08.11.2009

Frauenschwarm, Männerschwarm und Bienenschwarm

Joey und ich geben gerade unser zweites Buch über berühmte Frauen* und ihre Freundinnen/Geliebten heraus (erscheint im März bei Wallstein unter dem Titel “Frauengeschichten”). Hier schon mal der Cover-Entwurf als kleiner Vorgeschmack:

FrauenbildBei der beschwingten Arbeit an dem Buch stießen wir regelmäßig auf die Kultur des Smashing an amerikanischen Frauencolleges zwischen 1870 und 1920. Wir wissen ja, dass Mädchen und junge Frauen gerne für Mitschülerinnen und Lehrerinnen schwärmen, bevor unsere “heteronormative Kultur” (früher nannten wir es kurz und kräftig Heterror) es ihnen unerbittlich austreibt. Was aber an diesen amerikanischen Frauencolleges betrieben wurde, hatte Methode, Stil und großes Format. In der Studentenzeitung von Yale stand 1873 darüber zu lesen:

Wenn eine Vassar-Studentin für eine andere schwärmt, beginnt sie umgehend, ihr regelmäßig Blumensträuße zu schicken, zwischendurch pastellfarbene Briefchen, geheimnisvolle Päckchen von „Ridleys vermischten Süßigkeiten“, vielleicht Haarlocken, und viele andere zärtliche Angebinde, bis das Objekt ihrer Aufmerksamkeit eingefangen ist, die beiden unzertrennlich sind und die Angreiferin von ihrem Kreis als „smashed“ angesehen wird.

Manche Lehrerinnen waren von der Smashing-Kultur nicht eben begeistert: „Es hielt die Mädchen vom Studieren ab, manchmal geriet ein Mädchen dadurch Jahr um Jahr in Rückstand. [...] Wenn die Schwärmerei gegenseitig ist, monopolisieren sie einander und ‚löffeln’ andauernd, schlafen zusammen und liegen die ganze Nacht wach und sprechen miteinander, statt schlafen zu gehen.“ (Alice Stone Blackwell (1857-1950), Schriftstellerin und Feministin, im Jahre 1882. “Löffeln” (spooning) bedeutet, eng aneinandergeschmiegt auf der Seite zu liegen, ähnlich wie Löffel in einem Besteckkasten.)

Wo ist die Smashing-Kultur geblieben? Die Schwärmerei junger Mädchen und Frauen wird heute beizeiten in die rechten Bahnen gezwängt. Der Film Mädchen in Uniform zeigte 1931 und im Remake 1957 mit Romy Schneider und Lilli Palmer, wohin das “ungesunde Schwärmen” für die Geschlechtsgenossinnen führt: Geradewegs in den Selbstmord.

Mädchen und Frauen sollen gefälligst für Jungen und Männer schwärmen. Inbegriff des heutigen Mädchenschwarms sind Boy Groups wie Tokio Hotel. Und “Frauenschwarm” ist eine Bezeichnung für Männer wie Brad Pitt, George Clooney oder Richard Gere, früher Gary Cooper und Cary Grant, noch früher der Urtyp Rudolph Valentino, sozusagen die Mutter aller Frauenschwärme. Viele Frauen schwärmten auch für Greta Garbo - deshalb ist diese aber noch lange kein Frauenschwarm. Es heißt ja schließlich auch der und nicht die Schwarm.

Ist Garbo dann vielleicht ein Männerschwarm? Nein, dies Wort bezeichnet seltsamerweise auch eher Männer: Männer, für die Männer schwärmen. Echte Männer schwärmen natürlich nicht (das überlassen sie den Frauen), schwule Männer dafür umso mehr. Sie schwärmen nicht nur für Opernsängerinnen, sondern auch für andere Männer. Jedenfalls legt das der Name der fast schon alteingesessenen schwulen Buchhandlung Männerschwarm in Hamburg nahe.

Und wie ist das mit Marlene und ihrem Song “Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt”. Darin heißt es doch “Männer umschwirr’n mich wie Motten das Licht” - demnach wäre sie bzw. “die fesche Lola” doch das Urbild eines Männerschwarms. Ja - aber das war in den goldenen zwanziger Jahren, und danach wurde es bekanntlich finster in Deutschland.

Spuren dieser veralteten Bedeutung des Wortes Männerschwarm haben sich bis heute erhalten, z.B. finde ich mit Hilfe von Google schnell auf die Seite, wo die Testperson in 10 Testschritten erfahren kann, ob sie ein “Männerschwarm” ist. Der Test richtet sich eher an Frauen, wie ich aus Frage 4 entnehme:

Welche Schuhe tragen Sie? 
o Meine ausgelatschten, alten Lieblingsturnschuhe!
o Meistens Sneakers aber auch schon mal etwas schickeres!
o Am liebsten Sneakers.
o Alles mögliche! Kommt auf meine Laune an.
o Immer High-Heels!

Für mich gab es da nichts zum Ankreuzen, ich trage immer meine ausgelatschten alten Birkenstockschuhe. Ich kreuzte dann doch als Notbehelf die “Lieblingsturnschuhe” an, und die Strafe folgte sozusagen auf dem Fuße. Meine Auswertung ergab:

Die Männer laufen an Ihnen vorbei ohne Sie zu registrieren!

Ändern Sie etwas an sich!

So können Sie nicht glücklich werden.

Dieses Profil hatten 6.6442 % der 21071 Quizteilnehmer!

Das Wort “Quizteilnehmer” war nun wieder verwirrend. Richtete sich das Quiz doch an Männer? Die mit den High Heels?

Wir fassen zusammen: In Sachen Frauen, Männer und Bienen bleibt die deutsche Sprache verwirrend wie eh und je. Auf die Frage, ob ich ein Frauenschwarm, ein Männerschwarm oder ein Bienenschwarm bin, kann ich ehrlich nur antworten: Ich bin ein Mückenschwarm. Mir ist noch keine Mücke begegnet, die mich nicht umgehend gestochen hätte.
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* Das erste Buch, Berühmte Frauenpaare (2005), findet Ihr hier: Frauenbild
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(Dank an Anne Beck für eine frühe Anregung zum Thema Frauenschwarm / Männerschwarm)

Luise F. Pusch am 08.11.2009 um 05:41 PM