05.06.2010
Ganz oder gar nicht: Über das “Amt der First Lady”
Nachdem Hannover letzten November mit Robert Enkes Selbstmord sehr negativ in die Schlagzeilen gekommen war, hat sich das letzte Woche mit Lena Meyer-Landrut, Ursula von der Leyen und Christian Wulff schlagartig gebessert. Menschen aus Hannover waren die strahlenden Themen der Woche. Weniger schön ist, dass sie sich gegenseitig Konkurrenz machten:
Unsere Freude über von der Leyens mögliche Kandidatur währte nur kurz. Schwupps machte Christian Wulff - aus Hannover! - ihr den Rang streitig und siegte auch noch. Er hätte sich an Lena, die er nach ihrem Sieg so artig begrüßte, ein Beispiel nehmen sollen. Nicht im Traum fiel es Lena ein, sich auch noch um das Amt der Bundespräsidentin zu bewerben!
Die Presse hatte auch schon heftig mitgearbeitet an der Demontage der “Zensursula” bzw. des “Röschens”. Gegen Christian Wulff kam kein hämischer oder verniedlichender Spitzname zum Einsatz.
Meine Freundinnen und Verwandten schrieben mir Trostbriefe, sie fühlten mit mir und litten selbst darunter, dass wir nun doch keine weibliche Doppelspitze bekommen. Ich schrieb jeweils zurück, ich sähe das nicht so tragisch, das Bundespräsidialamt sei doch eher ein Abstellgleis für vielleicht verdiente, auf jeden Fall aber ausgediente Politiker. Während doch uns Ursula sich als Ministerin auf jedem Posten im Handumdrehen als unverzichtbar erweist. Ich sehe sie eher als Nachfolgerin von Merkel, die zwar keinerlei Ermüdungserscheinungen zeigt und im Volk weiterhin sehr beliebt ist, aber irgendwann möchte vielleicht auch sie sich wieder mehr der Oper und dem Gatten widmen. Und dann hätten sie Ursula von der Leyen als prima Ersatz in der Hinterhand. Das wäre dann mal eine wirkliche Doppelspitze, allerdings nicht im Quer-, sondern im Längsschnitt.
Trotzdem - eine Weile fand ich auch die Idee einer Bundespräsidentin von der Leyen schick. Der klangvolle Adelsname, wiewohl nur angeheiratet, passt doch auch viel besser zum Schloss Bellevue als “Köhler”. Und erst die gewaltige Kinderschar, fast wie bei Maria-Theresia! Das im Volk noch immer beliebte dynastische Prinzip Landesmutter verkörpert die Tochter des früheren niedersächsischen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht sehr eindrucksvoll!
Betrübte Gedanken machte ich mir über Eva Luise Köhler, die nun mit dem Gatten von der Bildfläche verschwindet. Sicher hätte sie noch gerne weiter mit präsidiert und repräsentiert, aber der Gatte ist eben recht empfindlich und musste nicht nur sich selbst, sondern auch die Frau an seiner Seite seinem verletzten Stolz opfern.
Wo bleibt da die Nachhaltigkeit? Für Eva Luise hätte es doch noch vielfältige Verwendung gegeben, denn bekanntlich lehnen die Gatten unserer Spitzenpolitikerinnen die Rolle des “Mannes an ihrer Seite” strikt ab, Kanzleringatte Sauer genauso wie Ministeringatte von der Leyen.
Da wäre doch Ex-First-Lady Eva Luise für eine Bundespräsidentin von der Leyen eine schon bestens eingearbeitete Stütze gewesen. Überhaupt sollten wir überlegen, ob wir als Mittel gegen den vorzeitigen Verschleiß unserer weiblichen Spitzenkräfte zusammen mit dem Schloss Bellevue nicht auch gleich eine standesgemäße Begleitung mitliefern sollten.
Über Indien lesen wir mit Schaudern von den Witwenverbrennungen: Stirbt der Gatte, hat auch die Gattin ihr Recht auf Leben verwirkt. Haben wir da nicht soeben etwas ähnlich Unerträgliches mit ansehen müssen? Tritt der Bundespräsi zurück, hat es mit der First Lady auch ein Ende, die sich aber auch rein gar nichts hat zuschulden kommen lassen. Ich finde, so geht das nicht.
Die Schirmherrschaft, besser gesagt das Matronat, des Müttergenesungswerks wurde ihr entzogen; die Unicef entschied sich weniger rückständig und lässt sie weiter matronieren. Die Bundesrepublik sollte sich ein Beispiel nehmen und Eva Luise als First Lady weiter ihres Amtes walten lassen, wenn sie noch Lust dazu hat. Die Ehefrauen von Wulff oder Gauck können zu Hause bleiben und sich ihren eigenen beruflichen Interessen widmen, wie es sich heute für eine emanzipierte Frau gehört.
Und wenn Eva Luise irgendwann auch mal die Nase voll hat und abdankt, ist eben mit ihr dieser peinliche Anachronismus “First Lady” endgültig ausgestanden.
Luise F. Pusch am 05.06.2010 um 03:19 PM
