20.01.2010
Hoch die internationale Solidarität
Vorbemerkung der FemBio-Redaktion:
Am 8. Dezember hat FemBio einen Kommentar von Helke Sander zur Minarettabstimmung veröffentlicht. Es gab etliche Zuschriften, u.a. von Ursula Müller, auf die Helke Sander, ebenfalls auf FemBio, eingegangen ist. Am 3.1.10 veröffentlichte Ursula Müller in der TAZ auf der Meinungsseite ihren Artikel über die Pseudofeministinnen. Am 4.1. schrieb Helke Sander einen Leserinbrief dazu und wurde einige Tage später von der taz gebeten, ihrerseits einen Kommentar zu schreiben. Der folgende Text wurde von der taz nicht akzeptiert, Helke Sander wurde zu Änderungen aufgefordert, zu denen sie wegen anderer Arbeiten nicht gekommen ist.
Die FemBio-Redaktion hält den Text aber für wichtig, darum veröffentlichen wir ihn hier.
Hoch die internationale Solidarität
von Helke Sander
Als Frauen vor vierzig Jahren anfingen, unabgesprochen aber massenhaft die neue Pille zu schlucken, drückte jede von ihnen damit ganz individuell aus, dass ihnen fremde Rollenzuweisungen nicht mehr passten. Die Folgen dieses Verhaltens waren vielfältige…
Ich ging in meinem zunächst in auf FemBio veröffentlichten Kommentar möglichen Gründen für das Gerücht nach, dass so viele Frauen gegen das Minarettverbot gestimmt haben. Ich habe vermutet, dass dieses Abstimmungsverhalten eher wenig mit einem Widerwillen gegen Minarette zu tun haben dürfte und auch nicht von fremdenfeindlicher Gesinnung zeugte, sondern dass die Abstimmung dazu benutzt worden sein könnte, ein allgemeines Unbehagen daran zu äußern, dass der Begriff Religionsfreiheit immer mehr ausgeweitet wird und zunehmend kollidiert mit Gleichberechtigung und Menschenrechten. Dieses Unbehagen teile ich auch und dazu habe ich einige Beispiele gebracht, wie z.B. meine Erschütterung darüber, in Berlin eine in eine Burka gehüllte Frau hinter ihrem Mann die U-Bahn-Treppe herunter stolpern zu sehen. Dabei stellt sich mir die Frage, ob das hier sein darf, ob es auch mit Zustimmung der Burka-Frau hier sein darf, ob ich da einschreiten sollte/ dürfte und wenn, wie. Das ist eine kompliziertere und widersprüchlichere Entscheidung, als dazwischen zu gehen, wenn ein rechter Schläger auf einen Ausländer losgeht oder wenn ein besoffener Penner auf dem Bahnhofsvorplatz von Bremen auf eine ebenso besoffene Pennerin einprügelt und mich anschreit, als ich sie trenne: „Das ist meine Frau! Das ist meine Frau!“ Ich habe also meine eigenen Schwierigkeiten und meine eigene Besorgnis angesichts solcher Begebenheiten erzählt und keineswegs beabsichtigt, irgendwen gegen ihren Willen eurozentrisch zu agitieren, wie mir unterstellt wird. Ich habe ebenfalls darauf verwiesen, wie lange es gedauert hat, ein einigermaßen ziviles Verhalten der Kirchen gegenüber Frauen durchzusetzen. Im Namen der Religionsfreiheit und damit aus scheinbar höherer Motivation kommt heute die gesetzlich mögliche Selbständigkeit von in Deutschland lebenden Frauen nicht zum Zuge, weil die patriarchalen Familienverhältnisse von Migrantenfamilien zur Privatsache erklärt werden, womit viele tausend Mädchen und Frauen in der Falle sitzen.
Mein Anliegen war, dass diese Seite endlich mal grundlegend und in all ihren Schwierigkeiten diskutiert wird und gleichzeitig Möglichkeiten geschaffen werden, die es den Frauen, die aus den strengen patriarchalen Verhältnissen ausbrechen wollen, erlauben, dies ohne Lebensgefahr zu tun.
Nun wurde ich von U.Müller darüber belehrt, dass „Pseudofeministinnen“ wie ich ignorieren, „dass es auch Kopftuchträgerinnen gibt, die für mehr Frauenrechte kämpfen und ihre Forderungen nach Gleichberechtigung teils aus dem Koran ableiten“. Nun, das mag sein. Auch christliche und jüdische Theologinnen versuchen aus der Bibel und dem Talmud Honig zu saugen und die frauenfeindlichen Sprüche dort ins Gegenteil zu interpretieren. Nur interessieren sich die in den jeweiligen Religionen das Wort führenden Männer herzlich wenig für diese doch recht marginalen Gruppen. Da tut Dieter Bohlen mehr für die Gleichberechtigung, wenn er junge Deutsche, Türken, Italiener usw. auf seine unnachahmlich brutale Art gleichermaßen zur Schnecke macht, sich aber ebenso freut, wenn jemand was Gutes bringt.
Ich habe die Kopftuchträgerinnen in meinem Kommentar nicht erwähnt, aber U.M erwähnt sie und unterstellt mir, mit dem Kopftuchverbot über die armen Frauen bestimmen zu wollen.
Das Kopftuch selbst macht mir keine Schwierigkeiten. Ich finde es sogar bei den meisten sehr hübsch. Es gibt dem Gesicht einen dramatischen Rahmen, und ich hätte keine Probleme mit den muslimischen Kopftüchern wie ich auch keins mit den afrikanischen pathetischen Tuch-Aufbauten habe, wenn ich sicher sein könnte, dass die Frauen und Mädchen sie freiwillig tragen und wenn ich sicher sein könnte, dass sie wissen, was das Nicht-Tragen für viele andere bedeutet hat. Vermutlich wissen sie nicht, dass 1979 Tausende Frauen im Iran gegen den Kopftuchzwang demonstriert haben, viele von ihnen hingerichtet wurden, weil sie sich weigerten, sich zu verschleiern und viele Frauen nach Deutschland flüchteten, um Gefängnis und Tod zu entgehen. Allein im Frühling und im Sommer 2007 wurden 35.000 Frauen wegen des Verstoßes gegen die islamischen Kleidervorschriften verhaftet (http://at.stopthebomb.net/de/facts_iran.php).
Ungebildetheit und familiäre Zwänge schützen viele Frauen und Mädchen aus Anatolien davor, sich über die Bedeutung des Kopftuchs selber Gedanken zu machen. Und darum ist die behauptete Freiwilligkeit oft nichts anderes als das pure Unwissen. Wenn Jugendliche in der Pubertät häufig fromm werden, ist es immerhin in anderen Religionen möglich, sich irgendwann wieder anders zu entscheiden, Zweifel zuzulassen, die Religion zu verlassen oder eine andere anzunehmen. Diese Freiheiten haben die Jugendlichen im Islam kaum. Sie sind in ein strenges und vielfältiges ideologisches Korsett gezwungen und diejenigen, die daraus ausbrechen wollen, werden bestraft. Darum gibt es auch in Deutschland alle möglichen Schutzprogramme für junge Frauen, die um ihr Leben fürchten müssen, weil sie Angebote der „neuen Welt“ ausprobieren.
In meinem Kommentar habe ich mich außerdem darüber gewundert, woher der plötzliche Einbruch von Frömmigkeit bei vielen hauptsächlich türkischen Migranten denn kommt, wer ihn fördert, steuert und evtl. bezahlt. Die alevitische Gemeinde Deutschlands immerhin hat eine differenzierte Presseerklärung zu diesen Problemen herausgegeben, die konstruktive weitere Überlegungen möglich macht und nicht wie andere mit Unterstellungen arbeitet.
© Helke Sander
Nachtrag der Redaktion am 24.1.10:
Gestern erschien in der taz noch ein sehr guter Artikel von Claudia Pinl zum Thema, Titel “Der ewig reizbare Mann”.
Luise F. Pusch am 20.01.2010 um 09:53 PM
