15.03.2008
Ein liebendes Pferd
Martin Walsers neuer Roman, Ein liebendes Pferd, bildet - nach Ein springender Mann und Ein fliehender Brunnen - den Abschluß seiner Partizipialtrilogie. Möglich, daß ich die Titel nicht ganz genau auf die Reihe gekriegt habe. Vielleicht baut er die Serie noch zu einer Heptalogie aus, um mit Grass’ Tierleben gleichzuziehen (Katz und Maus, Hundejahre, Aus dem Tagebuch einer Schnecke, Der Butt, Die Rättin, Unkenrufe und Im Krebsgang) - aber die Zeit wird knapp.
Es geht in dem Roman um die Liebe des 73jährigen Goethe zu der 19jährigen Ulrike von Levetzow. Sie lehnt seinen Heiratsantrag ab, und er ergießt seinen Schmerz in die Marienbader Elegie, ein Kleinod deutscher Dichtkunst.
Viele Rezensenten und besonders Rezensentinnen fühlen sich von der derzeit grassierenden Thematik “Alter Mann mit junger Frau” zunehmend belästigt und sprechen von Altersgeilheit:
(Georg Patzer in literaturkritik.de)Diese alten Männer. Weit jenseits der siebzig, müssen sie sich wohl alle in junge Mädchen verlieben. Warum muss das sein? Das weiß man nicht. Aber die alten Männer der Literatur schwelgen darin. Nach Martin Walser, dessen Thema ermüdender- und langweiligerweise in den letzten vier Romanen die “Altersgeilheit” ist, hat sich nun auch der 75-jährige Nobelpreiskandidat Philip Roth darauf besonnen. Und leider, wie bei Walsers Romanen, ist auch dieses Werk eher misslungen.
Ich finde, die alten Männer haben schon ein Recht darauf, dem Lesevolk von ihrem Altmännerleid, von Gebrechlichkeit, Impotenz und Inkontinenz zu künden - wir müssen es ja nicht lesen.
Es ist ein ernstes und erzählenswertes Thema, wenn der Körper nicht mehr will. Was mich aber schon immer genervt hat, ist die Selbstverständlichkeit, die die Kombi “Alter Mann, junge Frau” für diese alten Herren hat, die sonst so sensibel alles und jedes problematisieren.
Es fiel mir zuerst an der autobiographischen Erzählung Montauk (1975) von Max Frisch auf. Er ist über 60 und hat eine Affäre mit einer 30jährigen Frau. Über alles mögliche denkt er differenziert nach, aber nicht darüber, daß die umgekehrte Konstellation - alte Frau mit jungem Mann - skandalös und lachhaft wäre. Nein, lachhaft kommt er sich keinen Moment vor.
Es ging mir wohl auch deshalb so auf den Geist, weil ich, als Montauk rauskam und ähnlich wie derzeit Walsers liebender Mann überall diskutiert wurde, von einem 30 Jahre älteren Schriftsteller umworben wurde. Es war mir besonders peinlich, in der Öffentlichkeit von ihm so verliebt umgurrt und gegen meinen Willen als “seine Trophäe” präsentiert zu werden, die ihn wiederum zum “tollen Hecht” machte. Auf die Idee, daß mir das peinlich sein könnte, wäre auch dieser im übrigen hochsensible Mann nie gekommen. Er verschenkte seine Gunst schließlich nicht an jede und gewährte mir damit eine Auszeichnung, auf die ich stolz zu sein hatte. Zartere Zeichen meines Unmuts prallten an seiner Selbstgewißheit ab; schließlich mußte ich richtig grob werden.
Der Rezensent fragt: “Diese alten Männer. ... Warum muss das sein? Das weiß man nicht.”
Mann will es wohl nicht wissen, denn mit nur wenig Nachdenken ließe sich das “Rätsel” schon lösen.
Der Schlüssel liegt genau in der obszönen Asymmetrie:
Alter Mann & junge Frau - ok.
Alte Frau & junger Mann - skandalös.
Auf eine ältere Frau lassen sich nur “sozial benachteiligte” jüngere Männer ein, wie uns Männer mit Filmen wie Angst essen Seele auf (Faßbinder) oder Die Mutter (nach Kureishi) gerne einschärfen. Ein „richtiger“ Mann ist sich dafür nämlich zu schade. Lieben Sie Brahms ist eine absolute Ausnahme, und nicht zufällig stammt der Plot von einer Frau, Françoise Sagan.
Dieselbe Asymmetrie herrscht in der Prostitution. Der Mann kann sich eine Frau kaufen, wenn ihm der Sinn nach Sex steht; die Frau kann das nicht; sie will es wohl auch nicht. - Die Welt durfte es ja gerade wieder mit Eliot Spitzer erleben, dem Governor des Staates New York, der jetzt zurücktreten mußte, nachdem seine Beziehung zu einem Call-Girl-Ring aufgeflogen war. Zwar haben wir immer mehr Frauen auch in höchsten politischen Ämtern - aber die müssen auf andere Weise Entspannung suchen.
Die Chicago Herald Tribune hatte eine bedrückende Fotogalerie der bekanntesten Sexskandale zusammengestellt, in die „liebende Männer“ sich hineingeritten hatten (leider schon wieder aus dem Netz verschwunden). Ihre Ehefrauen sahen arg mitgenommen aus, die “Liebe” ihrer Männer ist ihnen nicht bekommen. Und den Prostituierten auch nicht, wie Melissa Farley uns wütend und glasklar auseinandersetzt.
Wäre Ulrike von Levetzow, nach der sich der alte Goethe so verzehrte, eine Kammerzofe statt einer behüteten jungen Adligen gewesen - Goethe hätte sie sich einfach “genommen” und ihr womöglich trotz Altersschwäche “ein Kind gemacht”, wie es anderen Geistesriesen seiner Zeit beliebte, z.B. Schopenhauer, Hegel, Raimund.
Auch Ulrikes Einwilligung sollte mit Geld gekauft werden: Goethes Freund und Gönner Carl August von Sachsen-Weimar stellte eine großzügige Witwenrente in Aussicht - Ulrike würde nicht unversorgt sein.
Die alten Männer, die sich in junge Frauen vergucken, tun nichts Rätselhaftes. Sie fahren vielmehr einfach fort zu tun, was sie schon immer getan haben: Sie kaufen sich eine Frau, möglichst eine frische bitte, oder sie ködern sich eine mit ihrem Status. Das Alter des Käufers ist irrelevant. Nur wenn die Frau genug eigene Ressourcen hat, wie Ulrike von Levetzow, bekommt der alte Herr ein Problem. Dann reichen nicht mehr sein Ansehen und sein Geld, um ihn attraktiv erscheinen zu lassen.
Meist treten aber solche ungünstigen Umstände nicht ein. Schließlich besitzen Männer die Macht und 99% des Weltvermögens.
Luise F. Pusch am 15.03.2008 um 10:04 PM
