02.01.2011

Er kommt aus seines Vaters Schoß

Zu Weihnachten war ich bei meiner Familie in Gütersloh. Meine Schwester hatte ein Krippenspiel geschrieben und seit dem Herbst mit den KonfirmandInnen eingeübt. Es sollte als Teil des Gottesdiensts am Heiligabend uraufgeführt werden. Da wollte ich natürlich nicht fehlen.

Es waren ganz kurze Szenen, dazwischen bekam die Gemeinde viel Zeit zum Singen. Die Liedtexte wurden mit einem Beamer groß an die Wand geworfen, so dass alle leicht mitsingen konnten, auch wenn sie, wie ich, die Texte längst vergessen hatten.

Plötzlich hörte ich mich also singen

„Er kommt aus seines Vaters Schoß und wird ein Kindlein klein,
er liegt dort elend, nackt und bloß in einem Krippelein.“

Während die Gemeinde unbeirrt weitersang, fragte ich mich mißmutig: „Er kommt aus seines Vaters Schoß“?? Was soll das denn heißen? Noch nie war mir dieser Unsinn aufgefallen. Und wie oft schon hatte ich ihn wiederholt, wenn wir zu Weihnachten um das Klavier herumstanden und mit meiner Mutter die alten Lieder sangen.

Im Krippenspiel war gerade vorgeführt worden, wie Maria sich schwanger zur Volkszählung nach Bethlehem geschleppt hatte und sie und Joseph nur deshalb noch einen Platz in einem Stall ergattert hatten, weil sie hochschwanger war. Sie gebar das Jesuskind in dem Stall und legte es in eine Krippe. „Er kommt aus seines Vaters Schoß“ - von wegen, er kam vielmehr eindeutig aus seiner Mutter Schoß, nicht einmal die Bibel lässt da Zweifel aufkommen.

Ich googelte später ein wenig herum und fand heraus, dass Text und Musik des Liedes „Lobt Gott, ihr Christen allzu gleich“ (Evang. Gesangbuch 27) von einem Zeitgenossen Luthers stammen, dem Lehrer und Kantor Nikolaus Herman aus dem Erzgebirge (ca. 1500-1561).  „Seine Lieder, als deren Zielgruppe er vornehmlich die von ihm unterrichteten Kinder betrachtete, veröffentlichte er 1560 unter dem Titel Die Sonntagsevangelia über das Jahr in Gesänge verfasset für die Kinder und christlichen Hausväter.“ (Wikipedia)

Aha, die Kinder und christlichen Hausväter also. Hausmütter sind nicht gefragt. Das erklärt doch schon mal, wie Nikolaus Herman, wahrscheinlich ein Vorvater von Eva Herman, dazu kam, die Muttergottes auszublenden und ihr Kind „aus seines Vaters Schoß“ kommen zu lassen.

Nun bedeutet “Schoß” im Deutschen ja (mindestens) zweierlei:

[1] die beim Sitzen durch Unterleib und Oberschenkel gebildete Körperpartie
[2] gehoben für den weiblichen Unterleib
(Wiktionary)

Das Englische hat für diese beiden sehr verschiedenen Bedeutungen zwei Wörter parat: lap und womb.

Zugegeben, das Jesuskind wird gerne als Laptop, auf dem Schoß sitzend, dargestellt, aber auch da meist auf dem Schoß Mariens.

Das Jesuskind direkt aus dem Schoß des Vaters kommen zu lassen, war wahrscheinlich eine Spitze des frischgebackenen Protestanten Herman gegen den katholischen Marienkult. Oder einfach eine der vielen kolossalen Lügen, Big Lies (wie Mary Daly sie nannte), der kirchlichen Patriarchen.

An den Schoß des Vaters musste ich wieder denken, als ich eine Woche später die 25. Folge der TV-Serie „In Treatment“ sah. Kate, die Frau des Therapeuten Paul, beschwert sich in einer gemeinsamen Sitzung bei seiner Supervisorin Gina, dass Paul immer alles analysiere. Sie aber könne und wolle das nicht. „Wenn ich ein Kind gebäre, dann möchte ich, dass er da ist und meine Hand hält, aber ich will nicht über meine Gefühle reden. Es ist auch ganz unmöglich zu beschreiben, wie es sich anfühlt, ein Kind zu gebären. Eine Freundin hat einmal gesagt, nimm einen Schirm, stoße ihn in seinen Arsch, spann ihn auf und zieh - dann wird er schon verstehen.“

Beide Frauen lachen schallend. Paul kann gar nicht mitlachen. Offenbar will er lieber nicht wissen, wie es sich anfühlt, wenn das Kind wirklich aus seines Vaters Schoß kommt.

Luise F. Pusch am 02.01.2011 um 11:53 PM