17.07.2010
Hexenmeister und Entenmeister
Aus Wir machen uns unsere Sprache selber: Ein Feminar. Achtundvierzigste Lektion.
Wenn Sie schon immer mal Diplomhexe oder Hexenmeister werden wollten, gibt es jetzt eine angenehme Ausbildungsstätte für Sie, entweder vor Ort in der Nähe von Klagenfurt oder hier online. Andreas Starchels Hexenschule macht’s möglich. Mit der bis zu sieben Jahre währenden anspruchsvollen Ausbildung können Sie in Österreich beruflich nicht viel anfangen, aber in Deutschland könnte es eine passende Zusatzqualifikation für HeilpraktikerInnen sein.
Ich sah letzte Woche auf BR-Alpha einen Film von Martin Betz (2007) über die Hexenschule; er hat mir gut gefallen. Der Leiter ist aufgeklärt und sympathisch und möchte altes Wissen, das er sich aus vielen alten Quellen angeeignet hat, auf der Grundlage modernen psychologischen und naturwissenschaftlichen Wissens aufbereiten und zugänglich machen. “Rituale”, so lehrt er seine Hexenschülerinnen und -schüler beispielsweise, “sind psychologische Tricks, mit denen man, durch den größeren Aufwand, bestimmte Vorstellungen besser ins Unterbewusstsein pflanzen kann.” Recht hat er; die katholische Kirche hat das besonders gut begriffen und ist auf diesem Gebiet seit Jahrhunderten erfolgreich tätig.
Und der Hexenbesen? Der wurde weniger zum Reiten benutzt, erläutert er, sondern zum Reinigen der Ritualplätze. Und wir sehen ihn, wie er mit dem Reisigbesen sorgfältig die Wiese fegt. Der Chatroom auf der Webseite der Hexenschule heißt sinnigerweise “Besenkammer”.
Also alles in allem eine nette und lehrreiche Sache, wenn Sie dafür Zeit und Geld haben.
Wie meine geneigten LeserInnen bereits vermuten werden, interessiert mich an der Hexenschule vor allem der sprachliche Aspekt. Immerhin ist “Hexe” neben “Witwe”, “Braut” und “Geschwister” eins der ganz wenigen (genau gesagt: fünf) deutschen Wörter, bei denen das Femininum den Ursprung und Oberbegriff bildet. Wir haben neben der “Hexe” den “Hexer”, neben der “Witwe” den “Witwer”, neben der “Braut” den “Bräutigam”, und die “Geschwister” stehen für Schwestern und Brüder. Und dann gibt es noch das “Gestüt”, das auch für Hengste da ist.
In der TV-Sendung über die Hexenschule bekamen wir nur einen Schüler zu sehen und drei Schülerinnen. Die Schülerinnen sagten, sie wollten Hexe werden, der Schüler wollte dagegen Hexenmeister werden. Nicht Hexer oder Hexerich.
Das Grimmsche Wörterbuch klärte mich dann weiter auf: Eine männliche Hexe wird “Hexer” oder “Hexenmeister” genannt. So steht’s auch bei Wikipedia.
Stellen Sie sich vor, wir würden den Enterich Entenmeister nennen, den Täuberich Taubenmeister, den Mäuserich Mäusemeister, und so weiter bis zum Gänsemeister und Krötenmeister.
Für männliche Kröten und Mäuse scheint eine derartige Sprachkosmetik überflüssig, aber die männliche Hexe findet das wohl standesgemäßer als “Hexer”, die schlichte Ableitung aus dem femininen Grundwort. Der umgekehrte Fall ist eine Degradierung, die Frauen mit jeder -in-Ableitung gewohnheitsmäßig zugemutet wird.
Vermutlich verdankt sich auch der “Wachtmeister” dem Veredelungsdrang. “Die Wache”, “die Schildwache” - alles zu feminin für einen gestandenen Mann. Aber wie schon Mary Daly uns riet: Nehmen wir doch dieses männliche Imponiergehabe als Anregung zum egozentrischen bzw. frauenzentrierten Denken:
Eine Frau und ein Mann besuchen eine Kochschule. Er wird Koch, sie wird Kochsachverständige (Kochmeisterin ist nicht so geeignet, weil von -meister abgeleitet).
Er und sie studieren an der Musikhochschule. Er wird Musiker, sie wird Musikgelehrte.
Und unsere Politiker? Sind eben Politiker, die Frauen dagegen Politikprofis, was Kraft und Löhrmann - sicher zum Bedauern unserer Ober-Politprofi Merkel - gerade sinnfällig vorgeführt haben.
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Zum Weiterlesen empfiehlt FemBio:
Joey Horsley. “Weise Frauen, Hebammen und die europäische Hexenverfolgung.” In Tönnies-Forum 3/92 1. Jg. (1992): 26-42 (PDF-Datei)
(aktualisierte, aber auf Vortragslänge gekürzte deutsche Fassung von “On the Trail of the ‘Witches’” siehe unten.)
Ritta Jo Horsley and Richard A. Horsley. “On the Trail of the ‘Witches’: Wise Women, Midwives and the European Witch Craze.” Women in German Yearbook 3. Marianne Burkhard and Edith Waldstein, eds. University Press of America, 1986. 1-28.
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Luise F. Pusch am 17.07.2010 um 08:49 PM


