07.02.2009

Islands Regierungschefin - unbeschreiblich lesbisch

Während und nach der Amtseinführung des amerikanischen Präsidenten waren die Medien erfüllt von der historischen Bedeutung der Stunde. Sie zeigten weinende Schwarze auf der Mall, und immer wieder wurde ein Satz zitiert, in vielen Variationen: “Ich hätte nie gedacht, dass ich das noch erleben würde. Nicht zu meinen Lebzeiten!” Auch hieß es: “Erst jetzt fühle ich mich wirklich als Amerikanerin (Amerikaner), fühle, dass dies Land auch mein Land ist.”

FrauenbildImmer wenn ich dies hörte, war ich bewegt und freute mich mit über den längst fälligen Fortschritt. Gleichzeitig war ich mächtig sauer. Niemandem fiel es ein, die offenkundige Parallele zu sehen und zu thematisieren: US-amerikanische Frauen (die Mehrheit der Bevölkerung!), ob schwarz, braun, weiß oder gelb, haben bis heute keine der Ihren in diesem Amt gesehen, und entsprechend müssen sie sich fühlen - so, als ob dies nicht ihr Land ist und als ob sie nicht dazugehören. Dies Gefühl bleibt allerdings unklar, weil die Medien ihm wie gesagt keinen Ausdruck erlauben. Und wir fühlen eben oft nur das, was in der Öffentlichkeit zugelassen ist und diskutiert wird.

Kurze Zeit nach der Premiere “Erster Schwarzer wird US-Präsident” gab es die nächste Weltpremiere: “Erste Lesbe wird Regierungschefin”. Aber solche und ähnliche Schlagzeilen über Johanna Sigurdardottir, die neue Ministerpräsidentin Islands, sahen wir in Deutschland nur in der lesbischwulen Presse, z.B. bei queer.de.
Über eine derartig unfeine Behandlung der neuen isländischen Ministerpräsidentin ließ die Welt-online folgendes verlauten:

Liebe Leser (sic!),
wir haben uns nach Ihren zahlreichen Hinweisen dafür entschieden, die Überschrift zu ändern. Sie lautete zuvor “Weltpremiere - Lesbe wird Regierungschefin in Island.” In der Tat geht es in diesem Text nicht um die sexuelle Orientierung von Frau Sigurdardottir. Daher sollte sich auch die Überschrift nicht darauf beziehen.
Vielen Dank für Ihre Anregungen.

Offenbar fanden die “lieben Leser” die Bezeichnung einer Ministerpräsidentin als “Lesbe” etwa so ungehörig, wie wenn man den geliebten Obama “Nigger” genannt hätte. Von diesem Dilemma sichtlich überfordert, führte die deutschsprachige Presse einen sprachlichen Eiertanz auf. Die Weltpremiere brachten sie nicht etwa in der Schlagzeile wie die englischsprachige Presse durchweg, sondern sie versteckten sie (meist) im dritten Absatz, etwa so wie der Spiegel am 1.2.:

Sigurdardottir erste Regierungschefin Islands
(Folgen 3 Absätze, und dann):
Die neue Regierungschefin … ist seit 2002 mit der 54-jährigen Autorin Jonina Ledsdottir verheiratet.

Typisch für die Berührungsängste der deutschen Medien ist der Text der Tagesschau. Der Makel wird umschrieben und in einem Nebensatz versteckt:

Die 66-Jährige, die seit 2002 mit einer Frau verheiratet ist, hat aus einer früheren Ehe zwei Söhne und ist sechsfache Großmutter.

Dito die NZZ:

Die 66-Jährige ist seit 2002 mit einer Frau verheiratet. Sie ist wohl weltweit die erste offen in einer homosexuellen Ehe lebende Chefin einer Regierung. Sie hat aus einer früheren Ehe zwei Söhne und ist sechsfache Grossmutter.

Die Tatsache, dass Sigurdardottir zwei Söhne hat und sechsfache Großmutter ist, finden die führenden englischsprachigen Medien nicht so wichtig, dafür titeln sie aber alle mit dem Wort gay:

Johanna Sigurdardottir, world’s first openly gay leader, to take power in Iceland (timesonline, 29.1.)

World gets its first gay leader (The Independent, UK, 29.1.)

Johanna Sigurdardottir - Veteran MP set to become the first female leader of Iceland, and first openly gay prime minister in the world (The Guardian, UK, 30.1.)

Iceland’s PM marks gay milestone (BBC, 1.2.)

Iceland Picks the World’s First Openly Gay PM (time, 30.1.)

First gay premier takes helm in Iceland (CNN, 1.2.)

Wie kommt es, dass die Deutschen sich mit der frohen Botschaft so schwertun und dafür nicht den richtigen Ort (Schlagzeile) und nicht die passenden Worte finden?

Nun, einmal haben wir da unsere Nazivergangenheit, die nachwirkt und uns ja auch in Sachen Frauenemanzipation bis heute weit hinter anderen Staaten zurückhinken lässt.

Zweitens ist gay ein selbstgewähltes, “fröhliches” und obendrein geschlechtsneutrales Wort mit positiven Assoziationen, das Männern und Frauen gleich gut steht. Hingegen haben schwul, homosexuell, Lesbe und lesbisch für viele Deutsche einen äußerst negativen Beigeschmack. Auch die “Betroffenen” selbst brauchen sehr viel sprachpolitische Unterstützung und Therapie, bis sie diese einstigen Schimpfwörter stolz als Selbstbezeichnungen akzeptieren und tragen können.

Fortschrittlichen Organen wie queer.de bleibt gar keine andere Wahl als mit “Lesbe” zu titeln. Würden sie Sigurdardottirs Lesbischsein im dritten Absatz verstecken, schamhaft mit “ist mit einer Frau verheiratet” umschreiben und mit der Hervorhebung der zwei Söhne und sechs Enkel quasi entschuldigen wollen - dann widersprächen sie ja ihrer eigenen Botschaft, dass nämlich Lesbischsein kein Makel ist.

Die konservative Presse aber findet durchaus, dass Lesbischsein ein Makel ist, der sich mit dem höchsten Regierungsamt nicht gut verträgt, allerdings durch die vorherige Produktion von zwei Söhnen verzeihlicher wird. Auch weiß sie natürlich, dass es politisch nicht korrekt und neuerdings sogar außenpolitisch unangebracht ist, so rückständige Meinungen zu pflegen. Von dieser Seite hören wir daher üblicherweise das Argument, das wir auch im Falle Sigurdardottir dauernd vernehmen - dass es doch nun wirklich überhaupt nicht darauf ankomme, was die Politikerin zu Hause, im Privatleben, im Bett so treibe.

Und ob es darauf ankommt. Vergessen wir nicht, dass Islands Wirtschaft vollständig zusammengebrochen ist. Wenn ein Karren aus dem Dreck zu ziehen ist, darf auch mal eine Frau (Merkel), ein Schwarzer (Obama) oder sogar eine Lesbe (Sigurdardottir) an die Regierung. Wenn sie dann ihre Sache gut machen, werden die nächsten Frauen, Schwarzen, Schwulen, Lesben es leichter haben, gewiss.*

Aber bis dahin ist es schon empfehlenswert, die richtige Hautfarbe, das richtige Geschlecht und die richtige sexuelle Orientierung zu haben.

 

•••••••••••••••••••••••
*Lesben sind Frauen, und die Hälfte der Schwarzen sind Frauen, und unter diesen sind viele Lesben. Meine Ausdrucksweise ist also missverständlich. Ich habe diese Gruppen hier nur der Einfachheit halber jeweils nach ihrem spezifischen “Makel” zusammengefaßt und benannt.

Zum Weiterlesen:
Ich habe mich mit dem Thema “Sprache und Homophobie” schon öfter befaßt. Hier eine Auswahl meiner Texte dazu:

Glosse “O du fröhliche, o du lesbische”

“Ein Streit um Worte? Eine Lesbe macht Skandal im Deutschen Bundestag”, in: Pusch, Luise F. 1999. Die Frau ist nicht der Rede wert: Aufsätze, Reden und Glossen. Frankfurt/M. Suhrkamp TB 2921. S. 37-67.

“‘Eine gewisse Wehmut’: Homophobie und Sexismus im neuen Litearaturbrockhaus”, in: Pusch, Luise F. 1999. Die Frau ist nicht der Rede wert: Aufsätze, Reden und Glossen. Frankfurt/M. Suhrkamp TB 2921. S. 68-86

 

Luise F. Pusch am 07.02.2009 um 11:04 PM