10.01.2009
Ist Michelle Obama ein Mann?
Anfang der Woche bekam ich zwei empörte Zuschriften zum Spiegel-Titel dieser Woche. Zuerst schrieb meine Freundin Evelyn Thriene:
Hast Du das Titelblatt des neuen Spiegel schon gesehen?
Da ist Obama mit seiner Frau Michelle drauf zu sehen, als Paar, und darüber prangen die Lettern: “Obamas bester Mann”.
Offenbar soll der “beste Mann” Michelle sein, das legt jedenfalls das Titelblatt nahe. Und das im Jahr 2009!
Einen Tag später schrieb meine Schwester, Mechthild Winkler-Jordan:
Der neueste Spiegeltitel: Ehepaar Obama, mit der Titelzeile:“Obamas bester Mann”. Da kam mir doch glatt und immer noch die Galle hoch.
Eine Schlagzeile soll Aufmerksamkeit erregen. Dafür nimmt der Spiegel offenbar immer noch gern in Kauf, daß den Leserinnen, und vielleicht auch sensibleren Lesern “die Galle hochkommt”.
Manche werden sich fragen: Worüber regen die sich denn auf? Der Spiegel sagt damit doch etwas sehr Nettes über Michelle Obama. Sie ist sein bester Mann, also besser als alle Männer in seinem Kabinett/Team und sogar besser als sein Vize Joe Biden. Aber nicht besser als Hillary und die anderen Frauen in seinem Kabinett/Team. Ist doch richtig frauenfreundlich vom Spiegel!
Uns Frauen wird “männliche Qualität” bescheinigt, wenn wir etwas besonders gut machen - paradoxerweise besonders gern dann, wenn wir etwas besser als die zuständigen Männer machen. Beliebt ist die Floskel vom “einzigen Mann im Kabinett” - dieses fragwürdige Kompliment mußte sich zuletzt Condoleezza Rice gefallen lassen, vor ihr schon Thatcher, Indira Gandhi, Golda Meir und viele andere. Und der Spiegel serviert uns dieses “Kompliment” noch heute, nachdem Männer Wirtschaft und Finanzen gerade weltweit komplett in den Sand gesetzt haben!
Stellen Sie sich einmal vor, Hillary hätte den Wahlkampf gewonnen und würde US-Präsidentin. Wäre ein Spiegeltitel mit dem Paar Hillary und Bill Clinton denkbar, betitelt ”Hillarys beste Frau”? Niemals.
Und warum nicht? Weil in unserer Kultur das Weibliche zweitrangig ist und als zweitrangig gilt. Wird einer Frau Männlichkeit bescheinigt, soll sie stolz sein, sie ist (fast) in die erste Liga aufgestiegen. Wird einem Mann Weiblichkeit bescheinigt, ist er nicht nur in die zweite Liga abgestiegen. Er hat sich vielmehr unmöglich gemacht.
Die pauschale Abwertung der Frau ist also der semantische Rahmen, den wir abrufen müssen, wenn wir die Titelschlagzeile des Spiegels, “Obamas bester Mann”, auch nur verstehen wollen.
Das Pendant “Hillarys beste Frau” bleibt in unserer Kultur unverständlich; es gibt dafür keinen semantischen Rahmen, den wir zur Interpretation heranziehen könnten.
Was hätte der Spiegel als Titel wählen können - ohne die Frauen in ihrer Gesamtheit zu beleidigen?
Obamas rechte Hand
Obamas Trumpfkarte
Obamas Geheimwaffe
Ist Obamas Geheimwaffe schon problematisch, wäre “Obamas Wunderwaffe” unmöglich wegen des Bezugs auf “Hitlers Wunderwaffe”.
Unakzeptabel wäre auch jegliche Anspielung auf die Hautfarbe (“Obamas braune/schwarze Eminenz”) oder gar die Sklaverei (“Obamas Mastermind”).
Hätte sich der Spiegel derartiges erlaubt, wäre ein Aufschrei durchs Land gegangen. Nicht aber bei “Obamas bester Mann”. Das ist nur Sexismus, und darüber regen sich nur ein paar Feministinnen auf. Den andern fällt es gar nicht auf, da die pauschale Abwertung der Frau die Grundlage unserer Kultur ist. Und noch anderen gefällt es, z.B. den Spiegelmännern, die sich den Titel ausgedacht haben.
Aber Obama und seine rechte Hand und Hillary und die demokratische Partei - alle haben ja “Change” auf ihre Fahnen geschrieben. Noch vor dem Amtsantritt Obamas war davon nachhaltig etwas zu spüren: Dem Sexismus in der Sprache des Kongresses wurde einfach der Garaus gemacht: “Chairman” wird zu “chair”, statt “he”, “him” und “his” sind geschlechtsneutrale Formen zu verwenden. Nachzulesen hier.
Vielleicht greift dieser Wandel irgendwann auch mal auf den Spiegel über.
Bis dahin gilt für mich weiter: Den Spiegel lese ich höchstens im Wartezimmer.
Luise F. Pusch am 10.01.2009 um 12:06 AM
