16.05.2006

Knutschfreundinnen

Gestern nacht strahlte MDR den düsteren dänischen Film Schwarze Ernte von Anders Refn nach einer Novelle von Gustav Wied aus. Falls Sie nicht gerade selbst in düsterer Stimmung sind, sollten Sie sich den Film unbedingt ansehen, wenn er mal wiederholt wird.

Ich habe durch den Film nicht nur einen tiefen Einblick in die Abgründe patriarchalen Familienterrors tun können, sondern auch ein neues Wort kennengelernt. Eine der vier Töchter des despotischen Gutsbesitzers Nils Uldahl-Ege (glänzend, widerlich: Ole Ernst) ist lesbisch; sie knutscht manchmal verstohlen mit ihrer Schwester, dann mit einer Freundin. Die Freundin heiratet einen Nachbarn. Das Gesinde zerreißt sich das Maul über die verlassene Anna in ihrem Liebeskummer: “Sie kommt nicht drüber weg, daß ihre Knutschfreundin weggeheiratet hat. - Klar, die beiden waren Knutschfreundinnen, wußtet ihr das nicht? Männer haben da nichts zu melden.”

Ich hatte das Wort Knutschfreundin noch nie gehört und gebe es hiermit weiter, zu gefälligem Gebrauch. Viele Lesben mögen ja das Wort Lesbe nicht, sagen z.B. lieber frauenliebende Frau, was ich ein bißchen langatmig und anämisch finde. Knutschfreundin ist saftig, deftig und lustig. FrauenbildJoey Horsley und ich haben ja letztes Jahr ein Buch über berühmte Knutschfreundinnen veröffentlicht. Leider kannten wir das Wort Knutschfreundin aber noch nicht, als wir nach einem passenden Titel suchten. Deshalb heißt es schlicht Berühmte Frauenpaare. Paßt vielleicht auch besser; nicht alle porträtierten Frauen waren knutschfreudig. Vielleicht nennen wir den zweiten Band Berühmte Knutschfreundinnen. Aber ich fürchte, der Verlag wird das nicht akzeptieren. Deshalb mache ich hier schon mal ein bißchen Reklame für den netten Ausdruck. Merke: Es knutschen nicht nur Elche, sondern auch Elchinnen!

Luise F. Pusch am 16.05.2006 um 05:58 PM