20.03.2010
Man als Lesbe: Lange L-Nacht in Hannover
Gestern gingen wir mit fünf Freundinnen in die “Lange L-Nacht”, zu der die Stiftung “Leben und Umwelt” eingeladen hatte. Was doch so ein kleiner Buchstabe ausmacht: “Leben und Umwelt” wurde nicht zu “L und Umwelt”, nur “Lesbennacht” zur “L-Nacht”.
Es wurde für uns mehr ein überfüllter Abend als eine lange Nacht. Alle großen und kleinen Ls aus Hannover und Umgebung waren herbeigeströmt, besetzten sämtliche der eng gestellten unbequemen Stühle oder ließen sich an der weiträumigen Bar von dem einzigen anwesenden Herrn bedienen; er bediente später auch die widerspenstige Elektrik. Von den dunkel bemalten Wänden sahen überlebensgroße Männergesichter der Rock- und Popwelt auf uns herab.
Zuerst sangen uns die Leineperlen was vor, Hannovers beliebter Lesbenchor, der ersichtlich Freude am Singen und an sich selbst hatte. Was dem nach norddeutscher und nach Lesbenart eher reservierten Chor an Schwung fehlte, glich das Publikum mit seiner Begeisterung wieder aus. Wir waren hergekommen, um uns mitreißen zu lassen.
Nach den Leineperlen trat das hochkarätig besetzte Podium in Aktion, Thema: “Rolemodels in der lesbischen Community”. Ja, auch Lesben können Englisch. Moderatorin war Renate Steinhoff von der Stiftung Leben und Umwelt, die gerade eine Stunde bei den Leineperlen mitgesungen hatte - sie schien etwas mitgenommen, hielt aber durch bis zum Schluss. Links von ihr in Lesbischwarz die Politlesben Anja Kofbinger, Berliner Landtagsabgeordnete für B90/Die Grünen, und Gabriele Bischoff von der LAG Lesben in Düsseldorf. Rechts von der Moderatorin die Kulturlesben Manuela Kay, Chefredakteurin des L-Mag, Berlin, und Karen-Susan Fessel, Autorin von 27 Büchern für Kinder und Erwachsene, wie sie uns einschärfte, und Mitautorin von “Out”, dem “Who ist Who der Lesben und Schwulenbewegung”. “Stehst du da auch drin?” fragte mich Juanita. “Ja”, sagte ich.
Kay und Fessel vertraten die dritte lesbische Moderichtung an diesem Abend. Die Glamour-Lesben à la L-Word bzw. Will&Meckel waren dem Ereignis ferngeblieben, die Leineperlen waren nach dem Motto “Hauptsache bequem” angetreten, dem auch die Mehrheit des Publikums anhing (ich auch), die Politlesben in elegant-korrektem Lesbischwarz, und Kay und Fessel führten den maskulinen Lesbenschick vor, Kay eher in der Holzfällervariante, Fessel eher wie Mackie Messer. Fessel lächelte meist amüsiert, Kay sah eher missmutig ins erwartungsvolle Publikum und blühte erst auf, wenn sie redete. Die Politlesben dagegen - echte Profis im Umgang mit dem Publikum, durchgehend zugewandt, humorvoll und freundlich, ob sie redeten oder zuhörten.
Die äußere Anmutung der Diskutanten und -onkels auf dem Podium war also schon sehr spannend, vielfältig und aufregend - wie viel mehr erst das, was sie dann so sagten. Hauptthema waren ja die “Rolemodels” und die Frage, warum haben wir so wenige davon, warum kommen die alle nicht raus, verdammt nochmal. Kay äußerte sich dazu am entschiedensten, sie fände es nicht in Ordnung, wenn man als Lesbe im Versteck lebte, wenn man als Lesbe nicht die Zivilcourage zum Coming Out aufbrächte. Sie verwies auf ihre eigene Aufmachung und lachte: “Na seht mich doch an! Manche können halt nicht umhin, wie ein lebendes Klischee auszusehen.” Tatsächlich war schon ihre Kleidung ein unmissverständliches Coming-Out.
Dann ging es neiderfüllt um die offen schwule Politprominenz, von Beust über Wowi bis hin zu Westerwelle. Kofbinger plauderte aus dem Berliner Nähkästchen, natürlich gäbe es in der Regierung auch Lesben. “Doch nicht etwa Merkel höchstpersönlich?”, hörte ich eine erschreckt aufjapsen. “Neinnein”, beruhigte Kofbinger, “aber auch schön blond und bieder, lebt mit Partnerin mitten in Berlin - aber mal ein kleines Coming Out wagen? Ist nicht drin!”
Gut, in der Politik sind wir vielleicht mit Rolemodels nur knapp bestückt, aber dafür haben wir ja in der Sparte Kultur so allerlei, hieß es: Anne Will, Maren Kroymann, Ulrike Folkerts, Hella von Sinnen. Aha - Kultur wird also hier mit Fernsehen gleichgesetzt, dachte ich, ist ja ulkig. Keine offenen Lesben in der Literatur-, Kunst-, Theater- oder Musikszene? Genannt wurden sie jedenfalls nicht. Ein Besuch auf der FemBio-Seite “Frauenbeziehungen” hilft da garantiert weiter. Die meisten der dort mit Links zu ihren FemBiographien aufgeführten Lesben aus Kunst, Literatur, Politik, Musik und Sport sind zwar historisch, aber Lesben werden ja mit zunehmendem Alter nicht schlecht, sondern immer interessanter.
Gut, kommen wir zum Sport. Da ist ja lesbisch mächtig was los, aber alles schön unterm Teppich. Kay von L-Mag berichtete, sie löchere seit Jahren unsere Frauen-National-Elf, ob sie nicht mal im L-Mag ihr Coming-Out machen wollten. Keine wollte jemals. “Ja, wenn man als Lesbe nichtmal dafür den Mumm aufbringt”, sagte Kay…
Bischoff machte einen genialen Vorschlag: “Dann schreib doch einfach über die Heten in der Frauen-Nationalelf. Kay lachte: “Ich fürchte, da finde ich keine.”
“Wenn man als Lesbe derartig feige ist, das ist schon zum Weinen”, hörte ich.
Nach der Diskussion und vor Verabreichung der Häppchen (“in der Nähe der Toiletten”) sprach mich eine ältere Lesbe an: “Wie reden die denn hier? Man als Lesbe - geht’s noch? Da wird einer ja schlecht. Sind die noch zu retten?”
Aber ganz so konservativ waren die hannöverschen L-Mädels auch wieder nicht. Als die Moderatorin scheinbar sagte “Wenn der eine oder der andere…” fielen ihr einige lautstark ins Wort und schrien “die eine oder die andere, bitte!” “Lasst mich ausreden”, sagte die Moderatorin ruhig: “Also wenn der einen oder der anderen noch was dazu einfällt, bitte melden.”
Merke: Der Dativ ist NICHT der Frauensprache ihr Tod. Er klingt nur so.
Also was femilesbe alles so durchmacht … Und erst femilinguistin!
Luise F. Pusch am 20.03.2010 um 06:05 PM
