06.05.2006
Die seltsame Vormund
Neulich schickte mir eine Beamtin vom Jugendamt eine Anfrage:
“Ich möchte gerne die richtige weibliche, feministische Form von Vormund benutzen, können Sie mir helfen? Lautet sie Vormundin wie im Duden? Und die Pluralform?”
Meine Antwort: “Am besten kreieren Sie sich die richtige feministische Version selber, das mußten wir ja schon öfter tun (vgl. Hausmann, Ratsfrau, die erst belacht wurden und inzwischen gängig sind).
Das Grimmsche Wörterbuch meldet zu Mund (auch oft munt geschrieben):
“MUND, f. schutz, schirm, gewalt, ahd. mhd. munt, ... als einzelnes wort im nhd. nicht mehr lebend, in einigen ...zusammensetzungen der älteren rechtssprache erhalten; vgl. auch mündel, mündig und vormund.”
Mund in diesem Sinne ist also ein Femininum; es heißt die Mund. Entsprechend müßte es korrekterweise auch die Vormund heißen, aber auch diesen Begriff haben die Männer an sich gerissen, wie alles andere. Ich plädiere also für die Vormund neben der Vormund, ähnlich wie bei die/der Angestellte.
Das Grimmsche Wörterbuch meldet des weiteren: “VORMUNDIN, f., in älterer sprache neben dem häufigeren vormünderin”
Es gibt auch der Mundherr; die entspr. Mundfrau müßten wir ebenfalls kreieren. - Ich rate Ihnen entschieden zu die Vormund, falls Sie nicht Mundfrau/Mundherr vorziehen, was sich eleganter in den Plural setzen läßt: Mundfrauen und Mundherren (statt fragwürdiger Vormunde oder Vormünder).
Die Beamtin schrieb zurück: “Herzlichen Dank für die Beantwortung meiner Anfrage. Die Vormund klingt etwas seltsam, ich werde aber einen Versuch starten und bin auf die Reaktion gespannt.”
Luise F. Pusch am 06.05.2006 um 03:23 PM
