29.07.2007
Lili Marleen oder Dürfen Frauen Männerlieder singen?
Im Tamino-Klassikforum unterhalten sich 13 Männer und eine Frau über das Thema, ob Frauen z.B. Schuberts “Winterreise”, Schumanns “Dichterliebe” oder Mahlers “Lieder eines fahrenden Gesellen” singen dürfen.
Nachdem Männer in der Oper von Monteverdi bis Gluck zahllose Frauenrollen gesungen haben (Sängerinnen und Schauspielerinnen auf öffentlichen Bühnen waren damals verpönt), ohne sich die Frage zu stellen, ob sie das “dürfen”, wirkt diese Frage auf eine Frau schon etwas seltsam - sie wird von den 13 Männern aber sehr ernsthaft erörtert.
Über hundert Jahre lang haben Sängerinnen sich m.W. an das ungeschriebene Gesetz gehalten, daß diese “Männerzyklen” “männliches Eigentum” sind. Die erste, die gegen die Regel verstieß, war Lotte Lehmann, die sich auch sonst allerlei herausnahm und die letzten 37 Jahre ihres Lebens mit einer Frau verbrachte. Auch Christa Ludwig, Brigitte Fassbaender, Janet Baker und Jessye Norman haben die “Männerlieder” einfach gesungen. Sängerinnen der allerersten Garnitur also, die sich nicht mit den “Frauenzyklen” à la “Frauenliebe und -leben” bescheiden mochten.
Was lesen wir nun aber über diese kühnen Taten im Tamino-Klassikforum?
Auch wenn ich die Winterreise einst mit Christa Ludwig im Musikverein hörte, sicher einer der besten Interpretinnen dieses Zyklus - Ich bin der Meinung das sollte nur ein Mann singen.
meinen persönlichen Geschmack trifft es nicht, wenn Schubertlieder ... von den Damen gesungen werden. .... Verbieten kann und darf man es natürlich nicht
Als ich “Trockene Blumen” von Schubert mit einer Frauenstimme gehört habe, fand ich das intuitiv sofort “unpassend”. Das gilt auch für andere Lieder aus “Die schöne Müllerin”.
Da man den Sinn der Texte doch halbwegs beachten sollte, und eine Identifikation der Interpreten mit dem Text selbstverständlich sein sollte, ist das Besingen lesbischer Liebe noch nicht so alltäglich für mich…
Die Dichterliebe von Schumann ist für mein Empfinden ein Zyklus für die hohe oder mittlere Männerstimme,Tenor oder Bariton also. Einzelne Lieder wie “Ich hab im Traum geweinet” sind schon frauentauglich...Doch der komplette Zyklus ist für einen Mann.
Es gibt sicher einige hier sogenannte “Männerlieder” die auch von Frauen sehr schön klingen aber ich muss ganz ehrlich sagen dass es mir gefühlsmässig nichts gibt! Die Winterreise von einer Frau ergreift mich einfach nicht und macht auch keinen Sinn.
vielleicht könnte frau ja singen: das männchen sprach von Liebe…
Und gerade dieses Lied (Erlkönig) finde ich ein Lied, daß nur Männer singen sollen. Ich habs sowohl Männer als Frauen singen hören. Und bei den Frauen vermisse ich etwas. Laßt mich das mal “Tiefe” nennen.
Es sei nicht verschwiegen, daß 5 Männer und auch die einzige Frau der Diskussionsrunde nichts dagegen haben, wenn Frauen „Männerlieder“ singen. „Grimgerdes Schwester“ erinnert an das menschliche Abstraktionsvermögen:
Wenn man sich durchliest, was die meisten Sängerinnen darüber sagen, wird man feststellen, dass sie abstrahieren. Es geht weniger darum, wen man da besingt, sondern darum, was man empfindet. Aber selbst wenn da nicht abstrahiert würde - ist das ein Problem?
Da wird ihr nun aber ganz energisch widersprochen:
Abstrahieren kann der Künstler. Vielleicht. Aber kann das Publikum es auch? Denn es geht ja um die Interaktion zwischen Sänger(in) und Publikum. Es ist schon öfter in diesem Forum gesagt worden. Hier gibt es nicht den Durchschnittshörer. Was man Taminomitgliedern zumuten kann, darf man nicht Otto Normalverbraucher zumuten.
Otto Normalverbraucher? Das Publikum?
Sie haben diese Scheinfrage schon vor fast 70 Jahren, im Zweiten Weltkrieg, klar entschieden:
Das Lied „Lili Marleen“ von Hans Leip, gesungen von Lale Andersen, war das Lieblingslied der Frontsoldaten. Sie waren so süchtig danach, daß sie massenhaft protestierten, als der Soldatensender Belgrad es nicht mehr regelmäßig zum Abend sendete. Daß es ein „Männerlied“ ist (im Text sehnt sich ein Mann nach seiner Lili Marleen), scherte sie kein bißchen. Die meisten Soldaten werden sich nach einer oder ihrer Frau/Freundin gesehnt haben. Diese Sehnsucht linderte Lale Andersens Stimme.
Können Millionen irren? Noch dazu ausgerechnet Soldaten, in so einer „delikaten“ Frage?
Luise F. Pusch am 29.07.2007 um 12:52 AM
