07.06.2009

Deutsche Meister

Ende März berichtete der “Hochschwarzwald-Kurier” über die “Internationale Deutsche Meisterschaft der Bartträger” in Schluchsee.

Ja ist denn das Barttragen eine Sportart? Da wäre ja sogar eine Meisterschaft der Langschläfer sinnvoller: Wer am längsten schlafen kann, wird Meister. Gleich kommt uns der Tod in den Sinn, ewig währt am längsten. Der Tod ist ja auch ein Meister - aus Deutschland, dem Land der Meister und Gartenzwerge. Tatsächlich sehen die Bartträger des Vollbartclubs Groß-Schluchsee, die sich für die Meisterschaft stolz ablichten ließen, aus wie eine Riege Gartenzwerge.

Die Zeitung behandelt das haarige Thema als liebenswerte Skurrilität und zitiert aus dem launigen Grußwort des Vollbartvereinsvorsitzenden: “Auch in Zukunft werden wir die Leitlinien unseres Vereins: Pflege der Geselligkeit, das Heranführen der männlichen Jugend zur sinnvollen Gestaltung der Gesichtsbehaarung und zur Pflege des Bartes ohne Schädlinge, streng befolgen.”

Darum möchten wir Damen aber auch herzlich bitten.

Alles gut und schön, aber warum nur sagen sie “Meisterschaft”, statt “Wettbewerb” wie in “Schönheitswettbewerb”? “Meister” und “Meisterin” verwenden wir heute überwiegend für Sport und Handwerk. Mann wird erst Deutscher Meister im Weitsprung und dann Friseurmeister. Frau wird Deutsche Tennismeisterin und dann Maurermeisterin. Erst muss hierzulande gefälligst was geleistet werden, dann gibt’s eventuell den MeisterInnentitel. Was aber leisten Bartträger? Wenn er nichts dagegen unternimmt, ist jeder Mann ein Bartträger. Daraus eine Meisterschaft abzuleiten, wirkt im Land der Tüchtigkeit geradezu subversiv.

Deutsche “Schönheitsköniginnen” und “-könige”, die ebenfalls nichts Nennenswertes leisten, sondern nur die Geschenke vorführen, die Mutter Natur ihnen beschert hat, werden “Miss Deutschland” und “Mister Deutschland” genannt. Auch ziemlich blöd, aber nicht so blöd wie “SchönheitsmeisterIn”.

Wir haben auch keine deutschen Cellomeister oder Klaviermeisterinnen. Nichtmal unsere Anne-Sophie Mutter nennt sich Geigenmeisterin, obwohl sie dauernd Meisterklassen gibt. Violinweltmeisterin - das klänge für eine Anne-Sophie Mutter wahrscheinlich einfach zu popelig, zu sehr nach Sport. Sie macht schließlich Kunst.

Wie wäre es mit einer Meisterschaft der Haarträger, Brillenträger, Prothesenträger? - Das Maskulinum ist beabsichtigt: Selbst der so weiblich dominierte Schönheitswettbewerb ist ja eine Erfindung der Männer. Es heißt, Frauen seien weniger konkurrenzfreudig als Männer. Liegt es vielleicht daran, dass die Frau es in sich hat, während der Mann es außen hat?

Es ist ja bekannt, dass Penisträger auch gern hinsichtlich Leistungskraft und besonders Größe des Organs miteinander wetteifern. Im Kindesalter geschieht es noch ganz offen. Wer hat den längsten und wer kann am weitesten pinkeln? Die Mädchen jedenfalls nicht. Und das ist schon mal wohltuend für das zarte männliche Ego.

FrauenbildDer erwachsene Mann muss auf diese prickelnde Konkurrenz in der Öffentlichkeit aus Schicklichkeitsgründen verzichten. Die meisten weichen auf andere Gebiete aus, um sich und den Konkurrenten ihre Potenz zu beweisen. Kindlichere Gemüter abstrahieren nur ein klein wenig, die Verschiebung (im Freudschen Sinne) ist noch sehr durchsichtig. Statt der Länge und Pracht des Penis wird eben die Länge des Bartes gemessen, die Pracht des Haarwuchses verglichen und gegebenenfalls bewundert. Googeln Sie mal nach “Bartträger” - Sie werden sich wundern.

Es ist für einen Mann zwar keine Leistung, sich einen Bart stehen zu lassen - aber wir begreifen allmählich: Der Bart steht für etwas anderes, für das Organ, mit dem - nach männlicher Auffassung - die Leistung schlechthin vollbracht wird, sozusagen der Vater aller Leistungen.

Wenn Goethe seinen Penis “Meister” nennt und sein alter ego “Wilhelm Meister” - dann ist auch eine Meisterschaft der Bartträger geradezu naheliegend.

(Dank an Theresia Sauter-Baillet für den Hinweis auf den Artikel über die “Deutsche Meisterschaft der Bartträger” im Hochschwarzwald-Kurier vom 25.3.2009, S. 11!)

Luise F. Pusch am 07.06.2009 um 11:22 AM