07.03.2009

GM Große Mutter

Vorbemerkung: Immer wieder wurde ich in den letzten Tagen und Wochen gefragt, wie es zu Ausdrücken wie “Mutterkonzern” und “Tochtergesellschaft” komme. Meinem Unmut über diese sprachlichen Missbildungen habe ich schon vor Jahrzehnten in einer Glosse Luft gemacht. Sie trug den Titel “Wir leben im Matriarchat” (1983). Für den heutigen Gebrauch habe ich - aus gegebenem Anlass - nur einige Akteure, ach was: Akteurinnen ausgetauscht.

In den Industrienationen hat die Gebärfräudigkeit der Frauen letzthin erschreckend nachgelassen. Während noch bei unseren Groß- und Urgroßmüttern 10-20 Kinder keine Seltenheit waren, ziehen die meisten von uns die Null-Lösung vor. Wo aber nichts hervorgebracht wird, kann auch nichts wachsen. Und vom Wachstum hängt schließlich unser aller Wohlergehen ab.

Da also die Frauen sich so schnöde ihrer Gebärpflicht entziehen, hat die Industrie selbst diese Aufgabe übernommen. Die Industrie ist, anders als unsere wahllos drauflosgebärenden Großmütter, auf Effektivität bedacht. Sie produziert grundsätzlich nichts Unrentables - also keine Söhne, denn die können nunmal nichts aus sich selbst hervorbringen, diese Wachstums-Flops. Die Industrie gebiert nur Töchter, streng parthenogenetisch, denn diese Methode verursacht den geringsten Aufwand. Die Töchter heißen Tochtergesellschaften. Wenn eine Firma oder Gesellschaft oder ein Konzern eine solche Tochter geboren hat, darf sie sich Mutterfirma, Muttergesellschaft oder Mutterkonzern nennen. Bringt die Tochtergesellschaft wieder eine Tochtergesellschaft hervor, wird die Tochtertochter auch wohl Enkelin genannt. Die Firma Saab ist z.B. eine Opel-Tochter und damit Enkelin der Großen Mutter GM, General Motors. Nun mag die GM zwar zahllose Enkelinnen haben, deshalb ist sie aber noch lange keine Oma-Gesellschaft. Bis vor kurzem jedenfalls produzierte sie noch laufend eigene Töchter - Urbild einer vitalen Mutter in den allerbesten Jahren und Umständen. Wir müssen also unterscheiden zwischen altmodischen Müttern, die noch Töchter und Söhne gebären und Gefahr laufen, irgendwann auch mal Oma zu werden, und jenen ewigjungen Müttern, denen die Zukunft gehört, weil sie sich auf das Wesentliche konzentrieren.

Da suchen wir immer nach Spuren des Matriarchats in der grauen Vorzeit - und haben es direkt vor unserer Nase! Ein Matriarchat von geradezu utopischer Kühnheit und Konsequenz! Kein männliches Wesen ward jemals gesehen in diesem vor Gebärlust vibrierenden Mütter-Töchter-Clan. Nicht mal bei Hochzeiten (auch Fusionen genannt) - und was sind das doch für gewaltige Mammutti-Hochzeiten!

Ja die Industrie, diese hocheffiziente Supermutter, ist mindestens so schlau wie eine Krebsgeschwulst. Die bringt nämlich auch nur Tochtergeschwülste hervor, denn nur die garantieren weiteres Wachstum. Von einer Sohngeschwulst ist mir noch nie etwas zu Ohren gekommen.

Luise F. Pusch am 07.03.2009 um 02:37 PM