Trilliarden.

Luise F. Pusch am 02.01.2012 um 01:23 AM