08.05.2011
Inspektion der Herrenkultur. Teil 1: Dresden
Am vergangenen Wochenende trafen sich sechs Feministinnen in Dresden. Drei von uns langjährigen Freundinnen, die Ende der achtziger Jahre noch alle in Hannover wohnten und von dort etliche feministische Projekte gestartet hatten, u.a. den Kalender Berühmte Frauen (1987ff) und die Trilogie Wahnsinnsfrauen (1992-99), waren im vergangenen Jahr 70 geworden, und das wollten wir gebührend feiern. Wir residierten fürstinnenlich im nach der Wende wieder aufgebauten Taschenberg-Palais und gingen zweimal in die Semper-Oper: zunächst in Verdis Otello (nach Shakespeare); auch das Libretto ist von einem Mann (Boito). Der Inhalt ist für jede Feministin eine Zumutung (aber welche Oper wäre das nicht?): Ein Mann glaubt lieber einem tückischen Untergebenen als seiner eigenen Frau und ermordet sie schließlich im Eifersuchtswahn.
Am 1. Mai besuchten wir die Konzertmatinee in der Semperoper. Christoph Eschenbach leitete die Sächsische Staatskapelle. Es wurden Stücke von drei Männern gespielt, Schumann, Staud und Brahms. Der Solist in Schumanns Cellokonzert war Leonard Elschenbroich.
Das männerlastige kulturelle Angebot der Stadt verdross uns zwar, aber wir nahmen es gutwillig hin, da alle ihre Sache hervorragend machten und wir in Feierlaune waren. Aber das feministische Herz darbte, obwohl in der Sächsischen Staatskapelle erfräulich viele Frauen mitspielen dürfen.
War nun vielleicht die weltberühmte Frauenkirche ein Ausgleich? Nicht wirklich: anders als in einem Frauenkloster trieben sich dort auch reichlich Männer herum.
Vor dem Rathaus, immerhin ein exponierter Platz, steht ein Denkmal für die Trümmerfrau. Dafür steht oben auf dem Rathausdach, der Trümmerfrau sozusagen haushoch überlegen, der Rathausmann in Gold; die Hand hat er wie zum Hitlergruß erhoben. Was er da soll, konnte uns der Mann von der Stadtrundfahrt nicht erklären.
Ebenfalls weltberühmt ist Dresdens „Gläserner Mensch“, von dem ich im Vorfeld immer wieder gelesen hatte - unbedingt müsste man sich den ansehen. Der Mann von der Stadtrundfahrt verkündete uns im Vorbeifahren: „Im Hygienemuseum befindet sich die berühmte Gläserne Frau - wohl die einzige Frau, die man völlig durchschauen kann.“ Das Publikum lachte höflich. Ich war völlig platt - dass dieser „Gläserne Mensch“ eine Frau war, hörte ich da zum ersten Mal. Der Stadtrundfahrtsmann hatte es auch wohl nur verraten, um seinen durchschaubaren „Witz“ anzubringen.
Dresden steht natürlich ganz im Zeichen Augusts des Starken, frau begegnet ihm auf Schritt und Tritt. Die Stadt, das Schloss, der Zwinger und zahlreiche andere Gebäude und Schlösser in der Umgebung sind voll von den Schätzen, die er ansammelte oder in Auftrag gab. Wir nahmen an einer Führung durch das Schloss teil und erfuhren dabei allerlei über die Mätressenwirtschaft Augusts, über hochhackige Schuhe (eine Erfindung der Männer, um ihre Waden kräftiger erscheinen zu lassen), breite Reifröcke (praktisch, um die Notdurft in den Schlossecken unter sich zu lassen, denn Toiletten gab es nicht. Die hätten wir in der Semperoper gebraucht, denn dort gab es auch (fast) keine Toiletten). Vor allem aber zeigte sich unser Museumsführer angetan von Augusts Hofjuwelier Johann Melchior Dinglinger, der für teures Geld einzigartige Kunstwerke geschaffen habe. Tatsächlich beeindruckten sie uns sehr. Was ich während der launigen Führung nicht erfuhr, wurde ein paar Tage später in einer nächtlichen MDR-TV-Sendung über Dinglinger en passant nachgeliefert: Der Mann zeugte (mindestens) 26 Kinder, viele von ihnen starben schon im Kindesalter. Damit überrundet er sogar seinen Zeitgenossen Johann Sebastian Bach, der es auf 20 Kinder brachte, von denen 11 früh verstarben. 1728 heiratete Dinglinger zum fünften Mal, alle vier Ehefrauen davor waren im Kindbett gestorben - der geniale Juwelier hatte neben seiner „besessenen Arbeit“ noch die Zeit gefunden, sie allesamt zu Tode zu schwängern. Wie es der fünften erging, verriet der Film nicht.
Das Taschenbergpalais wurde laut Wikipedia ursprünglich als Liebesgabe von August dem Starken für seine Mätresse Constantia von Cosel erbaut. Von dieser Mätresse, die 1713 in Ungnade fiel und verbannt wurde, wusste ich vor der Anreise nicht viel, und vor Ort hörte ich auch nichts über sie. Wieder in Hannover, holte ich Gabriele Hoffmanns Constantia von Cosel und August der Starke von 1984 aus dem Regal und erfuhr erst jetzt ihre haarsträubende Geschichte:
Neun Jahre umgab der König die Mätresse mit Pracht und Glanz, und sie war die mächtigste Frau in Sachsen. Dann stürzte sie, und er sperrte sie in eine Festung ein. Neunundvierzig Jahre lang lebte sie als Gefangene, von sechsundvierzig Soldaten bewacht, die Hälfte dieser Zeit in strenger Isolationshaft. Es gab keine Anklage, keinen Prozess, kein Urteil. […] Dreißig Jahre nach seinem Tod saß sie noch immer im Turm der Festung.
Ziemlich genau zweihundert Jahre zuvor war Johanna die Wahnsinnige etwa genau so lange eingesperrt worden. Peter der Große, Zeitgenosse des starken August, hatte sich auf dieselbe Weise seiner älteren Schwester Sofia Alexejewna entledigt und sie bis zu ihrem Tod eingesperrt. Der Prinzessin von Ahlden ging es ähnlich, nachdem sie es gewagt hatte, ihren Gatten durch einen Liebhaber zu kompromittieren. Von Fürsten wurde geradezu erwartet, dass sie sich Mätressen hielten. Tröstete sich die Fürstin mit einem Geliebten, kam sie auf Lebenszeit in den Turm.
Und was hatte die Cosel verbrochen? Das muss ich erst noch genauer erforschen. Wikipedia meint: „Die Vorhersage des politischen Scheiterns des sächsischen Kurfürsten durch Anna Constantia kränkte diesen Mann in seiner Ehre, erst recht, als ihre Warnungen sich bewahrheiteten.“
Gar nicht schön, was wir da über den starken August und seinen Hofjuwelier hören müssen. Selber schuld, wenn wir fragen: „Und was war mit den Frauen? Was haben wir Frauen von dem ganzen Zirkus?“ Ohne diese penetrante Frage wäre uns Dresden so heiter, strahlend und glanzvoll erschienen, wie es das Städtemarketing uns einreden will.
Trotzdem wollen wir uns nächstes Jahr wieder in Dresden treffen. Wir werden dann auf den Spuren der Cosel sowie Heinrich Schützens und seiner Ehefrau wandeln und die gläserne Frau durchschauen gehen. Über sie gibt es Erstaunliches zu lesen:
Ein Besuch im Deutschen Hygiene-Museum in Dresden bedeutet vor allem eines: Spiel, Spaß und Spannung für Jung und Alt. Die gläserne Frau ist die wichtigste Bewohnerin dieser Ausstellung, denn diese zeigt uns, wie unser Körper innen aufgebaut ist.
Schön wär’s ja, wenn der menschliche Körper innen so aufgebaut wäre wie der einer Frau. Mutter Natur hätte sich eine andere Fortpflanzungsmethode ausgedacht. Frauen wären nicht im Kindbett gestorben. Johanna Dinglinger hätte nicht eine einzige Frau zu Tode gebracht. Auguste die Starke und Constantia von Cosel wären das Traumpaar ihres Jahrhunderts gewesen.
Die Reihe wird fortgesetzt.
Zum Thema Gräfin Cosel empfehlen Freundinnen auch:
Viola Roggenkamp. Die Frau im Turm. S. Fischer. 2009
Luise F. Pusch am 08.05.2011 um 04:29 PM
