01.03.2008

Die Wohlgesinnten, die Ausgebufften und andere seltsame Titel

Am 22. Februar, dem Vorabend des Erscheinens der Wohlgesinnten, brachte “3sat Kulturzeit” einen längeren Beitrag über den Schocker von John Littell. Ich hatte von dem Buch bis dahin nichts gehört, erfuhr nun aber, daß das französische Original ein rasender Bestseller sei und zudem den Prix Goncourt bekommen hätte.

Den Titel fand ich für die fiktiven Bekenntnisse eines Nazischergen etwas verschroben, dachte aber nicht weiter darüber nach. Es ging in dem Bericht auch hauptsächlich um die literarische Kontroverse, die das Buch in Deutschland schon vor seinem Erscheinen ausgelöst hatte: Haben wir es mit einem genialen Jahrhundertwerk oder mit einem mönströs mißlungenen Machwerk zu tun? Interessanterweise vertreten Männer überwiegend die These vom Geniestreich (Cohn-Bendit, Schirrmacher, Lanzmann, Semprun), Frauen wie z.B. Deutschlands bekannteste Literaturkritikerinnen Sigrid Löffler und Iris Radisch hingegen finden das Buch total mißlungen.

Ich kann zu der Debatte nichts beitragen, denn ich habe das Buch nicht gelesen, und wie ich mich kenne, werde ich es auch nicht lesen (wollen). Da vertraue ich gern dem Urteil der Expertinnen (“Landser-Kitsch”, “häufig ekelerregende, noch häufiger einfach langweilige Lektüre”). Und überhaupt: Es gibt so viele Bücher von Frauen, die ich noch nicht gelesen habe, Hedwig Dohm, Annette Pehnt, Julia Franck, Naomi Klein, Alice Rühle-Gerstel, Judith Thurman, Doris Lessing, Shere Hite - um nur acht von hunderten zu nennen.

Mir geht es heute um meine Erlebnisse mit dem seltsamen Titel des Littell-Buchs. Die Wohlgesinnten, dachte ich zunächst, das ist eine bitter ironische Bezeichnung für die Nazimörder, die den “deutschen Volkskörper” wohlmeinend oder eben “wohlgesinnt” vom “jüdischen Ungeziefer” ein für alle Mal “befreien wollten”. Vage erinnerte mich der Titel auch an Goldhagens Buch Hitlers willige Vollstrecker (Hitler’s Willing Executioners).

Im Original hieße das Buch Les Bienveillantes, erfuhr ich dann und mußte meine Assoziationen revidieren, denn Bienveillantes ist ein Femininum. Ein weiblicher Titel für diese Nazi-Männer-Saga? Was mochte das bedeuten?

Ich las mich durch die entsprechenden Internetseiten und erfuhr, daß Die Wohlgesinnten auf den dritten Teil der Orestie des Aischylos anspielt, der bei uns Die Eumeniden heißt, auf Französisch Les Euménides, auf Englisch The Eumenides.

Warum also John Littell sein Buch Les Bienveillantes statt Les Euménides genannt hat, bleibt sein Geheimnis. Ich habe Latein und Griechisch studiert - mit Die Eumeniden hätte ich etwas anfangen können, Die Wohlgesinnten aber führte mich erstmal gründlich in die Irre. Vielleicht war das Absicht.

Littell gibt seinen ÜbersetzerInnen Ratschläge, wie sie den Titel am besten in all die Sprachen übersetzen sollten, in die sein Werk voraussichtlich übersetzt werden wird, wenn sich der Hype fortsetzt: Direkt aus dem Griechischen.

Die Eumeniden, zu deutsch “Die Wohlmeinenden, Wohlgesinnten, Gnädiggestimmten” sind in der griechischen Mythologie ursprünglich Rachegöttinnen, Erinnyen oder Erinyen. Auf Lateinisch furiae, die Furien.

Im dritten Teil der Orestie werden die Erinnyen, die zuvor Orest wegen des Mordes an seiner Mutter Klytaimestra bis zum Wahnsinn verfolgten, von Göttin Athene umgestimmt; sie werden quasi domestiziert (hier könnten sich lange feministische Auslegungen der Mythologie anschließen). Die Umgestimmten und Umgepolten heißen nunmehr “Eumeniden” - aber wir durchschauen solche Augenwischerei und verstehen gemeinhin unter “Eumeniden” - Erinnyen, Rachegöttinnen, Furien.

In ihrem Verriß in der Zeit findet Iris Radisch kraftvolle Worte für die antike Verbrämung des Littell-Wälzers:

Veredelt wird der Edelnazi auch durch das intertextuelle Spiel des Romans mit der Orestie des Aischylos, das noch viele Doktorarbeiten alimentieren wird. Aue [so heißt der “Held” des Romans] als Orest, die beiden Polizisten, die Aue als Muttermörder überführen, in der Rolle der Erinnyen (auf Deutsch der “Wohlgesinnten”) … all dies sind hochkulturelle Köder, nach denen die Interpreten schnappen wie der Fisch nach dem Wurm an der Angel.
… Den Täter … intellektuell und mythologisch aufzurüschen und gleichzeitig für unschuldig - im antiken Sinn schuldunfähig - zu erklären, das ist Legendenbildung.

An dieser Legendenbildung will ich mich nun nicht länger beteiligen, auch nicht länger nach den “hochkulturellen Ködern schnappen”.

Kommen wir zu ganz was Anderem und doch Einschlägigem. Ich dachte noch intensiv über französische Feminina nach, die grammatisch neutral ins Deutsche kommen und als männlich verstanden werden - da las ich über den Film Die Ausgebufften von Bertrand Blier aus dem Jahre 1974, mit Gérard Dépardieu, Patrick Dewaere, Miou-Miou und Jeanne Moreau - ein Roadmovie über zwei Gammler, die sich klauend herumtreiben und dabei möglichst viele Frauen “aufreißen”.

Im Original heißt der Film “Les valseuses” - wieder eindeutig ein Femininum, zu Deutsch “Die Walzertänzerinnen”. Ist es möglich, fragte ich mich, daß eigentlich die beiden Frauen die Hauptfiguren des Films sind - zwei Frauen auf der Walz, sozusagen?

Wieder ging ich der Sache im Internet nach und erfuhr schließlich: ”les valseuses (the waltz dancers) ... is slang and a metaphor for the movement of the testicles...“

Das bringt mich zu einer Ankündigung in eigener Sache: In den nächsten Tagen erscheint meine neue Sammlung mit Glossen aus den Jahren 1999 bis 2007, Titel: Die Eier des Staatsoberhaupts (Wallstein Verlag, 9,90 EUR).

Auch dieser Titel bedeutet ganz was anderes als Sie sich vielleicht gedacht haben ...

Luise F. Pusch am 01.03.2008 um 04:50 PM