23.03.2008
Großmama packt aus, Großpapa kann einpacken
Während der letzten beiden Wochen habe ich mir bei der Hausarbeit und vor dem Schlafengehen zwei schöne Bücher vorlesen lassen: Erst Zeitlupe (Slow Man) von J.M. Coetzee (Sprecher: Christian Brückner), danach Großmama packt aus von Irene Dische, gelesen von Hannelore Hoger.
Diese beiden Bücher aus dem Jahre 2005 waren gerade in der Stadtbibliothek vorrätig - daß ich sie fast gleichzeitig kennenlernte, ist also reiner Zufall. Umso erstaunlicher, wie viele Parallelen die Bücher aufweisen. Beide AutorInnen singen - wenn auch in modern unterkühltem Ton - unbeirrt das Hohelied der Frau: Frauen schmeißen den Laden, behalten die Nerven, ohne sie geht alles schief. Kein Wunder, daß die Bücher mir gefielen. So viel entschlossenes Frauenlob sind wir bei “großer Literatur” gar nicht mehr gewöhnt.
Von Großmama packt aus hatte ich schon viel Gutes gehört, Zeitlupe hingegen war mir gänzlich unbekannt. Ich lieh mir das Hörbuch aus, weil mich Coetzees Schande (Disgrace) so tief beeindruckt hatte.
In Zeitlupe nun begegnete ich demselben mürrischen, desillusionierten Ich-Erzähler wie in Schande; er heißt zwar anders, aber eigentlich ist es derselbe Typ: Ein lakonischer älterer Mann von schmerzhafter Ehrlichkeit und Intensität. Humor ist nicht seine Stärke. Er hat ein Problem mit Frauen - er braucht sie, aber er ist auch schwierig und bindungsscheu. Deshalb kauft er sich manchmal Sex oder läßt sich von Frauen sexuell bedienen, an denen ihm eigentlich nichts liegt. Er findet das nicht gut, aber er läßt es sich durchgehen.
Ich mag diesen selbstkritischen, illusionslosen, “zersetzenden” Coetzee-Sound, besonders in Zeiten betäubenden Festtagsrummels wie jetzt um Ostern. Da es in beiden Büchern, Schande wie Zeitlupe, exakt derselbe Sound ist, nehme ich an, daß wir hier den Autor selbst vernehmen.
Auch Großmama erzählt in der Ich-Form, auch sie hat einen bald mürrischen, bald barschen Ton, ist lakonisch und unsentimental (diesen Ton trifft Hannelore Hoger perfekt). Das Grauen, das beiden ProtagonIstinnen zustößt, wird ohne Selbstmitleid abgehandelt. Coetzees Held hat durch einen Unfall ein Bein verloren; Disches Heldin mußte mit ihrer Familie vor den Nazis fliehen und sich in New York mühevoll eine neue Existenz aufbauen. Auch in Coetzees Buch spielt eine Emigrantin eine zentrale Rolle: Die Kroatin Marijana Jokic, Pflegerin des Helden, deren Familie nach der Auflösung Jugoslawiens ihr Glück in Australien sucht.
Beide AutorInnen machen Ausflüge ins Magische; Coetzee gibt seinem Helden ein “übersinnliches” alter Ego namens Elizabeth Costello bei; Disches Großmama bringt noch aus dem Grab heraus ihre Familiengeschichte auf den letzten Stand.
Soweit die Parallelen, nun einige Unterschiede:
Coetzees Held Paul Rayment ist Atheist und voller Selbstkritik und Selbstzweifel, Großmama Elisabeth Rother dagegen ist gläubige Katholikin und herausfordernd selbstgerecht; sie sieht lieber andere kritisch als sich selbst, was viele komische Effekte ergibt. Während Rayment sein Leid stoisch erträgt und die Zähne zusammenbeißt, ist Großmama auf strategische Weise hypochondrisch und kündigt jedes Jahr aufs neue an, dies Jahr werde ihr letztes sein. Sie wird aber über neunzig und plaudert wie gesagt auch noch aus dem Grabe munter weiter. Rayment ist ein dünnlippiger Miesepeter; Großmama dagegen ist voller Saft und Kraft und sinnlichen Genüssen zugetan, die sexuellen ausgenommen. Denen zieht sie entschieden ihre Plätzchen vor.
“Das Unaussprechliche”, wie sie es nennt, wollen die Männer, und frau gibt eher widerwillig nach. Für Rayment ist Sex das zentrale Thema; all seine Gedanken kreisen darum, wie er die viel jüngere und zudem katholische und verheiratete Marijana rumkriegen kann. Das geht selbst einer geduldigen und wohlmeinenden Hörerin bisweilen auf die Nerven, obwohl der Held sich diesmal ausnahmsweise seines hinderlichen Altersvorsprungs schmerzlich bewußt ist.
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Plötzlich nistet sich Elizabeth Costello bei Rayment ein; sie ist ihm lästig, läßt sich aber nicht so leicht vertreiben. Sie scheint allwissend zu sein und drängt den mißmutigen, zögerlichen Rayment zu mehr Entschlossenheit und jugendfrischer Action. Ähnlich drängt auch Großmama ihren jüdischen Ehemann, Nazi-Deutschland frühzeitig zu verlassen, aber er bleibt unbeweglich, bis es fast zu spät ist. Ohne Großmamas Tatkraft und Flexibilität hätte die Familie nicht überlebt, auch nicht in der Emigration. Die Kroatin Marijana, nach der ihr Patient sich verzehrt, spielt für ihre Familie dieselbe Rolle - ohne sie ginge es in der Fremde keinen Schritt weiter.
Elizabeth Costello (vor Slow Man widmete Coetzee ihr schon ein ganzes Buch), ist erkennbar das alter ego des Verfassers, sein “besseres” oder “ideales Selbst”. Daß er sein ideales Selbst als weiblich imaginiert, sagt viel über Coetzees einsame Klasse.
Coetzees Helden können ohne Frauen nicht leben; die Frauen hingegen kommen gut ohne Mann aus. Dieselbe Botschaft schallt uns auch aus dem autobiographischen Familienroman von Irene Dische entgegen: die Männer - hochintelligent, aber oft selbstbezogen, fast autistisch - sind allein kaum lebensfähig. Sie ähneln Rayment, der ohne seinen Plagegeist Elizabeth Costello “nicht aus sich herauskann”. Bei Dische kommt hinzu, daß auch die Frauen nicht ohne Frauen auskommen - deshalb macht ihr Roman auch viel mehr Spaß als Coetzees.
Insofern gute Literatur eine hellsichtige Diagnose ihrer Zeit ist - was lernen wir aus diesen Büchern? Ohne Frauen geht die Welt zugrunde (der Mann, eher ein Klotz am Bein, wird gutmütig, bisweilen sogar zärtlich, mitgeschleift). Das wußten wir zwar schon, aber es tut gut, es nicht nur zu denken, sondern auch mal aus berufenem und öffentlich belobigtem Munde zu hören.
Oder, um es mit der triumphalen Erkenntnis Großmamas zu sagen, mit der sie ihre Familiensaga beschließt: “Wirklich - es geht nichts über eine Tochter.”
Luise F. Pusch am 23.03.2008 um 11:37 AM
