24.07.2011
Massakrament
Das „Massaker von Utøya“ - auf diese Bezeichnung scheinen die Medien sich geeinigt zu haben. Kein „Amoklauf“ wie in Winnenden - dazu ging der Täter wohl zu planmäßig vor, indem er durch sein „Ablenkungsmanöver“ der Bombe im Regierungsviertel sämtliche Polizeikräfte ins Zentrum von Oslo lenkte, um dann auf der Ferieninsel ungestört in 90 Minuten 68 Jugendliche abzuknallen.
Mir ist kein Massaker bekannt, in dem nicht Männer die Täter waren (eine schier endlose Liste von ihnen gibt es hier). Und mir ist kein Massaker bekannt, das irgendwelches öffentliches Nachdenken über die männliche Täterschaft ausgelöst hätte außer von Feministinnen, die dafür dann als Feminazis diffamiert und der „unzulässigen Verallgemeinerung“ beschuldigt wurden.
Aber Norwegen ist ein fortschrittliches und feministisch ziemlich hoch entwickeltes Land. Vielleicht beginnt jetzt, ausgehend von Norwegen, endlich ein Nachdenken über den „Gender-Aspekt“ dieses Massakers und aller anderen Massaker. Dann gäbe es nicht nur Schockstarre, Trauer und Abscheu, sondern vielleicht sogar Hoffnung.
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Das Wort Massaker von frz. massacre wird in den Lexika etymologisch sehr unterschiedlich erklärt. Manche sagen, der Ursprung sei unbekannt (Duden Herkunftswörterbuch). Andere verbinden es mit Metzeln, Metzger (Wiktionary englisch). Wieder andere mit mallet (Hammer) (dictionary.com).
Da also niemand so recht bescheid weiß, möchte ich hier einige feministische Vermutungen zum Ursprung des Wortes vortragen.
Auffällig, aber in den etymologischen Artikeln ebenso auffälligerweise niemals thematisiert, ist der Wortbestandteil sacre (heilig, geheiligt, Opfer), vgl. Sakrament, Sakralmusik, Sakrileg. Wir kennen es von Sacré Coeur, der Herz-Jesu-Basilika auf dem Montmartre (Märtyrerhügel!), von Strawinskys Sacre du Printemps (Frühlingsopfer). Das Ballett schildert die rituelle Opferung einer Jungfrau (!) im heidnischen Russland.
Das Alte Testament beginnt mit einem Brudermord (Kain und Abel), das Neue mit einem Massaker an Knaben unter zwei Jahren, dem Bethlehemitischen Kindermord (engl. Bethlehem massacre).
In „christlichen“ Religionskriegen und auf Kreuzzügen massakrierten sich die Anhänger unterschiedlicher Glaubensrichtungen gegenseitig. In der Zeit des Hexenwahns verbreitete die christliche Kirche Angst und Schrecken und brachte Zehntausende unschuldiger Frauen und Männer dem “rechten Glauben” zum Opfer.* Die Azteken brachten ihrem Sonnengott Menschenopfer dar. Im sogenannten Heiligen Krieg (Dschihad) moderner Spielart opfern Selbstmordattentäter sich selbst und möglichst viele andere zur höheren Ehre Allahs. Der Massenmörder von Oslo und Utøya präsentierte sich im Internet als Rechtsradikaler und christlicher Fundamentalist.
Es besteht eine unheilige Allianz zwischen Religionen mit einem männlichen Gott im Zentrum und Massakern im „heiligen“ Dienst an diesem herrischen Gott. Der Gott verlangt Opfer. Gläubige müssen für ihn sterben (als Märtyrer) und Ungläubige erst recht.
Zwar verkündete Jesus ein Evangelium der Liebe, aber er drang nicht durch; vielmehr wurde seine Botschaft im Laufe der Zeit ins Gegenteil verkehrt.
All diese Männerreligionen ziehen eine breite, endlose Blutspur durch die Jahrtausende. Es wird Zeit, dass wir ihnen abschwören und entweder gar keiner Religion mehr anhängen oder einer mit liebevollen Göttinnen, gemäß den alten feministischen Sprüchen: “God is coming - and is she pissed!” und “I’ve seen God, and guess what - She’s black.“ Vielleicht bringt das auch nichts, aber eine Chance hätten sie verdient. Die patriarchotische männliche Selbstvergottung mit Hilfe männlicher Götter hat jedenfalls wieder und wieder bewiesen, dass sie direkt ins Inferno führt.
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Nachtrag am 25.7.: “Der Massenmörder ist getrieben vom Hass auf Frauen, speziell Feministinnen”, das geht aus seinem 1500-Seiten-Manifest hervor, das er kurz vor dem Massaker ins Internet stellte. Emma bringt dazu eine Analyse von Michelle Goldberg. Dank an Anne Beck für den Hinweis.
Nachtrag am 28.7.: Amy Goodman von Democracy Now im Gespräch mit Jeff Sharlet über Rechtsextremismus und Hass auf Feministinnen in dem Internet- Manifest des Massenmörders Breivik. Dank an Brigitta Huhnke für den Hinweis.
Nachtrag am 31.8.: Regina Frey “Zur geschlechterpolitischen Verortung des Norwegen-Attentäters Breivik”.
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*Zum Thema Hexenverfolgung empfiehlt FemBio:
Joey Horsley. “Weise Frauen, Hebammen und die europäische Hexenverfolgung.” In Tönnies-Forum 3/92 1. Jg. (1992): 26-42 (PDF-Datei)
(aktualisierte, aber auf Vortragslänge gekürzte deutsche Fassung von “On the Trail of the ‘Witches’” siehe unten.)
Ritta Jo Horsley and Richard A. Horsley. “On the Trail of the ‘Witches’: Wise Women, Midwives and the European Witch Craze.” Women in German Yearbook 3. Marianne Burkhard and Edith Waldstein, eds. University Press of America, 1986. 1-28.
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Luise F. Pusch am 24.07.2011 um 04:14 PM


