29.08.2009
Julia Child und ihr Meistawerk
Aus Wir machen uns unsere Sprache selber: Ein Feminar. Neununddreißigste Lektion
(Für alle, die sich über das Wort Meistawerk wundern, empfiehlt sich eine Wiederholung der dritten Lektion des Feminars, A und O).

Vor einer Woche haben wir uns Nora Ephrons “überaus köstlichen” Film “Julie and Julia” angesehen, mit Meryl Streep und Amy Adams. Am 3. September läuft er in Deutschland an - richtig was zum Fräuen in diesen finsteren Zeiten. Ein Film über Kochkunst von einer Frau, die mehr von Frauen versteht, als ihr vielleicht lieb ist, vgl. Ephrons meistahaftes Drehbuch zu Sodbrennen (Heartburn)), mit zwei wunderbaren Hauptdarstellerinnen. Dem Film liegen zwei Bestsellerinnen von Frauen zugrunde: Der Bericht Julie Powells über ihre leidenschaftliche, hingebungsvolle Kochbeziehung zu dem kulinarischen Urgestein Julia Child (1912-2004) und der Bericht Julia Childs über ihre Zeit in Frankreich, My Life in France.
Julia Child hat 1961 den USA die Bibel der französischen Kochkunst beschert, nach 8 Jahren lustvoller Schwerstarbeit in der Pariser Kochakademie Cordon Bleu und in ihrer Küche. Die Bibel heißt Mastering the Art of French Cooking (hier können Sie das Werk zwar nicht kaufen, aber wenigstens einen Blick hineinwerfen), als Co-Autorinnen sind Louisette Bertholle und Simone Beck aufgeführt (aber wie uns der Film belehrt, hatte Louisette eigentlich nicht viel damit zu tun, sie war meistens faul…)
Auf Deutsch gibt es die Bibel noch immer nicht, aber das wird sich hoffentlich ändern, wenn die Deutschen den Film gesehen haben und ein sehnsüchtiges Geschrei anstimmen. Julie Powells Hommage an Julia Child gibt es bereits (Link s.o.) - nach dem Film und ihrem sympathischen Blog zu urteilen, bestimmt sehr vergnüglich zu lesen. Und auch noch lehrreich!
Was habe ich da eben geschrieben? Eine Hommage? Das ist natürlich keine Hommage, sondern eine Femmage, denn:
Im Mittelalter verstand man unter „Hommage“ eine feierliche Zeremonie, … eine symbolische Bestätigung des Vasallenvertrages, der zwischen zwei freien Männern geschlossen worden war. Dabei versicherte der Vasall dem Lehnsherren, dessen „Mann“ (franz. homme) zu sein. (Wikipedia)
Wir haben uns die Femmage an Julia Child zu drei Frauen reingezogen, das Kino war bis auf den letzten Platz besetzt, das Publikum war quietschvergnügt, die paar Männer eingeschlossen.
Hommage, also wirklich! Wieder mal müssen wir unsere Wörter selber machen, und das hört hier bei Hommage > Femmage nicht auf. Denn das Kochbuch selber, neben der wunderbaren Julia Child der zweite Gegenstand der Femmage, trägt wie gesagt den unschönen Titel Mastering the Art of French Cooking.
Drei Frauen als Autorinnen, und Julias Muttersprache hat dafür nur “Mastering” anzubieten?
Schändlich, aber das müssen wir nicht tatenlos hinnehmen. Sheila Jeffreys, von der ich grade zwei meistahafte Bücher gleichzeitig lese, zeigt uns, wie es geht:
Women spend a great deal of time and money learning and practising to be beautiful. Especially if they feel they have mistressed this well, it may be difficult to accept that it was all for naught and the skills have no value. (Sheila Jeffreys. 2005. Beauty and Misogyny: Harmful Cultural Practices in the West, S. 174).
Also: Die nächste Auflage von Julias Meistawerk sollte heißen: Mistressing the Art of French Cooking.
Und auf Deutsch? Ich schlage vor: Französische Kochkunst - Eine Femmage. Bon Appétit!
Luise F. Pusch am 29.08.2009 um 11:09 PM
