03.09.2010
Die Debatte um Sarrazin aus feministischer Sicht
Es gibt in Deutschland zwei beliebte Forderungen, die aber nicht laut ausgesprochen werden dürfen:
• Frauen zurück an den Herd!
• Ausländer raus!
Wenn dann aber eine oder einer kommt und diese Forderungen in einem Buch vertritt, ergibt sich ein überwältigender Verkaufserfolg.
So geschah es vor 4 Jahren mit Eva Hermans Buch “Das Eva-Prinzip: Für eine neue Weiblichkeit”. Und so geht es seit Montag mit Thilo Sarrazins “Deutschland schafft sich ab: Wie wir unser Land aufs Spiel setzen”. Hermans Buch befand sich gleich nach Erscheinen auf Platz eins bei Amazon, genau wie jetzt Sarrazins Buch. Auch Sarrazin darf sich auf sehr satte Gewinne freuen.
Beide verloren bald nach ihrem riesigen publizistischen Erfolg ihre öffentlich-rechtlichen Ämter, beide mit derselben Begründung: “Unerträgliche Nähe zu Nazithesen”.
Gegen Herman argumentierten damals zuerst nur Feministinnen, der Rest des Volkes jubelte ihr zu und kaufte ihre Bücher. Im Falle Sarrazin schweigen die Feministinnen vorerst, das Volk kauft seine Bücher, und Medien und Politik verurteilen Sarrazin unisono, von links bis rechts.
Gestern sah ich in “KulturZeit” (3sat), wie Michel Friedman Sarrazin in Grund und Boden verdammte.
Darf einer, der seinerzeit in der Versenkung verschwinden musste, weil es herausgekommen war, dass er sich Zwangsprostituierte ins Hotel bestellt hatte, sich moralisch über einen anderen Patriarchen erheben? Offenbar darf er.
Der Vorfall erklärt ganz gut, weshalb die Feministinnen noch schweigen: Wir haben es mit zwei verschiedenen Versionen des Patriarchats zu tun. Sarrazin kämpft gegen das muslimische Patriarchat mit westlich-patriarchalen Mitteln, seine Gegner verteidigen es oder wollen da nichts Unrechtes erkennen. Die Schriftstellerin Monika Maron und die türkischstämmige Feministin Necla Kelek sind bisher die einzigen weiblichen Promis, die sich auf die Seite von Sarrazin stellen, Kelek vor allem, weil sie in ihm einen Verbündeten im Kampf gegen das muslimische Patriarchat sieht.
Das muslimische Patriarchat verlangt, dass die Frau sich verhüllt, das westliche Patriarchat verlangt, dass sie sich auszieht. Sarrazin will nicht, dass muslimische Familien hier nichts tun, als “lauter Kopftuchmädchen” zu produzieren und es sich im übrigen “mit Sozialtransfers bequem machen”.
Natürlich aber produzieren muslimische Familien nicht nur “Kopftuchmädchen”, sondern auch Jungs, und die finden wir Frauen weit gefährlicher, weil sie manchmal “Ehrenmorde” begehen. Allerdings sind sie nicht gefährlicher als nichtmuslimische Jungs und Männer, die auch häufig Frauen umbringen, wenn auch meist nicht aus Gründen der Ehre.
Sarrazin befürchtet, dass in Deutschland die durchschnittliche Intelligenz sinken wird, weil “bildungsferne Schichten” wie die muslimischen Familien mehr Nachwuchs produzieren als die sogenannte Elite.
Auch hier können wir Feministinnen nur den Kopf schütteln über dies naive Vertrauen eines Bankers auf die Meriten der Eliten. Haben doch diese Eliten gerade ganze Volkwirtschaften an den Rand des Abgrunds manövriert, was “bildungsfernen Schichten” nicht so schnell gelingen würde.
Die ganze Sache ist sehr komplex, deshalb will ich hier nur auf “die Bildung” eingehen.
Da haben wir auf der einen Seite die “bildungsfernen Schichten” und auf der anderen Seite “die Bildungsverlierer”. Früher sagte mann stattdessen einfach “dumm” oder “blöd”: Das “dumme Volk” und die “dummen Jungs”. Vor allem aber “das dumme Weib”, auch “dumme Gans” oder “blöde Kuh” genannt.
Früher galt ein ganzes Geschlecht - und zwar meins, das weibliche - als “dumm” und genetisch minderbegabt. Schon deshalb bin ich auf solche Thesen, die ganzen Gruppen die Intelligenz absprechen, nicht gut zu sprechen. Heute würde niemand mehr laut den “physiologischen Schwachsinn des Weibes” behaupten, aber es ist nicht lange her. Weil die Frauen so dumm waren, ein kleineres Gehirn hatten als die Männer und das Studieren ihrem Uterus schadete, durften sie nicht studieren, nicht wählen - also den Männern nicht ihre Plätze an der Sonne streitig machen. Ähnliches galt für die Schwarzen (damals SklavInnen) in den USA. Benachteiligt sind beide Gruppen bis heute.
Interessant ist nun aber die Sache mit den “Bildungsverlierern” - der geschraubte Ausdruck soll verhindern, dass wir uns deren Situation als ausweglos, weil genetisch bedingt, vorstellen. Mit “Bildungsverlierern” sind im derzeitigen Diskurs vor allem Jungs gemeint. Mädchen, auch die türkischen, passen sich den schulischen Anforderungen besser an, machen ihren Abschluss, bekommen Arbeitsplätze, verdienen Geld und könnten selbständig sein - wenn sie nicht von den Bildungsverlierern und -verweigerern aus Neid unterdrückt würden. Dies jedenfalls war die Botschaft des Arte-Themenabends “Der neue Mann: Brutaler Macho?” am Dienstag. Besonders eindrücklich die Debatte mit den Feministinnen Malika Sorel und Serap Cileli, die der deutschen und der französischen Gesellschaft vehement vorwarfen, vor den Menschenrechtsverletzungen muslimischer Machos die Augen zu verschließen aus Scham wegen ihrer Nazi- bzw. Kolonialvergangenheit.
Ich stimme ihnen zu und bin überhaupt schon lange eine Anhängerin der Forderung: Ausländerinnen rein!
Bei Ausländern wäre ich vorsichtig, genau wie bei Inländern.
Fazit: Sarrazin lokalisiert den Feind in der falschen Ecke, wie es meist geschieht. Die bildungsfernen Schichten sind zur (weiblichen) Hälfte gar nicht so bildungsfern. Sie sind auch mehrheitlich integrationsbereit. Aber die Bildungsverlierer unter ihnen behindern sie auf Schritt und Tritt.
Und wenn jetzt wieder “unzulässige Verallgemeinerung!” gerufen wird, möchte ich auf das Vorbild des auswärtigen Amtes oder der amerikanischen Homeland-Security-Behörde verweisen. Sämtliche AusländerInnen, die in die USA einreisen wollen, stehen unter dem Generalverdacht, TerroristInnen zu sein und müssen sich endlosen Prüfungen unterziehen. Das auswärtige Amt warnt regelmäßig deutsche TouristInnen, nicht in bestimmte Länder zu reisen, z.B. in den Kongo, nach Ägypten oder in den Yemen. Dabei sind doch die meisten Menschen (besonders die Frauen) dort friedlich und lieb und tun niemandem was zu leide. Trotzdem folgen wir diesen “unzulässigen Verallgemeinerungen” unserer Behörden, denn wenn Gefahr für Leib und Leben droht, ist eben Verallgemeinerung die Methode der Wahl. Millionen von “unschuldigen” Autos werden aus dem Verkehr gezogen, wenn bei einem die Bremsen versagt haben, Millionen von “unschuldigen” Hühnern “gekeult”, wenn bei einem die Vogelgrippe diagnostiziert wurde.
Dass wir nicht öfter offiziell vor Männern, ob Bildungsverlierer oder nicht, gewarnt werden, liegt nur daran, dass die Offiziellen selbst überwiegend Männer sind. Auch den brandgefährlichen Nazis fiel es nicht ein, das Volk rechtzeitig vor den Nazis zu warnen.
Luise F. Pusch am 03.09.2010 um 08:33 AM
