20.04.2008
Fräude, schöner Göttin Funken
Aus Wir machen uns unsere Sprache selber: Ein Feminar. Sechzehnte Lektion
Am 18. April war ich in dem schönen FrauenBildungshaus Altenbücken an der Weser für ein Seminar mit Frauen der feministisch-matriarchalen Akademie Alma Mater. Im Vorfeld hatte mir Astrid Wehmeyer geschrieben “Ich fräue mich”, und fräudig schrieb ich zurück, “ich fräue mich auch”. Schließlich sind Fräude, erfräulich und fräuen für die Silbe fräu ein viel hübscheres Ambiente als Fräulein!
Im Laufe des Seminars erkundigte ich mich dann nach dieser Wortschöpfung und erfuhr, daß Dagmar Margotsdotter Fricke sie hervorgebracht hat, um daran zu erinnern, daß Freude von Frau kommt, was ja in der modernen Schreibweise gar nicht mehr zu erkennen und daher völlig in Vergessenheit geraten sei.
Die meisten Teilnehmerinnen des Studiengangs benutzten die neue Schreibweise selbst eifrig und fräuten sich über Dagmars Erfindung. Andere lehnten sie ab, Fräude erinnere sie zu sehr an Räude. Ich sagte, mich erinnere diese Schreibweise auch an Räude, aber mir leuchte der Bezug von Frau zu Fräude unmittelbar ein, die Assoziation an Räude fände ich dagegen eher abwegig, etwa wie die von Frau an rau.
Ich gestand dann, von einer etymologischen Verwandtschaft zwischen Frau und Freude hätte ich allerdings noch nie etwas gehört. Wieder zu Hause, las ich in einigen etymologischen Wörterbüchern nach - auch sie wollen nichts davon wissen, sondern meinen, Freude und das verwandte froh gingen eher auf Frosch zurück, wegen des Hüpfens! Also wirklich.
Erfräulicher ist da wie immer das Grimmsche Wörterbuch; die famosen Brüder geben zu, “dies freuen gehört zu froh, fravi und frauja“ - verraten allerdings nicht, daß frauja und fraujo “hochgestellte Persönlichkeit” bedeuten, frauja die männliche und fraujo die weibliche. Wundert uns nicht, daß hochgestellte Persönlichkeiten auch hochgestimmt sind und sich fräuen! Fraujo wurde später zu Frau abgekürzt; für den hochgestellten Mann setzte sich Herr durch.
Ich fand auch sonst noch viel Hübsches unter dem Stichwort freuen im Grimmschen Wörterbuch, aber darüber mehr in einer späteren Lektion. Einstweilen wollen wir uns einfach fräuen und mit Schillern die Ode an die Fräude singen, seit 1985 auch offizielle Europahymne:
Fräude, schöner Göttin Funken,
Tochter aus Elysium,
Wir betreten feuertrunken,
Himmlische, dein Heiligthum.
Nebenbei liefern diese vier Zeilen auch ein brauchbares Argument gegen das angeblich geschlechtsneutrale “generische Maskulinum”. In der Ode an die Fräude redet Schiller die Fräude als “Tochter” an und preist sie als “Himmlische”. Obwohl Fräude ein Abstraktum ist, denkt der Dichter, weil es ein Femininum ist, nur an holde Weiblichkeit. Von uns, Lieschen Müller und Otto Normalverbraucher, aber erwartet mann, daß wir bei maskulinen Personenbezeichnungen wie jedermann oder König Kunde an Frauen denken. Unsinnig und sehr unerfräulich!
Luise F. Pusch am 20.04.2008 um 10:39 AM
