18.04.2010

Herr im Haus ist die Natur

“Das war endlich mal ein strahlend schöner Frühlingstag über fast ganz Deutschland, kaum eine Wolke am Himmel - und doch hat uns die Natur heute gezeigt, wer auf unserem Planeten der Herr im Hause ist - nämlich sie.”

Also sprach Klaus Kleber im heute-Journal am Freitag, 16. April 2010, einen Tag nach dem Ausbruch des Eyjafjallajökull auf Island.

FrauenbildEr kniff dabei das linke Auge zu. Ob er einen Scherz darüber machen wollte, dass Mutter Natur, gar nicht ladylike, mal so richtig furchtbar Gewalt ausübte, wie es eigentlich nur dem Herrn im Hause zukommt? Dabei - furchtbar hat sie eigentlich nicht gehandelt, noch ist niemand gestorben. Da schwebt nur diese Wolke über ganz Europa, mit bloßem Auge nicht erkennbar, und beschert uns wunderbare Stille, sonniges Wetter und bildschöne Sonnenuntergänge (heißt es, ich habe noch keinen gesehen).

Ob die Natur weiblich ist, wissen wir nicht. Aber der Kleber-Ausspruch macht uns wieder deutlich, dass uns weibliche Bilder und Vergleiche für absolute Macht fehlen.

In meinen Seminaren versuche ich diesem Mangel abzuhelfen und übe bspw. mit den Teilnehmerinnen, neue Bilder und Begriffe für die Vagina und die Vulva zu finden. Zur Einstimmung lesen wir aus Eve Enslers starken Vagina-Monologen vor. Trotzdem kommen die Frauen immer wieder mit ihren sanften Blumenbildern à la Rose, Blüte, Knospe, etc.

Wenn ich dann vorschlage, statt Vulva / Vagina doch lieber Vulkan (aber bitte die Vulkan) zu sagen, ist frau erstaunt, ja fast erschreckt. Die Verbindung von Weiblichkeit mit Vulkanausbrüchen ist uns fremd.

Aber schließlich kommen doch aus diesem Schlund nicht nur gewaltige Lavaströme, sondern kommt überhaupt Gewaltiges hervor. Courbet sah in der Vulva zu Recht den “Ursprung der Welt”, wie er sein Gemälde nannte. Sogar der “Herr der Schöpfung” flutscht daraus hervor.

Frauenbild
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Ich schließe meine Betrachtung über Naturgewalten mit einem weiteren Beispiel für krude Vermännlichung weiblicher Größe und Übermacht. “Mount Everest eine Frau” - so betitelte ein befreundeter Psychotherapeut und Feminist seine Email an mich:

Mehr durch Zufall und weil ich mich für die Geschichte der Alpinistik ein wenig interessiere, stöberte ich im Netz über den höchsten Berg der Welt, den Mount Everest (8842m). Ich wollte wissen, wie er zu seinem heutigen Namen kam usw.
Überall auf der Welt haben die verschiedenen Kulturen auf den Bergen um sie herum den Sitz ihrer Götter ( ! ) vermutet, sie gleichsam dort oben hingesetzt, damit sie auf die Erdenbewohner besser aufpassen sollten und auch, um von da oben den Kontakt zwischen Erde und Himmel herzustellen, zu pflegen etc. Wir könnten nun, um das gute alte männerschematische Denkmuster wissend, annehmen, dass die höchsten Berge der Welt so zum Sitz und Zuhause der mächtigsten und großartigsten Göttern geworden seien. Aber gefehlt !

Zu meiner Überraschung nämlich teilen nach alter tibetanischer Überzeugung fünf Frauen diese höchsten Gipfel als Paläste unter sich auf, die “Feen des langen Lebens”. Der ursprüngliche Name des Mt. Everest z.B. ist in tibetischer Sprache “Chomo Lungma”, was so viel wie “Mutter des Universums” bedeutet oder einen ähnlich gewichtigen Sinn hat. Das könnte Dich doch sicher freuen, hab ich mir gedacht.

Der Geodät Sir George Everest hatte um die Mitte des 19. Jh. für die englische Krone Landvermessung in der indischen Kolonie betrieben und 1848 auch diesen Berg vermessen. Nach seinem Tod benannten die neuen Landesherren ( ! ) den bisherigen Sitz einer Göttin im Jahre 1865 schlicht nach diesem sicher ehrenwerten Mann.
All das ist nachzulesen in Wikipedia unter “Everest”, und über die Gipfelfeen in http://www.emmet.de, heilige Berge.

Danke, Wolfgang - und Dank auch an Susanne Bauer für den Hinweis auf den Kleber-Spruch.

Luise F. Pusch am 18.04.2010 um 06:00 PM