12.09.2010
“Elternteil” aufs Altenteil
Aus Wir machen uns unsere Sprache selber: Ein Feminar. Fünfzigste Lektion.
In den Medien tobt derzeit ein Scheingefecht um die Rettung der Wörter “Mutter” und “Vater”, die angeblich europaweit abgeschafft werden sollen. Stattdessen solle ab sofort “das Elter” gesagt werden. Das habe der Europarat jüngst beschlossen und empfohlen, ereifert mann sich. Hier der entsprechende Artikel von Bild.de, einer von ganz vielen derselben Art. Sie brauchen nur “Europarat” und “Elter” oder “Mutter” zu googeln.
Nichts davon ist wahr, die Sache wurde frei erfunden, und dann schrieb es einer vom anderen ab - eine bemerkenswerte neue Strategie des Antifeminismus, über die ich mich ausführlicher in der Emma äußern werde.
Heute geht es mir nur um die Wörter “Elter” und “Elternteil” - armselige Sprachmittel in der Tat, um eine beliebige Person des Elternduos, Mutter oder Vater, zu benennen. Brauchen wir überhaupt so ein Wort? Ja, z.B. für Gesetze und Gesetzeserläuterungen:
Ab dem Jahr 2000 erhalten in Deutschland geborene Kinder von AusländerInnen die deutsche Staatsbürgerschaft, sofern sich ein Elternteil seit 8 Jahren rechtmäßig in Deutschland aufhält.
Wie viel besser ist da das Englische ausgestattet. In englischsprachigen Ländern haben sie nicht nur die “parents” (Eltern), sondern auch “a parent” (ein “Elternteil”):
… provided that one parent has legally resided in Germany for at least 8 years.
Und dann haben die glücklichen AngelsächsInnen auch noch das Wort “parenting”, für das es keine passende Übersetzung gibt, sondern nur ad-hoc-Behelfslösungen wie: “Elternschaft”, “Kindererziehung”, “Elternkompetenz”, “Eltern sein” - was es alles nicht trifft.
Mein Vorschlag: Entweder benutzen wir “eltern” kühn als Verb:
Ich eltere,
du elterst,
wir eltern.
Wir wechseln uns mit dem Eltern (parenting) ab.
Oder “Parenting” wird aus dem Englischen entliehen, am besten gleich mit “Parent” zusammen. Wenn wir schon Wörter wie “Multitasking”, “download”, “Dealer”, Deal” und “Showbusiness” übernehmen, warum dann nicht mal ein wirklich nützliches und wichtiges Wort, das wir offenbar umso dringender brauchen, je mehr die Rechte, Pflichten, Streitigkeiten, Bedürfnisse, Stärken und Defizite von Eltern zum öffentlichen Gesprächsstoff werden?
“Parents” kommt natürlich - über das Französische - aus dem Lateinischen. Auch die Französin sagt “les parents” und “le (statt la, leider) parent”. Die anderen romanischen Sprachen aber können wir als Hilfsreservoir vergessen. Auf Spanisch heißen die Eltern “los padres” (die Väter), auf Italienisch “i genitori” (die Erzeuger).
Das Deutsche steht mit “Eltern” sozusagen in der Mitte einer Skala der Frauenfreundlichkeit: “I genitori” und “los padres” sind rein patriarchal, “die Eltern” ist neutral, immerhin - und “parents”, ob Englisch oder Französisch, ist matriarchal geprägt, kommt es doch vom lateinischen “parere” (gebären). Die “parents” sind also “die Gebärenden”, nur im übertragenen Sinn dann auch die ErzeugerInnen.
Damit wäre denn auch das Geschlecht von “Parent” klar, es muss ein Femininum sein: “Die Parent”, wie “die Gebärende”. “Der Gebärende” ergibt ja wenig Sinn. Der nichtgebärende Elternteil - was sage ich, die nichtgebärende Parent - ist immer herzlich mitgemeint.
Wenn das dem Nichtgebärer nicht passt, können wir ihm auch noch ganz anders kommen. Dann sagen wir - als Ausgleich für die ungalanten spanischen Gepflogenheiten - statt “Parent” nämlich gleich Mutter. Heißt doch die “parent company” hierzulande auch “Mutterkonzern”, “Mutterunternehmen”, “Muttergesellschaft” oder “Konzernmutter”.
Luise F. Pusch am 12.09.2010 um 03:52 PM
