27.03.2011

ET, die Äußerst-Irdische: Anmerkungen zu Elizabeth Taylor

ET und ihre wichtigste Rolle

Die Welt trauert um Elizabeth Taylor, obwohl - oder weil? - die Medien in den letzten Jahrzehnten nur noch selten nett zu ihr waren: Etwa seit 1967, ihrem 35. Geburtstag, galt sie als „alternde Diva“ und schließlich als „fette alte Diva“. Über diese Zeit lesen wir auf einer Fotostrecke der ARD:

Seit Anfang der 70er-Jahre blieben die großen Filmerfolge aus, als einer der letzten großen Hollywood-Stars blieb sie jedoch in den Medien präsent.
Für Schlagzeilen sorgte auch ihr exzessiver Lebensstil, ihre Affären, die Alkohol- und Gewichtsprobleme, die Schlankheits- und Entziehungskuren.

George Clooney, Tom Cruise und Brad Pitt gehen auf die 50 zu - ob sie nun wohl bald als “verbrauchte Schönlinge” aufs Altenteil geschickt werden? Nicole Kidman ist 44, also wohl überfällig, und Angelina Jolie im gefährlichen Alter von 35…

Jene andere „Göttliche“, Greta Garbo, zog sich nach ihrem 35. Geburtstag auf Nimmerwiedersehen (50 Jahre!) aus der Öffentlichkeit zurück; die Dietrich hielt es dort noch 40 Jahre länger aus, aber die letzten elf Jahre ihres langen Lebens verbrachte auch sie im Totalversteck. Nicht so ET: Sie hatte im „kritischen Alter“, mit etwa 50 Jahren, ihre Aufgabe gefunden, der sie sich bis zu ihrem Lebensende widmete: Den Kampf gegen AIDS.

Auf die Frage „Was machen Schönheitsgöttinnen, wenn sie nicht mehr schön sind, sondern ‘alt und fett’ (wie Taylor) oder ‘alt und hager’ (wie Garbo und Dietrich)?” fand Liz wohl die beste Antwort: Sie nutzte schon in der extrem schwulenfeindlichen Anfangszeit von AIDS ihren Weltruhm, um die AIDS-Aufklärung und -Forschung voranzubringen und stigmatisierten Todkranken zu einer menschenwürdigen Behandlung zu verhelfen.

Dies, so finden viele, war wohl ihre wichtigste Rolle.

ET und ihr Name

Elizabeth Taylor wurde als Elizabeth Taylor geboren und behielt ihren Namen ein Leben lang. Das ist für eine Schauspielerin eine beachtliche Leistung. Bekamen doch fast alle Schauspielerinnen zwecks besserer Vermarktbarkeit einen neuen Namen verpasst: Greta Lovisa Gustafsson wurde zu Greta Garbo, Norma Jeane Mortenson zu Marilyn Monroe, Doris Kappelhoff zu Doris Day, Sofia Scicolone zu Sophia Loren, Betty Joan Perske zu Lauren Bacall, Margarita Cansino zu Rita Hayworth, Frances Ethel Gumm zu Judy Garland undsoweiter. Nur die beiden Hepburns, Audrey wie Katharine, Grace Kelly, Brigitte Bardot und sogar Gina Lollobrigida behielten ihren eigenen Namen. Und Elizabeth Taylor.

Sie behielt ihren eigenen Namen auch trotz ihrer acht Ehen, denn sie war von der ersten bis zur letzten Ehe immer die berühmtere Hälfte des Paars und hatte einen Namen zu verlieren.

Der Film Cleopatra, Mutter aller Mammutschinken, brachte ihr eine Gage von 1 Million Dollar - die höchste Gage, die bis dahin irgendjemand im Film bekommen hatte. Interessant ist aber auch der Name dieses Films. Shakespeare hatte noch über Antonius und Cleopatra geschrieben, Shaw über Cäsar und Cleopatra - hier aber wird von diesen beiden unerheblichen Herren abgesehen und Cleopatra / Elizabeth Taylor in den Mittelpunkt gestellt. Ihr späterer Ehemann Richard Burton, den sie auf dem Set kennen- und lieben lernte, bekam für seine Rolle des Mark Anton 75.000 Dollar.

Allerdings hatte Elizabeth Taylor eine Namenscousine in der englischen Schriftstellerin gleichen Namens, die nächstes Jahr hundert geworden wäre. Als deren erster Roman 1944 herauskam, erschien auch ETs erster Filmhit National Velvet. Seitdem brauchte es für jegliche Erwähnung der Schriftstellerin den Zusatz, „Elizabeth Taylor, die Schriftstellerin“, was ihrer Karriere nicht eben förderlich war…

ET und die Schwulen

ET war eng befreundet mit ihren schwulen Filmpartnern Montgomery Clift und Rock Hudson; sie wirkte mit in vier Filmen nach Vorlagen des schwulen Dramatikers Tennessee Williams, die die schwule Thematik mehr oder weniger überzeugend ins Heterosexuelle transponierten. Einer ihrer m.E. besten Filme, Spiegelbild im goldenen Auge von John Huston nach Carson McCullers, zeigt sie, wie schon in der Katze auf dem heißen Blechdach als frustrierte Gattin eines Schwulen im Versteck. Und einer ihrer besten Freunde war der feminine Michael Jackson.

Wie kommt es zu dieser Affinität der „schönsten“ und „begehrenswertesten Frau der Welt” mit Schwulen und schwulen Stoffen?

Nach allem, was wir wissen, war ET stockhetero, anders als viele andere Diven (z.B. Marlene und die Garbo). Aber mehr noch als sie Männer begehrte, wurde sie von ihnen begehrt. ET kannte sich gut aus mit Heteromännern - und das erklärt wohl zur Genüge ihre Vorliebe für Schwule.

ET und der Feminismus

Damit wird sie normalerweise nicht in Verbindung gebracht. Aber sehen Sie sich mal den viel geschmähten Film The Sandpiper an, auf Deutsch unsäglich (und irreführend) betitelt mit Die alles begehren. Sie spielt dort im Jahre 1965 eine allein erziehende Künstlerin, die den Vater ihres Kindes nicht heiraten wollte, weil sie ihn nicht liebte und weil sie überhaupt findet, dass die Ehe nichts für eine Frau ist: Sie verliere dadurch nur ihre Freiheit und versauere bei der Hausarbeit. In einer schönen Szene hält die schöne Taylor dem verheirateten Geistlichen (Richard Burton), der in sie verknallt ist, darüber einen schönen Vortrag, als wäre sie Betty Friedan persönlich.

Was dieser Film auch sehr schön zeigt, ist neben der atemberaubenden Schönheit seiner Hauptdarstellerin ihre Wärme, ihre Leidenschaftlichkeit und ihr explosives Temperament.

Nun, das war eine Filmrolle, und wie wir wissen, hat sich nun gerade die Taylor mit ihren 8 Ehen an diese Botschaft ihres Films nicht gehalten. Im Haushalt versauert ist sie trotzdem nicht. Dazu hatte sie zu viel Geld, denn vom Geldverdienen verstand sie was. Nachdem sie in Wer hat Angst vor Virginia Woolf bewiesen hatte, dass sie eine grandiose Schauspielerin war, kümmerte sie sich in der Folge hauptsächlich darum, dass die Kasse stimmte.

Es ist nicht ihre Schuld, dass mann der „fetten alten Diva“ von 35 Jahren keine Rollen mehr angeboten hat, die ihrem schauspielerischen Genie entsprachen - anders als etwa den alten Fettsäcken Marlon Brando und Orson Welles. Und es ist ein ewiger Jammer.

 

Luise F. Pusch am 27.03.2011 um 11:21 PM