27.03.2010

Mein Feuchtgebieter: Über “Arabella” von Strauss und Hofmannsthal

Als deutsche Bildungsbügerin bin ich immer bestrebt, mich fortzubilden, wo ich gehe und stehe. Oder sitze.
Zur Zeit höre ich mich im Badezimmer durch alte Musicassetten. Dabei stieß ich vor kurzem auf Arabella, genauer gesagt auf ein musikalisches Selbstporträt von Lisa della Casa aus dem Jahre 1958. Mitte der 90er Jahre war es mal wieder gesendet worden; aus dieser Zeit stammt meine Aufnahme.

Ich putzte mir versonnen lauschend die Zähne, da hörte ich die della Casa singen:

Du wirst mein Geliebter sein
Und ich dir untertan.

Trotz der betörenden Musik war ich not amused und ging der Sache nach Beendigung der Morgentoilette auf den Grund. Die “Arabella” hatte ich vor rund 40 Jahren zuletzt gesehen; sehr präsent war sie mir nicht mehr. Es ist ein operettenhafter Stoff, “letzte reife Frucht” der überaus fruchtbaren Zusammenarbeit zwischen dem Komponisten Dr. Richard Strauss (so unterschreibt er immer, und so wird er von seinem Librettisten auch angeredet) und dem Dichter Hugo von Hofmannsthal.
Und was diese reifen Früchtchen ausgebrütet haben, ist folgende Story: Graf Waldner hat sein Vermögen durchgebracht und kann sich nur retten, wenn er seine schöne, vielumschwärmte Tochter Arabella möglichst reich verheiratet. Er schickt seinem alten Regimentskameraden ein Bild der jungen Schönheit. Der Alte ist allerdings schon verblichen; Erbe seiner weitläufigen Ländereien ist der etwas hinterwäldlerische, aber edle und stattliche Mandryka. Der eilt herbei, bezaubert von dem Bildnis Arabellens und möchte sie vom Fleck weg heiraten. Nach ein paar Verwicklungen klappt das auch, und alle sind happy.

Zuvor aber müssen wir uns folgende Entgleisungen anhören:

ARABELLA (zu ihrer Schwester über einen ihrer Anbeter)
Er ist der Richtige nicht für mich!
Er ist kein ganzer Mann. Ich könnt mich halt vor ihm nicht fürchten.
Wer das nicht ist, der hat bei mir verspielt!
[…]
Ich kann ja nicht dafür, dass ich so bin.
Ein Mann wird mir gar schnell recht viel
und wieder schnell ist er schon gar nichts mehr für mich!
[…]
Ganz ohne meinen Willen dreht sich dann mein Herz
und dreht sich los von ihm. Ich kann ja nichts dafür -
aber der Richtige - wenn’s einen gibt für mich auf dieser Welt -
der wird auf einmal dastehen, da vor mir
und wird mich anschaun und ich ihn
und keine Zweifel werden sein und keine Fragen
und selig werd ich sein und ihm gehorsam wie ein Kind.

Eine Ideologie selig-verblendeter Unterwerfungs-Erotik wird da verbreitet - was sage ich - wird besungen und zelebriert mit den schönsten Eingebungen des alten Strauss, dass sich uns der Magen umdreht.
Die Unterwerfungsorgie wurde 1933 in Dresden uraufgeführt: passend zum Führerprinzip die Oper über den edlen starken Mann hinterwäldlerischer Herkunft, der der Richtige ist, weil man bzw. frau sich vor ihm fürchten kann, und von dem sie sich, “gehorsam wie ein Kind”, selig führen lassen kann:

Und du wirst mein Gebieter sein und ich dir untertan
dein Haus wird mein Haus sein, in deinem Grab will ich mit dir begraben sein -
so gebe ich mich dir auf Zeit und Ewigkeit.

Diese schönen Zeilen - Herzstück der Oper und eine der berühmtesten Strauss-Arien - singt Arabella für ihren Führer, nachdem er ihr folgendes versprochen hat:

Darum kann ich erst leben wenn ich etwas Herrliches
erhöhe über mich, und so in dieser Stunde
erhöh ich dich, und wähle dich zu meiner Frau
und wo ich Herr bin, wirst du Herrin sein
und wirst gebieten, wo ich der Gebieter bin!

Unheimlich, diese Parallele zwischen dem führertrunkenen, vom Führer “erhöhten” deutschen Volk, und der unterwerfungssüchtigen Arabella.

Beim Zähneputzen hatte ich die Worte der berühmten Arie nicht richtig verstanden. Arabella singt nicht “Du wirst mein Geliebter sein”, sondern “mein Gebieter”. Nachdem der Führer ihr zuvor die Mitherrschaft über seine Ländereien/Gebiete, über die er gebietet, versprochen hat, “gibt” sie sich ihm “auf Zeit und Ewigkeit”, macht ihn zum Gebieter über ihre Feuchtgebiete, denn andere Gebiete hat sie nicht zu bieten. Das gemeinsame Grab wird auch schon beschworen, ein Feuchtgebiet ganz eigener Art.

Luise F. Pusch am 27.03.2010 um 01:37 PM