30.07.2011
John Boehner steif und fest
Nach vier Wochen skrupellosen Polit-Theaters um die Erhöhung der US-Kreditgrenze kennen sicher alle John Boehner: Republikaner, Sprecher des US-amerikanischen Repräsentantenhauses und hauptverantwortlich für die derzeitige Krise. Sollte Obama und seinem Vize etwas zustoßen, wird Boehner als Speaker of the House automatisch Präsident der Vereinigten Staaten. Bis zum Januar dieses Jahres war diese Ehre bzw. Bürde noch für Nancy Pelosi vorgesehen.
Obama, Boehner, Pelosi - lauter interessante Namen, die von ihrer unterschiedlichen Abstammung aus Afrika, Deutschland und Italien künden.
Boehners Vorfahren wanderten wahrscheinlich, wie so viele andere Deutsche, nach der fehlgeschlagenen Revolution von 1848 in die Staaten aus. Der deutsche Name Böhner ist für AmerikanerInnen schwer auszusprechen. Während Deutsche meist beflissen “Nju Jork” sagen und nicht “Neff Jork”, sagen AmerikanerInnen entweder “Mjunick” (Munich) oder “Mantschen”, und der Unterschied zwischen München und Mönchen spielt auch keine Rolle, wie wir bei der Berichterstattung über die Fußball-WM aus „Mantschen-Glädbäck“ hören konnten.
Die normale amerikanische Aussprache von “Boehner” klänge wie „boner“ - ein Slangwort für einen „Steifen“ oder „Ständer“ (von bone „Knochen“).
Diese Assoziation möchte Boehner gern vermeiden. Also lässt er seinen Namen wie „Bayner“ aussprechen. Alle halten sich freundlich an diese Ausspracheregelung.
Neulich scherzte Boehner, er sei immerhin froh, dass er nicht „Weiner“ heiße (wie der demokratische Abgeordnete Anthony Weiner, der Ende Juni wegen eines Sex-Skandals seinen Parlamentssitz räumen musste). Weiner wird in den USA wie „wiener“ ausgesprochen, und wiener ist ein weiteres Slangwort für den Penis wegen “Wiener Würstchen”, auf US-amerikanisch kurz „wieners“. Anthony Weiner hatte versäumt, für seinen Namen eine asexuelle Aussprache zu verordnen („winner“ wäre doch besonders nett gewesen). Und so kam zu dem Schaden, den er sich durch sein Verhalten selbst zugefügt hatte, noch der Spott hinzu. Ganz Amerika lachte über Weiner und seinen wiener.
Würden die US-AmerikanerInnen die deutschen Namen deutsch aussprechen, hätten weder Boehner noch Weiner ein sprachliches Penis-Problem. Anders liegt der Fall bei dem Dirigenten Christof Prick. Denn bei „prick“ ist nicht die Aussprache das Problem, sondern das Wort selbst ist ein weiteres Slangwort für den Penis; es wird sogar als Schimpfwort für Männer benutzt: „What a prick!“ Christof Prick behilft sich damit, dass er sich Perick nennt. Warum, das wird nicht verraten auf seiner FrankenWiki-Seite. Wenig auskunftsfreudig heißt es da nur: „Im amerikanisch-englischen Sprachraum tritt Christof Prick unter dem Namen Christof Perick auf.“
Noch ein Slangwort für den Penis ist Dick. Früher störte das anscheinend niemand, weder Dick Nixon („Tricky Dicky“), Dick Cheney noch Dick Francis. Heute allerdings ist mann empfindlicher, höre ich, und als Kurzform für Richard sind nur noch Rick, Ricky oder Ritchie in Gebrauch.
Ich bin keine Männerforscherin, aber so viel habe ich schon verstanden, dass sich beim Manne fast alles um sein bestes Stück dreht. Andererseits ist es nicht professionell, einfach alles raushängen zu lassen, im Gegenteil. Im öffentlichen, professionellen Bereich sind beim Manne Assoziationen an sein Geschlecht und erst recht sein Geschlechtsteil tabu. Erst kommt das Business, und erst danach die Verbrüderung im Sex Club. Das Geschlechtliche wird seit altersher auf die Frau projiziert, um nicht zu sagen: der Frau vorgeworfen und zur Last gelegt. In der Öffentlichkeit ist nur die Frau ein Geschlechtswesen, der Mann steht dadrüber. Bei offiziellen Anlässen, z.B. der Oscar-Verleihung, erscheint der Mann stets hochgeschlossen, und die Frau lässt alles raushängen, so nackt wie gerade noch vertretbar. Selbst männliche Sexsymbole wie Brad Pitt oder Leonardo die Caprio erscheinen nicht im Lendenschurz, sondern im Smoking. Und diese Kleidervorschriften haben nicht Frauen gemacht.
Der Frau wird also genau das vorgeschrieben, was der Mann für sich als tabu setzt: die Identifikation mit dem geschlechtlichen Aspekt der Persönlichkeit. Feministinnen ignorieren die Vorschrift und kleiden sich, wie sie wollen. Frauen, die in der Männerwelt Karriere machen wollen, müssen auf einem unmöglich schmalen Grat balancieren: Sie sollen sexy sein “wie eine Frau” und „professionell wie ein Mann“. Im Weltbild des Mannes schließen sich Sex und Kompetenz allerdings gegenseitig aus. Die Erinnerung an sein Geschlecht untergräbt die Autorität des Mannes.
Untergraben wir also fleißig. Fürs erste könnten wir John Boehners Namen normal aussprechen - in aller Unschuld natürlich.
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Luise F. Pusch am 30.07.2011 um 09:14 PM



