02.05.2008
“Eigenartige Personen” - Lesbos hat Probleme mit dem L-Wort
Aus Wir machen uns unsere Sprache selber: Ein Feminar. Siebzehnte Lektion
Ende April meldeten diverse Zeitungen Erregung aus Richtung Lesbos: Dimitris Lambrou, Chefredakteur der konservativen Zeitschrift “O Davlou” und zwei Einwohnerinnen der Insel Lesbos wollen einer griechischen Organisation von Lesben und Schwulen verbieten, das Wort lesbisch zu benutzen: “Wir wenden uns gegen die willkürliche Nutzung des Namens unserer Heimat von Personen, die eigenartig sind”, heißt es unter anderem in der Klageschrift. “Sie empfänden es als ‘beschämend’, den Namen ihres Geburtsortes zu nennen, da er weltweit mittlerweile etwas völlig anderes bedeute. Der Antrag soll in Athen am 10. Juni behandelt werden.” (HAZ, 30.4.2008)
Wenn ihnen das Gericht in Athen Recht gibt, wollen sie weiter gegen die “eigenartigen Personen” prozessieren, erst EU-weit und dann mit Hilfe der EU weltweit.
Ich denke, bald wird Sparta nachziehen und den Gebrauch des Wortes spartanisch im Sinne von “dürftig” verbieten. Spanien wird die spanische Grippe verbieten, England die englische Krankheit (Syphilis), Frankreich die französische Krankheit (Syphilis) und Paris den Pariser.
Und dann die Berliner - höchste Zeit, daß sie den Bäckereien verbieten, ihre Schmalzkrapfen Berliner zu nennen. Ein US-Amerikaner fragte mich einmal, ob Kennedy damals tatsächlich (sinngemäß) verkündet hätte “Ich bin ein Schmalzkrapfen”. Ich konnte ihn beruhigen, das Wort Berliner hätte zwei Bedeutungen, und sein Präsident wäre schon richtig verstanden worden!
Hier haben Berlinerinnen definitiv einen Vorteil, genau wie Amerikanerinnen, die mit dem Zuckergußgebäck namens Amerikaner nicht verwechselbar sind. Auch die Frankfurterinnen, Wienerinnen und Pariserinnen können frohlocken, weil sie nicht an Frankfurter oder Wiener (Würstchen) oder gar an Kondome erinnern. Und wie Helke Sander hier schon früher bündig festgestellt hat, ist auch die Hamburgerin im Gegensatz zum Hamburger keine Bulette oder Frikadelle!
Seit French fries (= Pommes frites) wegen des französischen Widerstands gegen den Irakkrieg in den Kantinen US-amerikanischer Regierungsgebäude zu freedom fries wurden, habe ich nicht mehr eine so groteske Geschichte gehört wie die, die uns da aus Lesbos erreicht.
Frau darf gespannt sein, wie der Streit entschieden wird. Für den Fall, daß wir uns bald umbenennen müssen, haben deutsche Lesben ja schon lange vorgesorgt: BürgerInnen der Insel Lesbos heißen auf Deutsch Lesbier und Lesbierinnen, nicht etwa Lesben.
Wenn das nicht genügt, können wir die raffinierte Praxis von Daphne du Maurier aufgreifen und erstmal venezianisch statt lesbisch sagen. Klingt auch viel schöner.
Wenn dann Venedig protestiert, sagen wir einfach urnisch, Urninge und Urninden, wie einst die Grünen, denen der Bundestag noch im Jahre 1988 den Gebrauch der “Gossenausdrücke” Lesben und Schwule untersagte! (1)
Das Eigentor aus Lesbos zeigt, daß dort einige nicht klar denken können. Gefühle der Scham werden nicht durch Verbote neutralisiert, sondern durch offizielle Anerkennung und Aufwertung. Lesben sind nicht eigenartig, sondern großartig. Wirtschaftlich unvernünftig ist der Vorstoß allemal, denn viele zahlungskräftige Lesben zieht es nach Lesbos einzig wegen des Namens und der großartigen Tradition. Lesbos täte gut daran, die rückständige Clique um Lambrou zur Ordnung zu rufen und die von Sappho begründete Tradition stolz zu feiern statt sie zu schmähen. Zum Beispiel mit einem Sappho-Preis für lesbische Literatur oder für die Lesbe des Jahres.
Sonst könnten Lesben und Schwule sich auf andere Traditionen besinnen und sich griechisch oder katholisch nennen. Dann wird es erstmal lustig!
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(1) Vgl. Luise F. Pusch. 1999 (1995). “Ein Streit um Worte? Eine Lesbe macht Skandal im Deutschen Bundestag”, in: Pusch, Luise F. 1999. Die Frau ist nicht der Rede wert: Aufsätze, Reden und Glossen. Frankfurt/M. Suhrkamp TB 2921. S. 37-67
Luise F. Pusch am 02.05.2008 um 07:46 PM
